Süddeutsche Zeitung

Staatsaffäre um Dickhäuter:Baby darf nicht sterben

Zwei Elefantenkühe aus dem Zoo von Lyon sollen getötet werden, weil sie Tuberkulose haben. Stephanie von Monaco, Brigitte Bardot und Zehntausende Franzosen appellieren nun an Präsident Hollande, die "Hinrichtung" aufzuschieben.

Die französischen Zeitungen berichten über eine "Staatsaffäre" um zwei "zum Tode Verurteilte". Gilbert Edelstein, der Patriarch des Cirque Pinder, spricht von einem "Mordkomplott". Behörden, Gerichte, ein Minister und eine Prinzessin haben sich in den Fall eingeschaltet. Im Internet unterstützen Zehntausende eine Petition an Präsident François Hollande. Sie fordern Gnade - Gnade für die beiden "Verurteilten" namens Baby und Népal. "Ganz Frankreich wird für sie aktiv", freut sich Brigitte Bardot. "Es geht um eine Frage der Menschlichkeit."

Tatsächlich geht es um zwei Elefantendamen. Sie leben derzeit, isoliert von anderen Tieren und dem Publikum, im Zoo der Stadt Lyon. Weil sie mit Tuberkulose-Erregern infiziert sein sollen, wollen die Stadt, der Zoo und der Präfekt sie jetzt töten lassen.

Doch da haben sie die Rechnung ohne Edelstein gemacht. Dem 74 Jahre alten Zirkusdirektor gehören die beiden Schwergewichte. "Wir im Zirkus lieben unsere Tiere", sagt er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Er werde um ihr Leben kämpfen. "Ich hoffe, dass der Präsident der Republik kapiert, um was für ein Komplott es da geht." Man ahnt es: Für Monsieur Edelstein sind die beiden 42 Jahre alten Elefantenkühe eine Herzenssache. "Elefanten sind geschützt, und man will sie töten", sagt er mit bewegter Stimme.

Dann erzählt er, wie er Baby und Népal 1992 in Großbritannien kaufte, um sie seiner Tochter Sophie zum 20. Geburtstag zu schenken. Sophie Edelstein, die heutige künstlerische Leiterin des Zirkus Pinder, war damals bereits Dompteuse und arbeitete mit zwei Tieren namens Delhi und Saba. Fortan hatte sie vier Elefanten.

Wollte der Zoo die Elefanten loswerden?

Etliche Jahre lang wirkte das Quartett einträchtig in der Manege zusammen. "Doch dann haben die britischen Elefanten angefangen, sich mit den französischen während der Vorstellungen zu zanken." Monsieur Edelstein beschloss daher 1999, Népal und Baby an den Zoo seiner Heimatstadt Lyon auszuleihen. So konnte er sie, wann er wollte, besuchen und den Tierpark um eine Attraktion bereichern.

Alles ging gut, bis Edelstein 2010 einen Anruf von einer Veterinärin des Zoos bekam. Er möge bitte seine Elefanten zurücknehmen. Doch der Zirkusdirektor hatte keinen Platz. Er konnte Népal und Baby nicht mehr mit Delhi und Saba zusammen halten. Bald darauf wurde Edelstein von der Stadtverwaltung informiert, die beiden Kühe seien mit Tuberkel-Bazillen infiziert. Seither argwöhnt er, die Stadt und ihr Zoo wollten seine Elefanten loswerden, um Platz für ein neues Gehege zu bekommen.

"Man hat mir lange Zeit nie die medizinischen Tests herausgegeben", sagt der Zoodirektor. Erst vor vier Tagen habe er die Untersuchungsergebnisse erhalten. Da habe er festgestellt, bei Népal seien gar keine Tuberkelbakterien nachgewiesen worden. Bei Baby sei ein erster Test zweifelhaft, ein zweiter ebenfalls negativ ausgefallen. "Sie haben diese Tests dann gefälscht", behauptet Edelstein. Zudem seien seine Elefanten weder behandelt noch erneut getestet worden. "Wer einen Hund loswerden will, sagt, der habe die Tollwut. Bei einem Elefanten sagt man halt, er habe Tuberkulose. Es ist eine Schande."

"Die angesteckten Tiere sind eine Zeitbombe"

Aus Sicht der Behörden sieht der elefantöse Fall ganz anders aus. Sie argumentieren, Tuberkulose sei eine oft tödlich verlaufende Infektionskrankheit, die auch von Tieren auf Menschen übertragen werde. Als der Infektionsverdacht bei den Elefanten aufkam, wurden diese daher zunächst isoliert. Im August dieses Jahres starb dann ein Elefant namens Java, der mit Népal und Baby zusammen war. Die Obduktion ergab: Er war mit Tuberkulose-Bakterien infiziert. Daraufhin ordnete der zuständige Präfekt im Dezember an, Népal und Baby zu schlachten. Er wies auf die "schweren Infektionsrisiken" für die Menschen hin, die im Umfeld der Elefanten arbeiteten. Die Erfolgsaussichten einer Behandlung der Tiere seien zu ungewiss.

Edelstein zog vor das Verwaltungsgericht Lyon. In der Verhandlung sagte der Anwalt der Stadt: "Die angesteckten Tiere sind eine Zeitbombe. Es besteht ein offensichtliches Risiko für die Volksgesundheit." Das Gericht urteilte vor Weihnachten, die Tiere seien zu töten. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion sei hoch. Die Bakterien seien "äußerst ansteckend und leicht auf dem Luftweg übertragbar". Weitere Tests seien zu langwierig und für Pfleger und Veterinäre gefährlich.

Doch Edelstein gibt nicht auf. Nun will er den Conseil d'État - das oberste Verwaltungsgericht in Paris - entscheiden lassen. Zugleich bittet er Hollande, die Tötung der Elefantendamen bis zur endgültigen juristischen Entscheidung auszusetzen. Parallel dazu läuft im Internet eine Petition an den Präsidenten. Bis Freitagnachmittag haben sie bereits mehr als 73 000 Menschen unterzeichnet. Sie bitten den Staatschef, die Elefanten zu "begnadigen".

Hilfe von der Prominenz

Inzwischen bekommt Edelstein auch prominente Hilfe. Die monegassische Prinzessin Stéphanie unterstützt ihn und will einen Tierarzt stellen. Brigitte Bardot und ihre Stiftung sagen zu, sich um die Tiere zu kümmern. "Auch der Zirkus Krone in München hat mir angeboten, eine Veterinärin zu schicken." Politiker wie der Abgeordnete und Arzt Bernard Debré machen sich ebenfalls für Népal und Baby stark.

Edelstein selbst verspricht, die Elefanten-Damen Ende 2013 zurück zu nehmen. Dann werde ein Park fertig, den er auf eigene Kosten im Pariser Umland für die "Rentner" unter seinen Zirkustieren baue.

Ob es etwas nutzt? Ob die Elefanten noch zu retten sind?

Der Beschluss des Präfekten steht im Raum. Eigentlich muss er rasch vollstreckt werden. "Sie können meine Tiere töten, wann sie wollen", sagt Edelstein. Seine Hoffnungen richten sich auf Hollande. "Ich appelliere an Ihre Weisheit, denn dieser schreckliche Entschluss ist nicht gerechtfertigt", bedrängt der Zirkusdirektor den Staatschef. Der Präsident muss sich in Frankreich um alles kümmern, selbst um die Begnadigung von Elefanten.

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SZ vom 29.12.2012/anhi
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