Süddeutsche Zeitung

Regenerative Energieerzeugung:Unter Strom

2030 werden die Wasserrechte für das Walchenseekraftwerk neu vergeben, aber die Debatte über den künftigen Betreiber hat längst begonnen. Grüne und Naturschützer fordern den Rückkauf durch den Freistaat.

Von Klaus Schieder

Noch bis 2030 betreibt der Energiekonzern Uniper das Walchenseekraftwerk, das gut 300 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugt. Wer die 1924 gebaute Anlage danach nutzen darf, ist noch unklar. Geht es nach dem Landtagsabgeordneten Hans Urban (Grüne), sollte der Freistaat das von Oskar von Miller geplante Speicherkraftwerk zurückkaufen und selbst betreiben, zum Beispiel über die Bayerische Landeskraftwerke GmbH. Ein wesentlicher Vorteil dieser sogenannten Heimfall-Regelung wäre Urban zufolge, dass der Staat selbst den Zugriff hätte, um ökologische Verbesserungen anzugehen. "Er muss nicht als Bittsteller auftreten", sagte der Grünen-Abgeordnete in einem Pressegespräch in Zell bei Großweil.

Das Problem: Um das Kraftwerk zu betreiben, reicht der Walchensee alleine nicht aus. Das gesamte System ist geprägt von vielen Ableitungen, über zwölf Wehre wird Wasser aus Isar, Rißbach, Fischbach, Alpenbach, Jachen, Kranzbach, Finzbach, Jungfinz, Kesselbach und Loisach ins Kraftwerk gelenkt, damit dort Strom erzeugt werden kann. Das hat ökologische Folgen. In manchen Bächen gibt es zu wenig Restwasser, was sich auf Flora und Fauna auswirkt. Außerdem wird unter anderem das für einen Wildfluss wertvolle Geschiebe zurückgehalten, was dazu führt, dass sich die Landschaft kaum noch ändert. Auf den zuvor vegetationsarmen Kiesbänken können Weidenbüsche wachsen, die Pflanzen- und Tierarten verdrängen.

"Man muss das richtige Maß zwischen der Nutzung der Wasserkraft und dem Schutz der Landschaft finden", sagte Nico Döring, Gründer der Isar-Allianz. Die Region brauche die Natur zum einen als Lebensqualität für die Einheimischen, zum anderen aber auch für die Gäste, sprich: den Tourismus. Auch Döring plädierte für einen Heimfall des Walchenseekraftwerks. Den Betrieb einem Investor zu übergeben, der ihn nach rein monetären Gesichtspunkten manage, sei "nicht zukunftsfähig", sagte Döring. "Meist fallen die ökologischen Parameter runter, meist geht es nur um wirtschaftliche Parameter."

Um eine Chance zu haben, die Energiewende bis zum Jahr 2035 im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und seinen Nachbarlandkreisen Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen und Miesbach überhaupt noch zu schaffen, ist das fast 100 Jahre alte Industriedenkmal am Walchensee unverzichtbar. "Es ist einfach das größte Kraftwerk bei uns", sagte Stefan Drexlmeier, Geschäftsstellenleiter der Energiewende Oberland (EWO). Alleine 84 Prozent der erneuerbaren Energien im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen stammten aus Wasserkraft, davon wiederum 60 Prozent vom Walchenseekraftwerk.

Wie weit der Weg zur Energiewende noch ist, zeigen die 2019 vorgelegten Zahlen des Inola-Forschungsprojekts, das die EWO zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität München betreibt. Demnach würden im Landkreis Tölz-Wolfratshausen in 15 Jahren noch 35,7 Prozent des Stromverbrauchs und 45,8 Prozent des Wärmebedarfs nicht aus regenerativen Quellen gedeckt. Und mit dem Ausbau alternativer Energieerzeugung geht es allenfalls schleppend voran: "Die Windkraft will man nicht, die Solaranlagen möchte man in der Fläche auch nicht sehen, Biogas-Anlagen steht man kritisch gegenüber", konstatierte Drexlmeier. In der Debatte über das Walchenseekraftwerk müsse man Naturschutz, Klimaschutz und Energiewende gemeinsam denken.

In einem "guten Dialog aller Akteure" sollte sich die Region darüber Gedanken machen, wie dies ökologisch, technisch und von der Wertschöpfung her gestaltet werden könne. Die Antwort darauf sehe er eher nicht in einem internationalen Konzern, sagte Drexlmeier. Wichtig sei aber, dass das ganze Verfahren zur künftigen Nutzung der Wasserrechte transparent ablaufe.

Wasserkraft, Naturschutz und Freizeitgestaltung können für Markus Aufleger beim Speicherkraftwerk zwischen Walchen- und Kochelsee durchaus zusammengehen. "Aber das muss man sich genau anschauen", sagte der Leiter der Abteilung Wasserbau an der Universität Innsbruck. Geschiebemanagement, Habitate, Flussstrukturen, und und und - "da sind viele Aspekte zu berücksichtigen". Auf jeden Fall müsse man sich über die energiewirtschaftliche Seite klar werden, so Aufleger. "Wo steht das Wasserkraftwerk, welchen Stellenwert hat es für volatile Energien, was will man vielleicht daraus machen." Ebenso gelte es, die erforderlichen Speicherkapazitäten für regenerativen Strom zu bestimmen. Das Wasserkraftwerk habe dabei in puncto Nachhaltigkeit und Lebensdauer deutliche Vorteile gegenüber Batteriesystemen. Und schließlich spielten auch die zahlreichen Ableitungen aus den Bächen und das Wehr in Krün eine Rolle. "Wichtig ist zu wissen, wie viel Wasser für diese Flüsse notwendig ist", sagte Aufleger. "Dies heißt nicht, möglichst viel Wasser ist gut, sondern dafür braucht es Untersuchungen." Zur Frage, wer das Kraftwerk betrieben soll, mochte sich Aufleger nicht äußern. Er sei in dieser Frage neutral, sagte er. Gut sei jedoch, "dass diese Diskussion zehn Jahre vor dem Termin stattfindet".

Für den Grünen-Abgeordneten Urban steht hingegen fest, dass der Heimfall "alternativlos" sei. Das Wasserkraftwerk wurde vor 26 Jahren für 2,3 Milliarden Mark verkauft, damals an das Unternehmen Viag, das 2000 im Eon-Konzern aufging. Seit 2015 wird es von Uniper betrieben. 1994 habe der Freistaat "praktisch seine Kronjuwelen veräußert", monierte Urban. Der Rückkauf werde nun gewiss "einige finanzielle Ressourcen in Anspruch nehmen".

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SZ vom 29.09.2020/aip
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