Süddeutsche Zeitung

Altenpflege:Aus für das Josefistift

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Weil die meisten Zimmer nach einer neuen Rechtsvorschrift zu klein sind, plant die Stadt, das Alten- und Pflegeheim aufzugeben und an anderer Stelle ein neues Haus zu errichten

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Die Tage des Alten- und Pflegeheims Josefistift in Bad Tölz sind gezählt. Das Haus bietet 95 Plätze, davon 83 in Einzelzimmern und zwölf in Doppelzimmern. Aber lediglich gut ein Viertel der Appartements ist zumindest 14 Quadratmeter groß und erfüllt damit die Norm der "Verordnung zur Ausführung des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes", kurz: AVPfleWoqG, die seit 2011 gilt. Der Rest der Zimmer ist kleiner. Eine Umgestaltung des Pflegeheims an der Bahnhofstraße wäre unrentabel und auch technisch nur schwer zu lösen, weshalb die Stadt nun einen Neubau plant. Als Standort fasst sie dafür die etwa zwei Hektar große Wiese südlich der Asklepios-Klinik und des evangelischen Kindergartens ins Auge. "Wir haben zwar Karenzzeit und können uns geraume Zeit weiter fretten, hätten dann aber ein Riesenproblem", begründet Bürgermeister Josef Janker (CSU) diesen Schritt.

Nur drei von 90 Bewohnern könnten ohne Hilfe aus dem Haus, sagt Janker

Das Alten- und Pflegeheim wird von der Josefi-Spitalstiftung betrieben, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt. Nach wie vor sei es sehr beliebt und gut belegt, was dem großen Einsatz der Mitarbeiter zu verdanken sei, sagt Janker. In früheren Zeiten bot es den Vorteil, dass die oftmals noch rüstigen Bewohner von dort über die Salzstraße zu Fuß ins Stadtzentrum gehen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten. Inzwischen aber bleiben betagte Menschen so lange in den eigenen vier Wänden, wie es eben geht, und kommen erst ins Heim, wenn sie stark pflegebedürftig sind. Lediglich drei der etwa 90 Josefstift-Bewohner sind Janker zufolge derzeit noch imstande, ohne Hilfe aus dem Haus zu gehen.

Ein Umbau des Heims wäre ob des Lärms und des Drecks nicht bloß eine große Belastung für die Senioren. Er wäre auch technisch schwierig. Das Haus bestehe schließlich aus lauter Zimmern, die genau in das Gebäude eingeplant wurden, sagt Janker. "Da kann man nicht einfach Zwischenwände herausreißen oder die Zimmer mal um einen halben Meter vergrößern." Außerdem verliefen überall Rohre und Leitungen, "man müsste also komplett entkernen". Ein Neubau wäre wesentlich schneller hinzustellen und auch nachhaltiger, weil er für die Zukunft passe.

Das neue Heim hinter der Klinik soll Platz für 150 Bewohner bekommen

Für die Wiese hinter der Asklepios-Klinik spricht nach Ansicht des Bürgermeisters die ruhige Lage, da das Grundstück durch einen Damm vom Verkehrslärm der Bundesstraße 472 abgeschirmt sei. Vor allem aber sieht er einen großen Vorteil durch die direkte Anbindung an die Klinik. "Da ergeben sich unglaubliche Synergie-Effekte", sagt Janker. Als Beispiel nennt er eine Palliativ-Versorgung, "die wir schon immer wollten", und ein besseres Angebot an Kurzzeitpflegeplätzen. Das neue Heim soll Platz für bis zu 150 Bewohner auf fünf Stationen bieten. Im Erdgeschoss könnten Empfang, Küche und andere Funktionsräume liegen, vom ersten Stock an die Stationen beginnen. Wegen der Topografie wäre dort sogar ein ebenerdiger Zugang auf zwei Ebenen möglich, betont der Bürgermeister. Das Gebäude des Josefistifts gehört dem Freistaat. Die Stadt will nun mit dem bayerischen Finanzministerium über einen Kauf verhandeln. Dazu müsse man aber erst einmal die Preisvorstellungen sondieren, fügt der Rathauschef vorsichtig hinzu. Das Anwesen an der Bahnhofstraße ließe sich nach seinen Überlegungen in eine Unterkunft für Asylbewerber oder auch in ein Wohnhaus mit günstigen Mieten verwandeln.

Unter den Stadträten stoßen die Pläne auf breite Zustimmung. Neben der ruhigen Lage an der Asklepios-Klinik sieht Camilla Plöckl (SPD) in einem Neubau vor allem den Vorteil, "dass die Kurzzeitpflege zum Zuge kommt", die man momentan so gut wie nicht anbiete. Auch Franz Meyer-Schwendner (Grüne) hält die Idee für gut: "Die Anbindung an die Klinik ist zwar nicht zwingend, sie ist aber auch nicht schlecht." Die Freie Wähler Gemeinschaft (FWG) sträubt sich ebenfalls nicht gegen das Vorhaben, im Gegenteil. Das Josefistift sei in der jetzigen Größe ohnehin "auf Sicht nicht wirtschaftlich" zu betreiben, sagt Martin Harrer: "Ein Neubau ist die beste und einzige Lösung." Zweiter Bürgermeister Andreas Wiedemann verweist darauf, dass sich das Alten- und Pflegeheim seit Jahren schon finanziell mit einer "schwarzen Null" durchschlage. Jeder Betrieb müsse jedoch so viel erwirtschaften, dass er auch Investitionen tätigen könne, sagt Wiedemann. "Personell ist das immer auf Kante."

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SZ vom 08.03.2016
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