Süddeutsche Zeitung

Künstliche Welle:Auch Wolfratshausen soll eine Surfwelle bekommen

Ein Fluss, ein Brett, ein Ziel: Marcus und Stefanie Kastner wollen das Surfen auch auf der Loisach möglich machen.

Das Surfbrett, das Marcus und Stefanie Kastner fast immer in ihrem Familienvan liegen haben, hat neuerdings eine Macke: An der rechten Seite ist der Lack an einer Stelle abgesprungen. Nun könne dort Wasser eindringen, erklärt Marcus Kastner mit einem Lächeln. "Wenn wir damit surfen würden, wäre das ein Problem." Aber dafür besitzt er ja andere Boards.

Das Brett, auf dem "Riversurfing Wolfratshausen" steht, kommt nicht ins Wasser. Es dient seit vier Jahren ausschließlich dazu, eine Welle zu machen: eine künstliche stehende Surfwelle, die auf dem Unterwasserkanal der Weidachmühle, kurz vor der Einmündung in die Loisach, entstehen soll. Sie ist das Projekt von Marcus und Stefanie Kastner. Das Ehepaar arbeitet unermüdlich an ihrem gemeinsamen Traum vom Surfen in ihrer Heimatstadt. Und die Chancen, dass er bald wahr werden könnte, stehen gut.

Marcus Kastner, der als Tonassistent beim Film arbeitet, hat das Surfbrett schon vielen Leuten in die Hand gedrückt: den Schauspielern Christian Tramitz und Helmfried von Lüttichau aus der Fernsehserie "Hubert und Staller" zum Beispiel, dem Kabarettisten Josef Brustmann, dem Filmemacher Walter Steffen und dem Wolfratshauser Bürgermeister Klaus Heilinglechner. Von ihnen allen gibt es Fotos auf der Facebook-Seite "Surfing Wolfratshausen", um die sich Stefanie Kastner kümmert, die ansonsten für ein Start-up-Unternehmen in München Wasserstoffautos verleiht. "Sie sitzt abends am Laptop, ich gehe lieber an die Front", sagt Marcus Kastner, "und laufe mit dem Brett in der Stadt herum."

Vier Jahre schon werben Marcus und Stefanie Kastner für ihre Surfwelle. Mit Erfolg: Im vergangenen November hat sich der Wolfratshauser Stadtrat mit großer Mehrheit für die Realisierung des Projekts ausgesprochen. Wenn alles klappt, sagt Marcus Kastner, könnte Wolfratshausen vielleicht schon in zwei Jahren nicht nur Flößer- sondern auch Surferstadt sein, mit einer stehenden Welle, die wie am Münchner Eisbach zu einer Attraktion für junge Wassersportler und Zuschauer wird.

Man kann sich Marcus Kastner gut am Strand vorstellen: Der schlanke 47-Jährige hat den Teint von Leuten, die öfter draußen sind, und sein Haar fällt ihm lässig über die Stirn, ein klassischer Surfer-Haarschnitt. Kastner fing zwar spät mit dem Surfen an - mit 31 auf Fuerteventura - aber seitdem ist es seine große Leidenschaft. Urlaube gibt es für die Familie nur noch dort, wo die Brandung stimmt. Seine Frau surft auch, allerdings nicht so manisch, wie sie sagt. Und auch ihre Kinder, der neunjährige Simon und die siebenjährige Marie, sind schon auf den Wellen geritten.

Wellenreiten im Oberland

Dass man zum Surfen nicht unbedingt einen Strand braucht, wusste Marcus Kastner schon aus München, wo er erst an der Floßlände in Thalkirchen und dann am Eisbach das Riversurfing entdeckte. Die Idee für die Wolfratshauser Surfwelle kam ihm bald, nachdem er mit seiner Familie 2010 zurück in seine Heimatstadt gezogen war. Er fuhr oft über die Kanalbrücke im Stadtteil Weidach, und dort blieb sein für Surf-Spots geschulter Blick irgendwann hängen. "Die Stelle ist einfach ideal", sagt er. "Wir haben einen Kanal, der geht durch ein Kraftwerk, und hat trotzdem noch ein kleines Gefälle vor der Mündung in die Loisach." Wenn dort viel Wasser fließt, kann man eine kleine natürliche Welle sehen.

Seine Frau hat das oft gehört. "Irgendwann habe ich gesagt: Jetzt erzählen wir es der Stadt", sagt die 46-Jährige. Bürgermeister und Stadträte waren schnell begeistert von der Idee. Dass sie sich auch realisieren lässt, erfuhren die Kastners im November 2013 beim ersten Flusswellenforum in München. Dort lernten sie ähnliche Projekte in Deutschland und Österreich kennen - und Markus Aufleger.

Nicht nur an der Loisach soll eine Welle entstehen

Der Professor für Wasserbau an der Universität Innsbruck fertigte eine Machbarkeitsstudie für die Wolfratshauser Surfwelle an und entwickelte die technischen Pläne: Mit einer Stahlkonstruktion soll eine bis zu acht Meter breite Welle erzeugt werden, die steuerbar und damit für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet ist. Die Kosten: insgesamt 320 000 Euro. Die Hälfte davon soll aus EU-Fördermitteln kommen, der Stadtrat hat einen Zuschuss von 100 000 Euro zugesichert. 60 000 Euro müssen die Initiatoren selbst an Spenden aufbringen.

Ende Mai haben die Kastners einen Verein gegründet, wie es die Statuten des EU-Förderprogramms Leader vorschreiben: Ein "harter Kern" aus zwölf Leuten kümmert sich nun vor allem darum, Spenden aufzutreiben. Zunächst wollen sie sich an alle Firmen in Wolfratshausen und Umgebung wenden. "Wir wollen das regional aufziehen", sagt Marcus Kastner. "Und verhindern, dass es im schlimmsten Fall eine Red-Bull-Welle wird." Allerdings sei Sponsoring nach den Förderrichtlinien auch verboten. Vor kurzem hat der Verein in Wolfratshausen eine "Surf's Up"-Party gefeiert, deren Eintrittsgelder in die Welle fließen. Marcus Kastner ist optimistisch. "Wir haben schon viel geschafft", sagt er. "Aber wir haben auch noch viel zu tun."

Die größte Hürde war lange das Wasser. Die meiste Zeit des Jahres ist der Kanal nur ein kleines Rinnsal, der Kraftwerkbetreiber braucht das Wasser zur Stromerzeugung an einem anderen Wehr. Nach mehreren Gesprächen mit der Stadt hat er aber Kooperationsbereitschaft gezeigt: Pro Betriebsstunde der Welle sollen zehn Euro Ausgleich gezahlt werden. Weil die an vier Tagen pro Woche von April bis Oktober laufen soll, wären also 13 400 Euro im Jahr fällig - nicht gerade wenig. Das Geld, sagen die Kastners, bringe der Verein auf. "Wer surfen will, muss Mitglied sein." Aber es soll auch Tages-Mitgliedschaften geben, die die Surfer dann vom Handy aus per Paypal bezahlen können. "Eine Kasse wird es hier nicht geben", sagt Marcus Kastner.

Die Stadt wird als Bauherr noch zahlreiche Gespräche führen müssen, nicht nur mit dem Kraftwerksbetreiber, sondern auch mit den vielen Behörden, die am Genehmigungsverfahren beteiligt sind. Dabei geht es nicht nur ums Wasserrecht, sondern auch um Parkplätze, Lärm und ähnliche Dinge. Ein juristisches Gutachten, das die Haftungsfragen klären soll, sei kurz vor der Fertigstellung, sagt Stefanie Kastner. Bis zum Frühjahr kommenden Jahres, hoffen sie und ihr Mann, können sie den Spendenanteil einsammeln, später auch von Bürgern durch Crowdfunding. Dabei setzen sie auf die positive Kraft der Welle, die schon den Stadtrat überzeugt hat. "Riversurfing ist cool, jung, dynamisch und lässt sich gut vermarkten", sagt Stefanie Kastner.

Das sieht man auch in anderen Städten, in denen gerade fleißig daran gearbeitet wird, München den Rang als Surfspot Nummer eins abzulaufen. In Nürnberg etwa soll auf der Pegnitz die "Dauerwelle" entstehen, die der Freistaat mit 250 000 Euro fördern will, das Genehmigungsverfahren steht kurz vor dem Abschluss. Und in Bad Reichenhall soll auf der Saalach die größte künstliche Surfwelle der Welt geschaffen werden.

Die ersten Spenden sind schon da

Auch in Passau und Gräfelfing kämpfen Initiativen für ähnliche Projekte. Weil die Trendsportart boomt, gibt es auch schon die ersten Warnungen vor einer Kommerzialisierung des Fluss-Surfens. In Wolfratshausen sieht Marcus Kastner die Gefahr jedenfalls nicht. "Wir wollen uns an der Welle nicht bereichern", sagt Kastner. Er könne sich aber gut vorstellen, dass etwa Sportgeschäfte aus der Stadt einen Surfbrettverleih anbieten.

Die erste Spendenzusage hat das Ehepaar Kastner schon bekommen: 5000 Euro von einem Wolfratshauser Familienunternehmen. Beim Pressetermin im Rathaus hatten sie wieder ihr Surfbrett dabei. "Die Welle wird Wolfratshausen voranbringen", sind sie sich sicher. Und dass sie nicht nur Surfer aus dem ganzen Oberland anzieht, sondern auch viele Wolfratshauser dazu bringen wird, aufs Brett zu steigen. "Riversurfing ist schon lange keine Freak-Sportart mehr, die von ein paar Leuten ausgeübt wird, die es geheim halten wollen", sagt Marcus Kastner. "Es werden immer mehr. Und es braucht mehr Wellen."

Alle Informationen zum Projekt gibt es im Internet unter surfing-wolfratshausen.de.

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SZ vom 04.07.2017/vewo
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