Süddeutsche Zeitung

Brexit:Das Milliarden-Argument

Beim Referendum kommt es auf einen Faktor an: Geld.

Anders als viele Deutsche haben die Briten ein sehr pragmatisches Verständnis von der EU. Bereits 1975, als das Vereinigte Königreich erstmals über den Verbleib in der europäischen Gemeinschaft abstimmte, war die Debatte nicht von der romantischen Vision eines vereinten Europas geprägt, sondern von ökonomischen Fakten. Damals darbte Großbritannien wirtschaftlich vor sich hin; es wollte weniger in die Gemeinschaftskasse zahlen, aber weiter teilhaben an den EU-Förderprogrammen. Nun, im Jahr 2016, wächst das Land stärker als die meisten Mitgliedstaaten. Aber auch diesmal kommt es beim Referendum besonders auf einen Faktor an: Geld.

Wenn die Briten das Gefühl haben, dank der EU mehr in der eigenen Tasche zu haben, sind sie eher geneigt für Europa zu stimmen. Kein Wunder also, dass die Förderbank der EU ausgerechnet zwei Monate vor dem Referendum eine Milliarde Pfund für den Bau neuer Sozialwohnungen in Großbritannien bereitstellt - und vorsichtshalber gleich selbst darauf hinweist, dass dadurch Arbeitsplätze entstehen und die Heizkosten britischer Haushalte sinken.

Für die EU stellt sich die Frage, ob die Bank angesichts der Brexit-Gefahr eine solch hohe Summe freigeben soll. Mal davon abgesehen, dass der Kredit solide finanziert ist, gehört die Bank den EU-Staaten. Und so vertritt sie eben ein klares politisches Interesse: Bleibt drin!

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Quelle:
SZ vom 27.04.2016
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