Süddeutsche Zeitung

Corona in Schäftlarn:Der Zahlenmann

Ekkehard Körner, Vorsitzender der Gemeindeunion, informiert täglich über das Virus.

Von Marie Heßlinger, Schäftlarn

Auf dem Verteiler stehen 75 Email-Adressen, die Empfänger schicken den Rundbrief wiederum weiter an Mitglieder aus der Feuerwehr, dem Pfarrverband, an Freunde und Gemeindemitglieder: Ekkehard Körners Corona-Newsletter. Der 80-Jährige informiert darin über aktuelle Coronazahlen in Schäftlarn und den umliegenden Gemeinden.

"Täglich GUt informiert" heißt die Rundmail, GU groß geschrieben, für die "Gemeindeunion", deren Parteivorsitzender Körner ist. "Grüß Gott miteinander!" beginnt seine Mail meist, sie klingt fast wie ein fröhlicher Wetterbericht. "Die Inzidenzen fallen deutschlandweit. Für ganz Deutschland wird heute 155 (-9,5) angegeben", schreibt Körner am Mittwoch. In den Wochen zuvor folgte eine genaue tabellarische Auflistung der täglichen Neuinfektionen der vorangegangenen Woche im Landkreis München von Aschheim bis Unterschleißheim. Wegen Problemen auf der Homepage des Landratsamtes ist das in diesen Tagen nicht möglich.

In seine Rundmail aber hat Körner am Mittwoch Diagramme kopiert, eines zeigt den Infektionsverlauf umliegender Landkreise. "Abfall überall, nur bei uns Stagnation, doch sind wir immer noch die "Besten", knapp vor Starnberg", hat Körner in dem ihm eigenen, speziellen Stil darunter geschrieben. Das Schriftbild wechselt oft von Satz zu Satz. Ein anderes Diagramm zeigt den Verlauf der Coronaneuinfektionen aufgeschlüsselt nach Bundesländern. An manchen Tagen wirft Körner auch einen Blick ins Ausland. Spricht man Körner auf die Coronaentwicklungen persönlich an, hat er die Zahlen im Kopf, selbst jene aus vergangenem Jahr. "Wir hatten vom 18. April bis Ende August keinen einzigen Fall", sagt der Schäftlarner zum Beispiel, er redet schnell, er muss nicht lange nachdenken.

Seit Ende März versendet Körner seinen Rundbrief. Damals titelte eine Lokalzeitung, das Virus habe den Landkreis fest im Griff. Der Artikel erschien Körner dramatisierend, er informierte sich selbst auf der Seite des Landratsamtes, stellte fest, dass die Lage im Landkreis nicht so wild war und dass überdies auf der Homepage des Landratsamtes nur Absolutwerte standen. "Man konnte nur rauskriegen, was sich verändert hat, indem man die aktuellen Zahlen mit den Zahlen von gestern verglich." Der studierte Elektroingenieur und ehemalige Patentanwalt begann, Tabellen anzulegen. Und bald schon schaute er sich auch die Seite des Robert-Koch-Instituts und der Johns-Hopkins-Universität an, kopierte deren Grafiken, überblickte, was sich in den benachbarten Bundesländern und Ländern ereignete, ringsum, von Polen bis nach Dänemark, in Russland oder China - "Wer dem chinesischen Diagramm glaubt, ist selbst schuld", schrieb er einmal.

Auch sonst gibt Körner sich gerne kritisch, wenn es um das Tempo der Impfungen geht beispielsweise. Auch findet er, dass die Regierung ihre Maßnahmen besser begründen müsse. Körner steht oft hinter den Beschlüssen, findet aber, dass die Regelungen den Menschen besser erläutert werden müssten.

Um seine Einschätzung mit anderen zu teilen, schaut Körner sich jeden Morgen zunächst die Zahlen des Robert-Koch-Institutes an, im Laufe des Mittags veröffentlicht dann auch das Landratsamt neue Zahlen auf seiner Website. "Ich bin im Ruhestand und habe viel Zeit", sagt Körner. Nachmittags schickt er, wie ein Wettermann, seine Mail raus.

Ob er auch Vorhersagen über die mittelfristige Zukunft wagt? "Es ist zwar immer härter geworden, was man uns hier zumutet. Aber wir haben Winter und das Virus mag diese Kälte", sagt er. Ein Lockdown bis Ende Februar ist daher für ihn vorstellbar.

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Quelle:
SZ vom 16.01.2021
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