Süddeutsche Zeitung

Brasilien:Volle Kanone

Präsident Jair Bolsonaro lockert die Waffengesetze seines Landes. Dabei gehört es schon jetzt zu den gewalttätigsten der Welt.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Als Alice Pamplona da Silva starb, war sie gerade mal fünf Jahre alt, und vom neuen Jahr waren erst ein paar Stunden vergangen. Damals, am 1.1.2021, sah sich das Mädchen um kurz nach Mitternacht auf einem Hügel in ihrer Armensiedlung gemeinsam mit ihrer Familie das Feuerwerk an, das weiter unten im Zentrum von Rio de Janeiro abgebrannt wurde. Es knallte und es krachte, auf einmal aber brach Alice zusammen. Verletzung durch einen Feuerwerkskörper, dachten die Ärzte zuerst, bald aber stellte sich heraus: Eine Kugel hatte das Mädchen getroffen.

Alice wurde zum ersten Schusswaffenopfer Brasiliens 2021, doch während das Jahr für ihre Familie mit der größtmöglichen vorstellbaren Katastrophe begann, startete es ausgerechnet für die Fans von Pistolen und Gewehren mit einer denkbar guten Nachricht: Wurde früher bei Waffenimporten in Brasilien eine Steuer von 20 Prozent erhoben, ist diese seit 1. Januar komplett abgeschafft. Das heißt auch: Knarren werden billiger, in einem Land, das ohnehin schon zu einem der gewalttätigsten der Welt gehört.

Was wie ein Widerspruch klingt, ist für den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro nur die stringente Fortführung einer in seinen Augen logischen Kampagne zur Aufrüstung der brasilianischen Zivilgesellschaft. Nach der Abschaffung der Importsteuern hat er auch schon längst wieder nachgelegt: Mitte Februar erhöhte Bolsonaro per Dekret die Zahl der Waffen, die Bürger legal erwerben können. Bis zu sechs Waffen dürfen Brasilianer ohne Vorstrafen nun bei sich zu Hause horten, bei Jägern steigt die Zahl auf 30, bei Sportschützen sogar auf bis zu 60. Gekauft werden dürfen auch mehr Munition und Kaliber, die vorher nur der Polizei und dem Militär zugänglich waren.

Schon im Wahlkampf 2018 hatte Bolsonaro versprochen, das Waffenrecht zu lockern, sollte er gewinnen. Gerne formte er seine Hand bei Auftritten zu einer Pistole und gab imaginäre Luftschüsse ab. Für den rechtspopulistischen Politiker sind Waffen nicht nur ein Bürgerrecht, sondern auch der beste Weg, um Verbrechen und Gewalt zu bekämpfen.

Eine App fürs Smartphone warnt vor Schüssen in der Nähe

Die sind in Brasilien omnipräsent: Mächtige Drogengangs bekriegen sich gegenseitig und kämpfen gleichzeitig mit mafiösen Milizen und der Polizei. Während es in Deutschland Apps gibt, die vor Unwettern warnen, laden sich Brasilianer "Fogo Cruzado" aufs Smartphone: Der Dienst warnt Nutzer mit Push-Nachrichten, wenn es Schießereien in der Nähe gibt.

60 000 Morde gab es 2017 in Brasilien, dem schwärzesten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Seitdem sind die Zahlen gesunken, auf 40 000 im Jahre 2019. Experten schätzen, dass diese Abnahme vor allem damit zu tun hat, dass miteinander verfeindete Drogenbanden die Kämpfe eingestellt haben, weil sie gemerkt haben, dass all die Gewalt ihrem Geschäft schadet. Präsident Bolsonaro aber feiert den Rückgang der Gewalt als einen Beweis für seine Politik.

Denn während die Zahl der Tötungsdelikte seit dem Amtsantritt des Präsidenten abgenommen hat, ist die Zahl der offiziell registrierten Waffen geradezu explodiert: 450 000 Pistolen und Gewehre sind seit 2019 neu hinzugekommen, ein Anstieg um 65 Prozent. 1,2 Millionen Schusswaffen gibt es nun offiziell in Brasilien.

Bei 211 Millionen Brasilianern ist das vergleichsweise nicht viel, und allein in Deutschland sind fast fünfmal so viele Pistolen und Gewehre registriert wie in dem südamerikanischen Land. Allerdings, und das ist das Problem, sind die legalen Waffen nur die kleine Spitze eines riesigen Bergs aus illegal gekauften Feuerwaffen. Ihre Zahl, so schätzt das Forschungsinstitut Insper aus São Paulo, könnte zehn bis 15 Mal so hoch sein. Mal sind es Kleinkaliber, die bei braven Familienvätern heimlich in der Nachttischschublade liegen, oft aber auch Schnellfeuergewehre, die über den Schultern von Gangmitgliedern hängen.

Für das Forschungsinstitut Insper steht auch fest, dass ein größerer Anteil an Waffen auch immer mehr Gewalt bedeutet; dass nicht mehr nur verfeindete Drogendealer, Kriminelle und Polizisten auf einander schießen, sondern auch Ehemänner auf Ehefrauen, wenn sie glauben, dass diese sie betrogen haben. Ganz normale Konflikte könnten ausarten und Nachbarschaftsstreitigkeiten tödlich enden. Manche Kritiker glauben sogar, dass nicht nur Menschenleben in Gefahr sind, sondern die Demokratie.

Bolsonaro könnte es nicht nur darum gehen, den Bürgern Waffen in die Hand zu geben, damit diese sich gegen Kriminelle zur Wehr setzen können. Der Präsident wolle seine Unterstützer im Gegenteil vor allem deshalb bewaffnen, damit diese ihm im Zweifelsfall dabei helfen, seine Macht zu sichern, sagen Kritiker wie der Linke Abgeordnete Marcelo Freixo. Nächstes Jahr finden in Brasilien Präsidentschaftswahlen statt. Bolsonaro wird vermutlich wieder antreten, seine Chancen stehen nicht schlecht, und seine Zustimmungswerte sind hoch.

Die Frage ist aber, was passiert, wenn Bolsonaro doch verliert. Wird es zu einem friedlichen Machtwechsel kommen - oder zu Szenen, wie es sie nach den US-Wahlen gab, als das Kapitol von Trump-Anhängern gestürmt wurde. Bis heute zählt sich ein Mann zu den größten Fans des ehemaligen US-Präsidenten: Jair Bolsonaro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5219315
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.