Süddeutsche Zeitung

Prozess:Tod nach Mangelernährung

  • Ein sieben Monate alter Junge aus dem belgischen Beveren stirbt an Unterernährung und Dehydrierung.
  • Die Eltern hatten ihn unter anderem mit Milch aus Reis und Buchweizen gefüttert.
  • Vor Gericht sind nun beide zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden.

Ganz am Ende fahren die Eltern doch noch zu einem Arzt. Der Sohn heißt Lucas, er ist an diesem Tag sieben Monate alt, er wiegt an diesem Tag 4,3 Kilogramm. Etwa vier Kilo weniger als andere Kinder in dem Alter. Er hat sich übergeben, die Eltern sorgen sich, doch sie fahren zunächst nicht ins Krankenhaus, sondern zu einem Homöopathen. Von Beveren aus, einem kleinen Ort westlich von Antwerpen, fahren sie eine Stunde bis an die östliche Grenze Belgiens nach Bilzen. Es ist der 6. Juni 2014.

Der Homöopath schickt die Eltern weiter ins Krankenhaus, sofort, doch das nächstgelegene Krankenhaus hat keine Notaufnahme. Als sie im zweiten Hospital ankommen, als ein Arzt Lucas untersuchen will, ist er schon tot. Er hat nichts im Magen, er ist dehydriert, die Pathologen stellen später fest, dass das Kind unterernährt war. Und die Eltern müssen vor Gericht.

Der Staatsanwalt warf ihnen vor, sie hätten das Leben ihres Kindes gefährdet, indem sie die Schulmedizin ablehnten, sie hätten bewusst Nahrung verweigert. Er forderte jeweils eineinhalb Jahre Haft. Das Gericht in Dendermonde hat die Eltern nun schuldig gesprochen und sie zu jeweils sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Sie seien schon genug gestraft.

Babymilchprodukte aus dem Supermarkt vertrug der Junge nicht

Peter S., 34 Jahre alt, und Sandrina V., 30 Jahre alt, führen einen Naturkostladen in Beveren in Flandern. Lucas war ihr drittes Kind, die Mutter hatte ihren Sohn am Anfang gestillt, nach drei Monaten aber hatte sie nicht mehr genügend Muttermilch. Herkömmliche Babymilchprodukte aus dem Supermarkt vertrug der Junge nicht, er übergab sich, er bekam Koliken. Die Eltern vermuteten, der Sohn sei laktoseintolarent, er sei glutenintolerant. Sie gaben ihm nur noch Alternativen, Milch aus Reis und Buchweizen zum Beispiel, aus Quinoa und Hafer, Produkte aus ihrem eigenen Laden. Zum Arzt gingen sie nicht. Die angeblichen Unverträglichkeiten testen, ließen sie nicht.

Im Krankenhaus soll Lucas einen Rosenkranz um den Hals getragen haben, manche Verwandte sagten vor Gericht aus, die Familie sei extrem religiös, die Eltern stritten das ab. Der Sohn habe zu- und ab- und wieder zugenommen, sagte die Mutter vor Gericht, mit sechs Monaten habe er sechs Kilo gewogen, aber von da an Gewicht verloren. Sie habe alles getan, um ihm das Essen zu geben, das er vertrage, sei nachts viermal aufgestanden, um ihn zu füttern. Sie weint, während sie das sagt, so berichteten es die lokalen Zeitungen nach der ersten Verhandlung Mitte Mai. Drei Jahre nach dem Tod des Sohnes.

Was für ein Kind das Beste ist, ist immer auch eine Frage des Glaubens. Wie lange stillen, wie lange schlafen, welches Gläschen? Und weil sich immer mehr Menschen vegan ernähren, ist inzwischen auch das zu einer Glaubensfrage unter Eltern geworden: ob veganes Essen gesund oder gefährlich ist für Säuglinge.

Wissenschaftler raten davon ab, Babys und Kleinkinder vegan zu ernähren, beim Netzwerk "Gesund ins Leben", heißt es, das sei mit "deutlichen Risiken" verbunden. Das Netzwerk wird gefördert vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Rein pflanzlich ernährten Kindern fehle es an Eiweiß, Eisen, an Kalzium, Jod, Zink und Omega-3- Fettsäuren, unter anderem.

Ernährungsminister Schmidt warnte vor "gefährlicher Mangelernährung"

Wollen Eltern ihr Kind dennoch vegan ernähren, sollten sie regelmäßig zum Arzt gehen, auch zu einer Ernährungsberatung. Christian Schmidt (CSU), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, warnte vor "gefährlicher Mangelernährung". Dagegen teilt der Vegetarierbund Deutschland immer wieder mit, eine ausgewogene vegane Ernährung sei in allen Phasen des Lebens ausreichend. Man müsse eben nur sorgfältig planen.

Die Eltern von Lucas aus Beveren haben immer wieder ausprobiert, welche Milch der Sohn vertrage und welche nicht, auch die zwei älteren Schwestern hätten solche Milch doch getrunken, sagte der Vater vor dem Gericht in Dendermonde. Eine Verwandte gab zu Protokoll, dem Kind sei es in den Tagen kurz vor seinem Tod sichtlich schlecht gegangen, es habe um Atem gerungen. Die Mutter dagegen sagte, Lucas habe gespielt, er sei mit im Laden gewesen, man habe ihm nichts angemerkt. Sie nicht, die Kunden nicht.

Die Anwältin Karine Van Meirvenne sagte: "Diese Leute wollten ihr Kind nicht töten. Sie sind noch immer nicht darüber hinweg, was passiert ist." Der Staatsanwalt Pascal Persoons sagte: "Die Abneigung gegen die traditionelle Medizin war so stark, dass sie lieber eine Stunde zu einem Homöopathen gefahren sind als zu einem Arzt." Der Vater sagte: "Im Nachhinein ist es immer einfach zu urteilen, in unseren Augen haben wir nichts falsch gemacht." Die Mutter sagte: "Vielleicht hätten wir gleich zu einem Arzt fahren sollen."

In Nordrhein-Westfalen gab es vor einigen Jahren einen ähnlichen Fall, Eltern hatten ihr Kind nur mit einem Milchersatz aus Kokos und Mandeln gefüttert, das Kind erkrankte an einer Lungenentzündung, die Eltern gingen nicht zum Arzt. Es starb mit 15 Monaten, das Gericht verurteilte Mutter und Vater zu einer Bewährungsstrafe von je zwei Jahren. In der Nähe von Toronto starb ein Kind mit 27 Monaten, auch seine Eltern hatten es vegan ernährt, sie waren fast ein Jahr nicht mit ihm beim Arzt gewesen, das Gericht verurteilte beide zu zwei Jahren Haft.

Die Eltern von Lucas haben nach dem Tod ihres Sohnes noch ein Kind bekommen, noch eine Tochter, die dritte. Die Anwältin der Familie sagte: "Sobald eines der drei Mädchen auch nur niest, gehen sie zum Arzt."

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SZ vom 14.06.2017/fie/ratz
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