Süddeutsche Zeitung

Alaska-Dreieck:Bei den Ottermenschen

Im nördlichsten Bundesstaat gibt es einen sagenumwobenen Landstrich, in dem angeblich Fabeltiere ihr Unwesen treiben und Flugzeuge verschwinden. Fakt ist: Dort sind so viele Menschen verschollen wie nirgendwo sonst in den USA.

Von Sofia Glasl

Dass ein Landstrich rund um den Polarkreis ein karibisches Seegebiet imitieren kann, ist gewiss ungewöhnlich. Dennoch ist eine knapp 500 000 Quadratkilometer große Fläche im nördlichsten Bundesstaat der USA nach dem Flugzeuge und Schiffe verschlingenden Bermudadreieck benannt: das Alaska-Dreieck.

Zwischen der Hauptstadt Juneau am südöstlichsten Zipfel, der bevölkerungsreichsten Stadt Anchorage etwa 900 Kilometer nordwestlich davon und der kleinen Stadt Utqiaġvik ganz im Norden spannt es sich auf.

Die Namensvetternschaft hat es sich redlich erarbeitet: Seit den Fünfzigerjahren kursieren Geschichten von verschollenen Flugzeugen, Fabeltieren und sogar vermeintlichen Ufo-Sichtungen.

Der große Unterschied zum Bermudadreieck ist nicht zu übersehen: Das Alaska-Dreieck erstreckt sich vor allem über Land, nur die gedachte Linie zwischen Anchorage und Juneau schrappt entlang den Küstenfjorden durch das Meer.

Bekannt wurde es 1950, als ein Flugzeug von Anchorage nach Montana sich scheinbar in Luft auflöste. Eine mehrtägige Suche blieb ergebnislos.

Im Oktober 1972 verschwand der Flieger des Politikers Hale Boggs, seinerzeit Mitglied der Warren-Kommission, die den Mord an Kennedy untersuchte. Das Flugzeug startete in Anchorage, kam aber nie in Juneau an. Eines der größten Rettungsunternehmen der US-Geschichte endete erfolglos, die Suche wurde nach mehreren Wochen eingestellt.

Nun könnte man das als Einzelfälle abtun, doch in Alaska ist die Quote an unaufgeklärten Vermisstenfällen nahezu dreimal so hoch wie in den übrigen USA. Pro 100 000 Einwohner wurden hier 2019 laut der zentralen Datenbank des National Crime Information Center 41 Personen vermisst gemeldet, Arizona auf Platz zwei bietet aktuell 13 Personen.

Seitdem die Behörden 1988 mit offiziellen Statistiken begonnen haben, sind in Alaska, das nicht einmal 750 000 Einwohner hat, mehr als 60 000 Menschen als vermisst gemeldet worden, Einheimische wie Touristen. Weshalb so wenige Fälle aufgeklärt werden können, ist merkwürdig. Dass häufig jede Spur von den Verschollenen fehlt, lässt Angehörigen wie Behörden keine Ruhe.

Das Vertrauen der Familien von Vermissten in die Polizei scheint oft nicht sehr groß zu sein. Ein extremer Fall ist der des 2004 verschwundenen Familienvaters Rick Hill aus Soldotna, dessen Familie beinahe zehn Jahre nicht wusste, ob er noch lebte.

2014 fanden die State Troopers zufällig in achtlos abgehefteten Unterlagen einen Hinweis darauf, dass ein nach einem Waldbrand gefundenes Skelett falscherweise dem 2005 ebenfalls in der Nähe verschollenen Richard Bennett zugeordnet worden war. Beide Familien mussten nachträglich über den Fehler informiert werden. Dass Ricks Mutter Dolly Hill zwischenzeitlich Hilfe bei einem Medium gesucht hatte, klingt verzweifelt, aber nicht sonderlich absurd.

Flugzeugabstürze, Erdmagnetfeld oder Aliens?

Über die Jahrzehnte wurden auch "übernatürlichen Theorien" ersonnen, warum im Alaska-Dreieck so viele Menschen spurlos verschwinden.

Strömungswirbel klingen für Flugzeugabstürze noch halbwegs vernünftig, erklären aber nicht, wo Menschen und Maschinen letztlich landen. Bei Spekulationen über bisher nicht nachweisbare Anomalien im Erdmagnetfeld wird es schon schwieriger, und die bei Verschwörungsgläubigen beliebten Aliens spielen natürlich auch ihre Rolle. 1986 sah etwa die Besatzung eines japanischen Frachtflugzeugs über Ostalaska drei seltsam glühende Scheiben, die die Maschine begleiteten.

Begibt man sich vom Luftraum auf den Boden, wird es noch haariger. Das Alaska-Dreieck reicht nämlich von der Küste über die Tundra zu hochalpinen Bergen. In Gletscherspalten und abgelegenen Wäldern können tatsächlich ganze Flugzeuge verloren gehen.

Die Vermissten wollten wohl absichtlich untertauchen, um ein neues Leben zu beginnen. Einer der bekanntesten und erfolgreichsten Fälle ist sicher Lucy Ann Johnson, die 1965 von der Familie vermisst gemeldet wurde, aber einen Neuanfang wagte. Ihre Tochter Linda ließ nicht locker und spürte sie auf - nach 52 Jahren.

Der Aussteiger Christopher McCandless hatte Anfang der Neunzigerjahre weniger Glück. Er starb im Denali Nationalpark, Elchjäger fanden zufällig seine ausgemergelte Leiche. Der Journalist Jon Krakauer zeichnete die Geschichte 1996 anhand der Tagebucheinträge im (verfilmten) Buch "In die Wildnis" nach.

Wäre McCandless im Winter überschneit worden, wäre er wohl nur eine weitere Zahl in der Statistik. Für Angehörige höchst unbefriedigend, denn die Unsicherheit über den Verbleib der Verschollenen liefert keinen Trost.

Eine erstaunliche Menge an Mythen rankt sich um Sichtungen diverser Monster und Tierwesen. Das Alaska-Dreieck scheint ein Paradies für Märchenerzähler und Kryptozoologen zu sein: Das reicht vom plüschigen Verwandten des Bigfoot, dem Hairyman, bis hin zu einem Geist aus der Mythologie der indigenen Tlingit, dem Kushtaka.

Je nach Überlieferung ist dieses Wesen, halb Mensch und halb Otter, den Menschen wohlgesonnen und rettet im tiefsten Winter verlorene Wanderer vor dem Erfrieren, indem es sie auch in einen Ottermenschen verwandelt. Andere Berichte meinen, dass es kindliches Klagen imitiert, um Hilfsbereite anzulocken und dann zu verspeisen.

Der fantastische "Thunderbird" hingegen wäre eine Erklärung für die Luftturbulenzen: Er kann so laute Schreie ausstoßen, dass das namensgebende Donnergrollen entsteht und den Flugverkehr beeinträchtigt.

Sonderbarerweise gibt es keine Sichtungen von fliegenden Rentierschlitten... aber das führt wohl zu weit.

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Quelle:
SZ vom 19.12.2020/odg
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