Süddeutsche Zeitung

Australien:Aufruhr in Haftanstalt für Asylbewerber

  • In einer Haftanstalt für Flüchtlinge auf der australischen Weihnachtsinsel haben die Insassen gewaltsam protestiert, nachdem ein Iraner unter bisher ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist.
  • Der Regierung zufolge ist die Lage derzeit ruhig, aber angespannt. Das Wachpersonal hat Teile der Anlage geräumt.
  • Australien geht seit Jahren mit großer Härte gegen Flüchtlinge vor und ist dafür schon mehrfach kritisiert worden.

In einem australischen Internierungslager für Flüchtlinge auf der Weihnachtsinsel im Indischen Ozean hat eine Gruppe von Insassen randaliert und Brände gelegt, nachdem ein iranischer Häftling am Sonntag außerhalb der Anlage tot aufgefunden worden ist. Die Todesursache steht noch nicht fest. Medienberichten zufolge wurde die Leiche des Mannes, der am Freitag aus der Haft geflohen war, am Fuße einer Klippe entdeckt.

Das Sicherheitspersonal hat sich aus Teilen des Lagers zurückgezogen, um eine Eskalation zwischen den Häftlingen und den Wärtern zu vermeiden. Verletzt wurde bislang offenbar niemand. Die Lage, so berichtet das Ministerium für Einwanderung, sei ruhig, aber angespannt. Der größte Teil der Anlage, in der mehrere Hundert Flüchtlinge untergebracht sind, sei sicher und unter Kontrolle des Wachpersonals von Serco, der privaten Betreiberfirma der Haftanstalt.

Wie das Ministerium angibt, begann der Protest mit einer kleinen Gruppe von Iranern, die nach dem Tod ihres Landsmannes friedlich gegen die Zustände im Lager protestiert hatten. Wie die australische Ausgabe des Guardian berichtet, kam es dabei zu einer Auseinandersetzung zwischen den Iranern und drei Wachleuten von Serco, die sich zurückgezogen hätten, nachdem weitere Insassen dazugekommen waren.

Die Zeitung zitiert einen Augenzeugen, demzufolge zwanzig bis dreißig Häftlinge das Lager erst demolierten, nachdem Sicherheitsleute einen anderen Teil der Anlage gestürmt und einen Häftling mit Gewalt weggeschleppt hätten. Ein anderer Augenzeuge sagte BuzzFeed.com, 100 bis 150 Insassen hätten sich an den Ausschreitungen beteiligt.

Bereits vor dem Vorfall sei die Lage angespannt gewesen, weil das Personal viele Insassen brutal behandelt habe, sagte der Häftling Mick Tristram dem Guardian. Eine Menge Menschen sei von Sicherheitsleuten zusammengeschlagen worden. Die australische Senatorin Sarah Hanson-Young (Grüne) sagte der BBC, die Regierung sei wiederholt auf die sich zuspitzende Situation auf der Weihnachtsinsel hingewiesen worden, habe die Warnungen jedoch leider ignoriert.

"Opfer der Regierung"

Bei dem Toten handelt es sich offenbar um Fazel Chegeni, einen Kurden aus Iran, der 2010 nach Australien gekommen ist. Er war in einer Haftanstalt in Westaustralien festgehalten worden, wo sein Flüchtlingsstatus 2013 betätigt wurde. Danach lebte er kurze Zeit in Melbourne, wurde jedoch wegen einer Schlägerei ins Gefängnis gesteckt und vor etwa zehn Wochen in die Haftanstalt auf der Weihnachtsinsel überstellt.

Ian Rintoul, Sprecher der australischen Flüchtlingshilfsorganisation Refugee Action Coalition wies darauf hin, Chegeni sei in Iran gefoltert worden und habe schwer unter den Langzeitfolgen der Inhaftierung in Australien gelitten. Mehrmals habe er versucht, sich selbst das Leben zu nehmen. "Seine psychischen Leiden waren bekannt", so Rintoul. Er sei "Opfer einer Regierung, die sich nicht um die Menschenrechte von Asylsuchenden und Flüchtlingen schert".

Mit Härte gegen Flüchtlinge

Australien geht seit vielen Jahren mit großer Härte gegen Flüchtlinge vor, die vor allem aus Afghanistan, Sri Lanka, dem Irak, Iran und Myanmar kommen. Die meisten versuchen, Australien von Indonesien aus per Boot zu erreichen.

Wer ohne gültiges Visum das Land betritt und Asyl sucht, wird erst einmal in Haftanstalten interniert, die von der Firma Serco betrieben werden. Das Gleiche gilt für Menschen, deren Visa abgelaufen sind. Viele von denen, die nicht zurückgeschickt werden, landen in den Lagern auf der australischen Weihnachtsinsel, etwa 2600 Kilometer nordwestlich der Stadt Perth, oder in Lagern auf einer Insel in Norden Papua-Neuguineas sowie auf der kleinen Pazifikinsel Nauru. Und etliche leben für Jahre in diesen Anstalten.

Immer wieder ist es in den Lagern zu Protesten und Hungerstreiks gegen die Haftbedingungen gekommen, 2013 zerstörten Insassen etliche Gebäude der Anlage auf Nauru. 2015 wurde bekannt, dass es dort zu sexuellen Übergriffen von Wärtern gekommen war. 2014 kam es auf Papua-Neuguinea zu Protesten, bei denen ein junger Iraner getötet wurde. Der Prozess gegen zwei Einheimische - einen Wärter und einen ehemaligen Mitarbeiter der Heilsarmee - läuft noch. Ein weiterer Iraner starb im selben Jahr, weil er offenbar nicht rechtzeitig in ein Hospital überstellt wurde. Im Oktober zündete sich ein Afghane an und starb. Er hatte befürchtet, nach Ablauf seines Visums in eine der Haftanstalten zurück zu müssen.

Wenn die Anträge der Asylsuchenden auf den Inseln anerkannt werden, dürfen sie trotzdem nicht zum australischen Festland weiterreisen, sondern müssen bleiben, wo sie sind. Die australische Regierung bezahlt etwa Papua-Neuguinea dafür, dass dort als Flüchtlinge anerkannte Migranten aufgenommen werden. Auch mit Kambodscha gibt es inzwischen einen ähnlichen Deal, eine entsprechende Vereinbarung mit den Philippinen wird noch verhandelt.

Flüchtlingsboote werden vom Militär gestoppt

Seit 2013 lässt die australische Regierung Flüchtlingsboote zwischen Indonesien, Papua-Neuguinea und Australien von der Marine stoppen und zurückschicken. Sind die Asylsuchenden in Seenot, erhalten sie Rettungsboote und Schwimmwesten, bevor sie umkehren müssen. Die Regierung rechtfertig die Maßnahmen damit, dass die Flüchtlinge von der gefährlichen Reise abgehalten und kriminelle Schlepperbanden bekämpft werden sollen.

Menschenrechtsgruppen erheben deshalb schwere Vorwürfe gegen die Regierung. Und Juan Méndez, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen über Folter, stellte 2015 in seinem Bericht fest, die Regierung habe "gegen die Rechte von Migranten und Asylsuchenden verstoßen, nicht gefoltert oder grausam, unmenschlich oder entwürdigend behandelt zu werden".

Die Australian Human Rights Commission veröffentlichte 2014 darüber hinaus einen Bericht, demzufolge sich in diesem Jahr etwa 800 Kinder in den Haftanstalten befanden und dort in den zwei Jahren zuvor mindestens 167 Babys geboren wurden. Etliche Kinder zeigten körperliche und mentale Gesundheitsprobleme.

In Bezug auf die Haftanstalten auf dem australischen Festland und der Weihnachtsinsel hatte der Guardian kürzlich berichtet, dass der "Einsatz von Gewalt" (Use of Force) dort in den vergangenen zwei Jahren extrem zugenommen hat. Dazu gehört etwa das Fesseln von Flüchtlingen an den Ellbogen oder Gewalteinsatz, um Häftlinge daran zu hindern, sich selbst zu verletzen. Die Häufigkeit der "Use of Force" ist dem Guardian zufolge von 2,6 Fällen pro 1000 Häftlinge im Januar 2013 auf 70,3 Fälle pro 1000 im März 2015 gestiegen.

Trotz aller Kritik von Menschenrechtsaktivisten und Flüchtlingshilfeorganisationen hat Australiens damaliger Regierungschef Tony Abbott im Frühjahr den Europäern empfohlen, die Strategie Australiens zu übernehmen, Flüchtlingsboote auf dem Meer zu stoppen. Im September hat die Regierung allerdings erklärt, das Land wolle 12 000 syrische Flüchtlinge aufnehmen, die zurzeit in Lagern in der Türkei, Jordanien, dem Irak und im Libanon lebten.

Die Polizei hat die Unruhen im Flüchtlingsgefängnis auf der Weihnachtsinsel am Dienstag beendet. Die Sicherheitskräfte sind mit Tränengas gegen die randalierenden Insassen vorgegangen. Fünf Flüchtlinge wurden dabei verletzt, meldet die BBC.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2728761
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.