Süddeutsche Zeitung

Bad Tölz-Wolfratshausen:Neuer Obergenosse gesucht

Die krisengebeutelte SPD sehnt sich nach personeller Erneuerung. Der einzige Kandidat für die Nachfolge des Kreis-Chefs Wolfgang Werner ist jedoch der 64 Jahre alte frühere Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel

Von Felicitas Amler,Petra Schneider und Florian Zick, Bad Tölz-Wolfratshausen

Wolfgang Werner zieht sich nach sechs Jahren an der Spitze der Kreis-SPD zurück. Der 45-Jährige, der nicht nur Stadtrat und Sportreferent in Geretsried ist, sondern seit der Kommunalwahl im März auch im Tölzer Kreistag sitzt, will sich voll auf seine beiden Mandate konzentrieren. Seine Nachfolge soll der langjährige Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel aus Kochel antreten.

Werner spricht rückblickend von vielen Enttäuschungen, da die SPD von Wahl zu Wahl schlechter abschneide, zeigt sich aber dennoch als treuer Parteigänger. An seiner SPD-Mitgliedschaft habe er nie gezweifelt, sagt er: "Das ist wie im Sport, wir gewinnen miteinander, wir verlieren miteinander - jetzt stehen wir halt in der Tabelle ziemlich weit unten."

Klaus Barthel will der Wahl am Donnerstagabend nicht vorgreifen. Noch sei schließlich nicht klar, ob nicht doch auch noch jemand anderes antrete. "Und ich werde mich mit Sicherheit nicht vordrängen." Es sei wichtig, dass den Mitgliedern nicht ein Kandidat "vorgesetzt" werde. Den Kreisvorsitz für zwei Jahre zu übernehmen, könne er sich gleichwohl vorstellen, sagt der 64-Jährige, "aber es entsprach nicht meiner Lebensplanung".

Barthel, der von 1994 bis 2017 Mitglied des Bundestags war, seit 2009 Mitglied im Präsidium der Bayern-SPD ist und als Kandidat für den Landesvorsitz im Gespräch war, gehört dem linken Flügel seiner Partei an. Er hat die SPD im Bund immer wieder für Sozialabbau und wegen der Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisiert und öfters auch gegen die Linie seiner Partei abgestimmt. 2017 kandidierte er nicht mehr für den Bundestag. "Ich wollte eigentlich mehr Zeit für meinen privaten Kram haben", sagt er. Ganz ohne Politik geht es aber offenbar nicht. Bei der Kommunalwahl im März kandidierte Barthel für den Kochler Gemeinderat - und wurde als einziger SPD-Vertreter in das Gremium gewählt. Seitdem wird in der CSU-geführten Gemeinde häufiger und heftiger debattiert, die Beschlüsse sind seltener einstimmig. Auf Kreisebene, wo die SPD derzeit 330 Mitglieder zählt, richtig einzusteigen, hatte er ursprünglich allerdings nicht geplant, sagt Barthel. Ein gemütlicher Job wäre das auch nicht: Bei den Kommunalwahlen im März hat die SPD im Landkreis gerade mal sieben Prozent bekommen, Landratskandidatin Filiz Cetin schnitt mit ebenfalls sieben Prozent überraschend schlecht ab. Barthel hält es deshalb für wichtig, jüngere Leute aufzubauen - "und Frauen sowieso".

Auch Wolfgang Werner betont, dass gerade in einer kritischen Lage wie jetzt eine Verjüngung an der Spitze gut wäre. Er schränkt aber sofort ein, es sei "nicht so einfach", jemanden zu finden. Die Gründe für den Niedergang der SPD sieht der scheidende Kreisvorsitzende zudem außerhalb des Landkreises: "Die Allwetterlage hat uns zu schaffen gemacht." Die SPD sei nicht mehr in der Blüte wie zu Willy Brandts Zeiten. "Hartz IV war schon ein Knick", räumt er ein, die dann folgende Abspaltung der WASG und die spätere Gründung der Linken habe einen "Aderlass" bedeutet, zudem stecke die SPD nun auch schon zu lange in der großen Koalition fest. Und heute sei es "jung und chic, grün zu wählen".

Als die kommenden Namen bei der Kreis-SPD werden Sebastian Salvamoser, der junge Ortsvorsitzende aus Kochel am See, und der ehemalige Geretsrieder Stadtrat Michael Lasidis gehandelt. Auch Landratskandidatin Filiz Cetin gehört in dem überalterten Kreisverband mit ihren 44 Jahren theoretisch noch zu den Jüngeren. "Ich habe auch lange überlegt, ob ich nicht noch mehr Verantwortung übernehmen kann", sagt sie. Doch auch Cetin sitzt im Kreistag, dazu im Tölzer Stadtrat. Wie Wolfgang Werner will auch sie sich auf diese Mandate konzentrieren.

Dass sich bislang nur Klaus Barthel dazu bereit erklärt hat, den Kreisvorsitz zu übernehmen, findet sie nicht tragisch. "Die Erfahrung zählt", sagt Cetin, die vier Jahre lang zusammen mit Barthel im Landesvorstand der SPD vertreten war. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete könne die SPD auch mit seinen 64 Jahren noch voranbringen, ist sich Cetin sicher.

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Quelle:
SZ vom 14.10.2020
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