Süddeutsche Zeitung

Vereinigtes Königreich:Johnson verschiebt die Freiheit

Eigentlich wollten sich die Briten am 21. Juni lossagen von allen Corona-Beschränkungen. Doch der rasche Anstieg der Infektionen durch die Delta-Variante lässt das nicht zu. Der Premierminister verkündet Unerfreuliches.

Von Michael Neudecker

Acht Torschüsse, 453 gespielte Pässe, 46 Prozent Zweikampfquote und 50 Prozent Ballbesitz, mit diesen Zahlen hätte England durchaus zufrieden in diese Woche gehen können, die vermeintlich finale auf dem Weg in die Freiheit. Aber Fußballzahlen wirken natürlich lächerlich unbedeutend in diesen Tagen, sogar im Vereinigten Königreich, wo nun auch in London die Europameisterschaft begann. 7490, plus 64 Prozent, 65, das waren die Zahlen, um die es am Montagabend ging: tägliche neue Corona-Fälle, Veränderung im Vergleich zur Vorwoche, Inzidenz.

Täglich mehr als 7000 Neu-Infizierte, das ist zwar immer noch weit entfernt von den 81 500, die Ende Dezember registriert wurden - aber der Anstieg lässt Besorgnis aufkommen, zumal die anfangs nur lokal aufgetretene Delta-Variante inzwischen im gesamten Land verbreitet ist. Und deshalb hielten am Montagabend einmal mehr Premierminister Boris Johnson, sein Gesundheitsberater Chris Whitty und der wissenschaftliche Berater Patrick Vallance eine dieser Pressekonferenzen ab, die längst zum schaurigen Alltag der Briten gehören.

"In den am schlimmsten betroffenen Gegenden verdoppelt sich die Zahl der Infizierten jede Woche", sagte Johnson, deshalb sei er sehr besorgt über die Delta-Variante. Gleichzeitig, sagte Vallance, wisse man, dass die Impfstoffe "sehr effektiv gegen die Delta-Variante" seien. Die Zahl der Patienten, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden, steige nicht annähernd so stark wie die Fälle selbst. Eine zweite Impfung, führte Whitty aus, führe zu einem Schutz von 85-98 Prozent. Johnson und die beiden Wissenschaftler präsentierten wie immer mehrere Folien voller Zahlen, sie waren bemüht, die schlechte Nachricht so gut wie möglich zu verkaufen. Montag kommender Woche, der 21. Juni, war eigentlich als "freedom day" im Kalender der Briten vermerkt, als jener Tag also, an dem sich das Land lossagen wollte von allen Corona-Beschränkungen. Nun ist klar, dass die Freiheit noch warten muss: bis 19. Juli, vorerst.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass im Königreich auch seriöse Experten eine dritte Welle für kaum möglich hielten. Doch die Delta-Variante, jene, die zuerst in Indien entdeckt worden war, breitete sich rascher aus, als es Johnsons Regierung wahrhaben wollte. Zwar schreitet auch das Impfprogramm immer noch auf beeindruckende Weise voran, aber inzwischen steigen eben auch die Infektionen seit Wochen kontinuierlich. Und: 96 Prozent der Covid-19-Fälle sind nun auf die Delta-Variante zurückzuführen. Bis 19. Juli soll nun jeder Erwachsene über 18 Jahren seine erste Impfung bekommen haben, zudem sollen zwei Drittel der Erwachsenen bereits zweimal geimpft sein.

"I'm sorry", sagte Johnson am Montagabend immer wieder, er weiß ja, dass all das auch seinem Ruf als erfolgreicher Corona-Bekämpfer schadet. Wenigstens eine gute Nachricht hatte er aber dabei: Für Hochzeiten werden die Beschränkungen aufgehoben, es können zu diesem Anlass ab 21. Juni mehr als 30 Menschen gemeinsam feiern. Heiraten und Fußball schauen, das sind die Strohhalme, an die sich Großbritannien in den nächsten Wochen klammern soll.

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