Süddeutsche Zeitung

USA und China:Gedeckte Tafel, viele Speisen, fehlendes Besteck

Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao besucht die USA. Dem Treffen der rivalisierenden Supermächte wird schier übernatürliche Bedeutung zugemessen.

Stefan Kornelius

Die Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten ruhen auf jeder Menge Vorurteilen, Unkenntnis und viel Geld. Das ist nicht unbedingt eine ideale Kombination, um die wohl bedeutendste Staaten-Paarung des 21. Jahrhunderts glücklich zu gestalten. Denn nur darum geht es: Werden die beiden Mächte ihr wechselseitiges Verhältnis friedlich organisieren? Und wie wird sich der Rest der Welt um diese Konstellation gruppieren?

China ist eine Nation mit einer lange währenden Erfahrung im Umgang mit der Welt. Die selbst verursachte und später von den Weltmächten ausgenutzte Isolation der vergangenen Jahrhunderte ist eine historische Anomalie. Die USA hingegen sind in ihrer kurzen Geschichte immer eine expansive und extrovertierte Nation gewesen. Amerika glaubt an die Kraft seiner Botschaft - das letzte Jahrhundert trägt nicht zu Unrecht den Beinamen: das amerikanische.

Nun prallen beide Mächte mit Wucht aufeinander, weshalb einem Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten in Washington schier übernatürliche Bedeutung beigemessen wird. Müssen am Ende also aufstrebende Nationen auch immer rivalisierende, gar verfeindete Nationen sein? Ist der Zusammenstoß zwischen China und den USA unvermeidlich?

Supermachts-Rivalitäten unterliegen grundsätzlich einer gefährlichen Dynamik; der Kalte Krieg zwischen dem westlichen und dem sowjetischen Lager hält dafür ausreichend viele Beispiele parat. Die Rivalität zwingt andere Staaten zur Parteinahme, sie fördert den Rüstungswettlauf, sie wird angeheizt von Nationalismen. Die Führungen solch gewaltiger Staaten wie China oder Amerika werden aber auch von den Ängsten ihrer eigenen Bevölkerung getrieben. Sinophobie, die Furcht vor einem erstarkenden China, hat auch viele Europäer gepackt. Und der chinesische Nationalismus ist eine hässliche und immer häufiger zu beobachtende Erscheinung, die sich auf Pekings Straßen, vor der Botschaft Japans etwa, oder generell gegenüber allem Fremden austobt.

Die tiefen Ursachen für das geringe Verständnis zwischen China und den USA, ja dem Westen generell, liegen in Geschichte und Kultur, im politischen und gesellschaftlichen System begründet. China agiert meist aus der Position der nachholenden, unterdrückten, unverstandenen, schlecht behandelten Nation heraus.

Es sieht seine historische und kulturelle Bedeutung unzureichend gewürdigt, seine wirtschaftliche Dynamik gehemmt. Die USA müssen hingegen feststellen, dass in China eine Nation von ungeahnter Stärke, Leistungskraft und Disziplin heranwächst, die sich nicht fügt in ein bestehendes Ordnungsschema. Dies nämlich ist das Schlüsselthema: Nach welcher Ordnung wird die amerikanisch-chinesische Welt funktionieren? Welche Regeln gelten?

Washington musste akzeptieren, dass sich Peking den amerikanischen Prinzipien von Demokratie und Menschenrechten entziehen kann. Auch wenn das chinesische System keinen missionarischen Zwang auf den Rest der Welt entwickelt, wie es etwa der Sowjet-Kommunismus tat, so ist es doch stabiler, als viele Auguren vorhergesagt haben. Die Ein-Parteien-Herrschaft und vor allem die Behandlung von Abweichlern sind ein Ärgernis - aber die Dominanz der KP Chinas werden die nächsten US-Präsidenten zähneknirschend hinnehmen müssen.

Die Beziehungen werden zunächst in klassisch realpolitischer Manier von den großen und kleinen Problemen des Tagesgeschäfts entschieden: territoriale Dispute wie um Taiwan oder die Hoheitsgrenzen auf See, ökonomischer Zwist um den Währungskurs, Zölle und Tarife, handelspolitische Streitigkeiten um Rohstoffe und geistiges Eigentum, sicherheitspolitische Erregungen über Tarnkappenbomber, Flugzeugträger und Mittelstreckenraketen.

Die USA und China sitzen an einer reich gedeckten Tafel, aber es fehlt das Besteck, es fehlt das Werkzeug, um mit den vielen Speisen umzugehen. Hinzu kommt, dass gerade in den vergangenen zwei Jahren die Spannung gewachsen ist. Wie immer geht es um die simple Frage: Wer hat angefangen? War es Washington mit dem Waffenverkauf nach Taiwan und der Unterstützung der Tibeter? Oder war es Peking mit seiner aggressiven Nachbarschaftspolitik, seiner Rohstoff-Jagd in der Dritten Welt und vor allem seiner Rüstungspolitik?

Der Kalte Krieg hat - für den Westen zumindest - ein paar sinnvolle Lehren hinterlassen. Von höchster Bedeutung war die Erkenntnis, dass Konflikte steuerbar sind, wenn es dafür einen Rahmen gibt: Organisationen, die beide Seiten zusammenführen. China und die USA haben diese Kontakte bisher vernachlässigt.

Der strategische Dialog ist mühsam. Wenn die Präsidenten der beiden Länder nun zusammentreffen, dann haben sie eine schöpferische Chance: Es liegt an ihnen, die Dimension dieser neuen Beziehung zu kartographieren und ein paar Expeditionstrupps zusammenzustellen mit dem Auftrag, den Weg zu erkunden. Dabei geht es um Vertrauen und Offenheit - Klassiker im Staatengeschäft. Und es geht um die Erkenntnis, dass keiner von beiden einen Vorteil daraus ziehen wird, wenn die Welt wieder einmal in feindliche Lager zerfällt.

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SZ vom 19.01.2011/olkl
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