Süddeutsche Zeitung

Bedrohung durch Krieger-Islam:Dschihadismus wird zur Geißel der Welt

Die Bilanz des "Krieges gegen den Terror" ist niederschmetternd: Im Irak, in Syrien und in anderen Ländern ist ein ultraradikaler Kalaschnikow-Islam entstanden. Gewalt ist oft die einzige Botschaft. Auch der nicht islamischen Welt kann das gefährlich werden.

Kommentar von Tomas Avenarius, Kairo

Dutzende, ja Hunderte Männer. Gefesselt, geschlagen, vorangetrieben wie Vieh. Am Ende liegen die einen in Gräben, die anderen stehen zitternd am Flussufer. Schüsse beenden ihr Martyrium. Das Massaker wird im Internet veröffentlicht, von den Mördern, es sind Kämpfer des "Islamischen Staats" (IS/Isis).

Die Massenexekution geschah im Juli in Tikrit, dem Heimatort Saddam Husseins. Eine Todesfabrik 2014 im Irak - dem Land, dem die USA mit Panzern Freiheit und Demokratie bringen wollten. Die Bilanz von 13 Jahren "Krieg gegen den Terror" ist niederschmetternd.

Ob Irak oder Afghanistan - nicht Demokratie und Rechtsstaat waren die Folge der Interventionen, sondern noch mehr Tod und Leid. Isis kann sich heute mit der Exekution von 1500 Menschen brüsten, kann noch mehr Gewalt androhen. Der "Arabische Frühling" mit dem Sturz von Diktatoren hat ebenfalls wenig Positives geschaffen, einzelne Staaten mutieren zum Dschihadi-Paradies.

Die Regierungen sind schwach, Terrorgruppen beherrschen ganze Landesteile. Der "Islamische Staat" ruft das Kalifat im Irak und in Syrien aus. Taliban und al-Qaida wüten am Hindukusch. Ansar al-Scharia und andere Milizen terrorisieren die Libyer. Und selbst in Ägypten, wo die Armee die gewählten Muslimbrüder gestürzt hat, wird der Sinai zum "Dschihadi-Land".

Jenseits politischer Logik

Was Köpfe und Herzen betrifft, ist in der islamischen Welt das Gegenteil dessen erreicht worden, was erhofft wurde. Die Demokratie hat ihre Strahlkraft verloren, verhasste Diktatoren erscheinen wieder attraktiv. Andere setzen weiter auf die Religion.

Doch anstelle halbwegs rationaler Islamisten, wie es die Muslimbrüder waren, schwingen sich weit Radikalere zu Wortführern der Sunniten auf. Gewalt ist die wesentliche, oft einzige Botschaft. Nach Osama bin Laden predigt sie nun Kalif Ibrahim vom "Islamischen Staat". Der selbst ernannte "Führer der Gläubigen" ist ein islamischer Pol Pot: Ein Bilderstürmer, der Heiligengräber sprengen und Denkmäler umstoßen lässt.

So präsentiert sich der Islamismus des 21. Jahrhunderts als ultra-radikaler, apokalyptisch zugespitzter Kalaschnikow-Islam, der Religion pervertiert. Dieser Dschihadismus wird zur Geißel der muslimischen wie der nicht-muslimischen Welt. Keiner wird dem blutigen Phänomen schnell Herr werden, weder mit Diktatur noch mit Drohnen oder Feldzügen. Die nahöstliche Staatenwelt zeigt Verfallssymptome, der Krieger-Islam gewinnt an Boden, vielerorts.

Ägyptens Muslimbrüder mögen keine Demokraten sein. Aber sie folgen einer politischen Logik, erwägen Argumente. Isis will und kann das nicht. Das Kalifat muss erkämpft werden, heute. Je mehr Blut, desto besser.

Der Feind wird "geschlachtet": Nicht nur westliche Ungläubige oder die korrupten Vertreter arabischer Regime, nein, gewöhnliche Muslime kann es treffen, die ketzerischen Schiiten oder verweltlicht-moderate Sunniten. Die Kalifats-Kämpfer ermorden Schiiten aus Überzeugung, schießen auf weniger radikale Gotteskrieger, verjagen Christen: Ihr Pseudo-Islam lebt von Gewalt, grenzt sich ab wie eine Sekte.

Experten mögen darüber streiten, ob der "Islamische Staat" al-Qaida den Rang abläuft als globaler Terrormotor oder ob das krude Kalifat zusammenbrechen wird, weil die Sunniten-Stämme im Irak sich gegen sein drakonisches Regime erheben. Doch das ist nicht entscheidend. Ibrahim kann Kalifat spielen, weil kein echter Staat mehr da ist im Irak.

Dschihad-Phänomen bedroht Deutschland

Ein Stammeskrieg kostet bestenfalls den Kalifen den Kopf. Er bringt aber den Staat nicht zurück. In den Freiraum stoßen andere Kräfte. Auch al-Qaida, aufgestellt von Asien bis Nordafrika, hat sich längst als fast unzerstörbar erwiesen. Das Terror-Netzwerk führt Krieg in Pakistan, Saudi-Arabien oder Algerien, weil dort der Staat nicht dem Bürger dient, sondern Futtertrog korrupter Politiker, Könige, Generale und Landbesitzer bleibt.

Das Dschihad-Phänomen bedroht auch die nicht-islamische Welt. Nicht, weil der geistig im Mittelalter feststeckende Kalif kläfft, er werde "Rom erobern". Als ob die Kirche eine Rolle spielte im 21. Jahrhundert. Gefährlich ist er, weil Muslime aus Deutschland und Frankreich in wachsender Zahl in Ibrahims Heiligen Krieg ziehen.

Sie kehren zurück, im Kopf die Al-Qaida-Ideologie und das Isis-Kriegskino: Wer das Schlachten gesehen hat, vergisst es nicht. Einige werden sich dem Terror in Europa widmen. Andere könnten denen geistige Heimat bieten, die keine haben: jungen Muslimen, die sich als Auswuchs einer falsch aufgezäumten Integrationspolitik gegen die Gesellschaften ihrer neuen Heimat stellen. Dann landet der Dschihad im sozialen Brennpunkt.

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SZ vom 04.08.2014/gal/rus
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