Süddeutsche Zeitung

Zum Tod des Altkanzlers:Kohl und seine Familie - eine öffentliche Tragödie

  • Erst das Land, dann die Partei, dann lange nichts. Familie mit Vater fand bei den Kohls nur statt, wenn der Politiker idyllische Bilder für den Wahlkampf brauchte.
  • Nach dem Suizid seiner Frau wurde der Blick frei auf Helmut Kohl als Familienmensch.
  • Er war weder fähig noch Willens, diese Rollen auszufüllen.

Von Thorsten Denkler

"Walter, deine Mutter ist tot." Es gibt nicht viele Menschen, die einem nah genug sind, eine Nachricht von so ungeheurer Bedeutung zu überbringen. Walter Kohl hätte sich wohl gewünscht, dass sein Vater die Kraft dazu gehabt hätte. Helmut Kohl hatte sie nicht. Oder wollte sie nicht haben.

Es war seine Büroleiterin, die Sohn Walter telefonisch über den Suizid von Hannelore Kohl informierte. Dienstweg statt Familiengespräch. Kaum eine Szene verdeutlicht wohl besser den tiefen Graben zwischen Helmut Kohl und seinen beiden Söhnen Peter und Walter.

Familiengeheimnisse dieser Art gehören nicht in die Öffentlichkeit, sollten nicht zwischen zwei Buchdeckel gepresst der Nation zum Studium vorgelegt werden. Walter Kohl hat es dennoch getan. "Leben oder gelebt werden", nannte er das Werk. Es hat die Republik erschüttert. Ein Akt der Selbsttherapie, wie er es beschrieb. Es habe ihn davor bewahrt, es seiner Mutter nachzutun und Suizid zu begehen.

Erst das Land, dann die Partei, dann lange nichts

Das Bild von Kohl, dem Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas, es war schon durch die Spendenaffäre erschüttert. Mit der Offenbarung der Söhne kamen verstörende Details aus dem Leben der Familie Kohl ans Licht.

Hier der Patriarch Kohl, der Bundeskanzler, der Weltstaatsmann, der Architekt der deutschen Einheit. Dort seine Frau und seine zwei Kinder, die selbst im Ausland von Titelseiten mit Mr. Germany verfolgt wurden, aber doch eigentlich ihren Vater vermissten. Eine Rolle, die Kohl nie einnahm.

Erst das Land, dann die Partei, dann lange nichts. Familie mit Vater fand bei den Kohls nur statt, wenn er idyllische Bilder für den Wahlkampf brauchte. Für Walter Kohl waren das inszenierte Wohlfühlmomente in einer ständig gelebten Tragödie: "Wahlkämpfe, das waren doch Kämpfe um unsere Existenz als Familie. Eine schlechte Hochrechnung, ein schlechtes Endergebnis einer wichtigen Wahl, das kann auch wirtschaftlich vernichtend sein. Wer stellt denn schon einen Verlierer wieder auf?"

Hannelore. Sie war ihrem Mann am Anfang seiner Karriere noch eine gute Ratgeberin. Sein Sohn Peter ist sich sicher, dass Kohl seinen Blick nur nach Frankreich statt auch gen Osten geschärft hätte, wenn er, der Pfälzer, nicht eine Frau geheiratet hätte, die in Leipzig aufwuchs: "Hannelore machte Helmut Kohl, so wie wir ihn kannten, möglich."

Hannelore war 16 Jahre die First Lady, hatte sich als fürsorgende Mutter der Nation eigene Verdienste erworben. Das alles zählte nicht mehr, als auch sie in den Strudel der Spendenaffäre geriet. Sie musste die Häme ertragen, die ihrem Mann galt. Dazu kam etwas, dass ihr als Lichtallergie zugeschrieben wurde. Im Laufe der Jahre wurde es immer schlimmer damit. Fachärzte kennen allerdings keine Lichtallergie.

Hannelore Kohl schotte sich ab. Die Rollläden runter. Kein Sonnanstrahl durfte hinein. Aus dem Dunkeln des Kanzlerbungalows in Oggersheim heraus sammelte sie sechs Millionen Euro ein, mit denen ihr Mann die Strafzahlungen der CDU an die Staatskasse ausgleichen konnte. Der Bungalow, ein Hochsicherheitstrakt inmitten eines Wohnviertels, war ihr Zuflucht und Gefängnis zugleich. Die Nachricht vom Tod seiner Frau erreichte Kohl am 5. Juli 2001, als er in Berlin die Freigabe seiner Stasiakten zu verhindern versuchte. Er war 41 Jahre mit Hannelore verheiratet.

Bis zu dem Tag war nur wenig nach außen gedrungen, die Mauern um den Bungalow waren hoch genug. Einblick hatten nur wenige. Kohl kapselte sich danach ab. Eine neue Frau trat in sein Leben, Maike Richter. Sohn Walter beschrieb allerdings auch Gerüchte, Kohl und Maike Richter hätten weit vor dem Tod seiner Mutter engen Kontakt zueinander gehabt.

Korrespondierten seine Freunde mit ihm? Oder nur mit Maike?

Maike Kohl-Richter. Stiefsohn Peter hatte 2004 einmal Gelegenheit, die Wohnung der neuen Partnerin seines Vaters zu sehen. Es muss ihn wie einen Schlag getroffen haben.

"Ich war in eine Art privates Helmut-Kohl-Museum geraten! Wo man auch hinschaute, hingen oder standen Helmut-Kohl-Fotografien. Es gab gemeinsame Bilder, Bilder mit anderen Menschen, Bilder mit Widmungen, Wahlkampf-Memorabilia, einen unter Glas und Passepartout gerahmten Brief mit seiner Unterschrift und sonstige Helmut-Kohl-Artefakte. Das Ganze sah nach jahrzehntelanger, akribischer Sammelleidenschaft zum Zwecke der Heldenverehrung aus, wie man es vielleicht auch von Berichten über Stalker kennt." So beschrieb es Peter Kohl in einer Biografie über seine Mutter Hannelore Kohl.

Was andere abschrecken würde, Kohl dürfte es genossen haben. Bedingungslose Verehrung, das kannte er bis dahin nicht. Kohl hat polarisiert. Er hatte keine Gegner, er hatte Feinde. Über die Jahre brachte er selbst langjährige Weggefährten gegen sich auf. Das Verhältnis von Kohl zu Wolfgang Schäuble oder Heiner Geißler in den vergangenen Jahren beschreiben manche nur mit einem Wort: Hass. Am Ende brach sogar die CDU mit ihm, weil er die Namen der Schwarzgeld-Spender nicht nennen wollte. Er musste 2001 den Ehrenvorsitz der Partei aufgeben.

Und dann ist da diese Frau, die sich in ihrem Leben kaum etwas sehnlicher zu wünschen schien, als diesem Mann nahe zu sein. Im Jahr 2008 teilte Kohl seinen Söhnen per Telegramm mit, dass er noch einmal Hochzeit gefeiert habe. "Heidelberg 8. Mai. Wir haben geheiratet. Wir sind sehr glücklich. Maike Kohl-Richter und Helmut Kohl." Mehr sollten sie von ihm persönlich nicht erfahren.

Von der Frau zur Pflegerin

Als sie ihn dann hatte, als sie den Ehering trug, den er ihr an den Finger gesteckt hatte, als sie mit ihm im Bungalow wohnte, da wollte sie ihn nicht mehr hergeben, wollte ihn ganz für sich allein.

Sie warf Kohls treueste Begleiter aus dem neuen, gemeinsamen Leben. Eckhard "Ecki" Seeber etwa, mehr Freund und persönlicher Helfer als nur sein Fahrer. Oder den Fotografen Konrad R. Müller, der Kohl über Jahrzehnte zu Hause und auf Reisen ablichten durfte. Es waren bisherige Vertrauenspersonen, die nun keinen Zugang mehr haben sollten.

Andererseits sagte Kohl einmal einem der wenigen verbliebenen Vertrauten über seine neue Frau: "Ohne die gäb' es mich nicht mehr."

Sie versorgte ihn, nachdem er im Februar 2008 schwer gestürzt war. Eine Hirnquetschung war die Folge. Seitdem saß er im Rollstuhl, das Sprachzentrum war gestört. Sie wurde ihm die engste Begleiterin. Sie schützte ihn davor, vereinnahmt zu werden von denen, die in Kohl nur noch eine Trophäe sahen, eine Ikone seiner Zeit.

Kohl war seit Beginn seiner politischen Karriere praktisch kein Privatmensch mehr. Jetzt aber war er auf Privatheit angewiesen. Ein Privatheit, die zum Schluss auch seine Söhne ausschloss.

Maike musste dafür die Rolle wechseln. Von der Frau zur Pflegerin. Dafür hatte sie sich von ihrem Job als Referatsleiterin im Wirtschaftsministerium beurlauben lassen. Seltene Besucher berichten, wie sie Kohl liebevoll umsorgte, wie sie aber auch nach und nach versuchte, die Deutungshoheit über sein Leben zu gewinnen, das jetzt ein Teil ihres Lebens war. Kaum einer wusste noch so recht, ob Briefe ihn überhaupt noch erreichten, ob er es war, mit dem sie korrespondierten. Oder doch nur mit Maike.

Helmut Kohl wäre hilflos gewesen ohne sie. Er starb an ihrer Seite. Maike Kohl-Richter ist jetzt Kohls Witwe. In ihrem Leben beginnt sie ein neues Kapitel.

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