Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest:Übungen in Feuchtigkeit

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Sechs Braumeister der großen Münchner Brauereien stellen ihre diesjährigen Wiesnbiere vor - und Starsommelier Justin Leone beschreibt sie für die SZ.

Von Franz Kotteder

Rituale wollen gepflegt werden, und so hatten die Münchner Brauereien im vergangenen Jahr zwar ihre traditionelle Wiesnbierprobe wie gewohnt abgehalten, aber irgendwie litt die Veranstaltung dann doch unter der abgesagten Wiesn. So ist es nur zu verständlich, dass Andreas Steinfatt, Geschäftsführer von Hacker-Pschorr und Paulaner sowie Vorsitzender des Vereins der Münchner Brauereien am Donnerstagabend die Veranstaltung mit den Worten eröffnete: "Liebe Wiesnfamilie, es ist einfach so schön - in diesem Jahr ist das hier keine Trockenübung!"

In der Tat, es war dann doch eher eine Feuchtigkeitsübung mit sechs verschiedenen Wiesnbieren. Die Wiesnfamilie bestand in diesem Fall aus Brauereivorständen, Braumeistern, Wiesnwirten und ihnen nahestehenden Kunstschaffenden sowie Politikerinnen und Politikern aus dem Stadtrat, allen voran die Zweite Bürgermeisterin Kathrin Habenschaden und Wiesn-Stadträtin Anja Berger (beide Grüne). Man traf sich im Park-Café im Alten Botanischen Garten, um gemeinsam die Biere zu verkosten, die vom 17. September an, Schlag zwölf Uhr, in den Zelten ausgeschenkt werden. "Das sind heute genau 1068 Tage nach dem letzten Wiesntag", hatte Wiesn-Stadträtin Berger nachgezählt, "diese Zeit war wirklich bitter und frustrierend."

Es lässt sich aber feststellen an diesem Abend: Über die bitteren und frustrierenden Zeiten ist man weitgehend hinweg - auch wenn der ganze Saal nach 21.30 Uhr sich kurz erhob, für ein paar Sekunden des Gedenkens. Andreas Steinfatt hatte gerade den Tod der Queen von der Bühne herab verkündet. Kurz davor hatten die sechs Braumeister ihre Biere vorgestellt, die Biersommelière und ehemalige bayerische Bierkönigin Marlene Speck hatte sie dazu fachkundig eingeordnet.

Für die SZ macht das hier der sonst für Wein zuständige Starsommelier Justin Leone, der ein bisschen als Paradiesvogel seiner Zunft gilt - vor allem wegen seiner ausgefallenen, modischen Anzüge und seiner Bezüge zur Popmusik. Der in Kanada geborene und in Chicago aufgewachsene Leone war ursprünglich nach einer klassischen Ausbildung als Kontrabassist mal Bassist in einer Rockband, entschied sich dann aber für eine Karriere als Sommelier. In München war er einige Jahre als Chef-Sommelier im Sternelokal Tantris tätig. Heute ist er Director of Wine in der Weinbar Grapes in der Ledererstraße.

Gefährlich trinkbar

Hacker-Pschorr: Stammwürze 13,7 und Alkoholgehalt 6,0 Prozent

"Ich persönlich trinke ja gerne das Kellerbier von Hacker-Pschorr. Das ist für mich eines der schönsten Biere Münchens. Tendenziell müsste ich also auch zum Wiesnbier von Hacker-Pschorr neigen. Es ist elegant in der Nase, hat einen leichten Duft von einer Sommerwiese. Die Textur ist auch sehr schön. Vollmundig, aber sehr erfrischend, überhaupt nicht zu mächtig, sondern sehr fein gemacht. Nicht zu malzig im Abgang. Dieses Bier hat also eine schöne Definition, ist nicht leicht, nicht dünn, ein bisschen knackiger, als ich es für ein Wiesnbier erwartet hätte. Sehr gefährlich trinkbar, sage ich mal: Den höheren Alkoholgehalt, 6,0 Prozent, spürt man hinten raus schon ein bisschen, aber der Alkohol ist gut integriert. Im Vergleich mit den anderen ist das unfassbar schlank und im positiven Sinne bitterer."

Geradlinige Gerste

Paulaner: Stammwürze 13,6 und Alkoholgehalt 6,0 Prozent

"Während Hacker-Pschorr fast schon so ein bisschen in Richtung Pils geht, hat man beim Paulaner mehr Gerste und Malzgeschmack. Es geht ein bisschen weniger auf die blumige Seite als das von Hacker-Pschorr. Es ist ein schönes, klares und feines Bier, das mehr in die fruchtige Richtung tendiert, aber auch dort in die feinere Frucht, also zum Beispiel Birne. Es hat auch eine wirklich schöne Schaumkrone, muss ich sagen. Generell ist es nicht so schmelzig wie andere Wiesnbiere, sondern es ist ein bisschen geradliniger. Auch ist es von seiner Art her schon etwas knackiger, nicht ganz so dunkel und würzig, was den Geschmack angeht. Also hellfarbiger und auf jeden Fall nicht ganz so malzig. Man kann den Unterschied zu den anderen Bieren tatsächlich deutlich merken, auch was den Alkohol beim Trinken nach hinten raus angeht."

Man muss bereit dafür sein

Augustiner: Stammwürze 13,75 und Alkoholgehalt 6,3 Prozent

"Hier bekommen die Leute wahrscheinlich genau das, was sie erwarten. Das Augustiner ist cremig, schmelzig, voll und kräftig. Man muss bereit dafür sein. Für einen normalen Biertrinker sind die leichteren Biere möglicherweise etwas zugänglicher, für die etwas Trinkfesteren ist Augustiner vermutlich besser geeignet. Aber das kommt natürlich auch auf die Stimmung an. Das ist wie beim Wein, da passt manchmal ein schlanker Riesling besser, mal ein kräftiger Chardonnay. Ich habe Augustiner bisher noch nicht im direkten Vergleich getrunken, habe es nie so eingeordnet als das kräftigste, das dunkelste, das würzigste von allen. Aber man checkt bei ihm am meisten den Alkohol. Das braucht einen Teller voller Würstl und Kartoffeln als Grundlage. Aber es ist ein ganz tolles Bier!"

Sehr ätherisch

Hofbräu: Stammwürze 13,8 und Alkoholgehalt 6,2 Prozent

"Hofbräu, wow, das ist krass! Das ist ein bisschen so wie eine Kombination aus den anderen Bieren. Es hat sehr viel Kraft, eher so in die Richtung von Augustiner. Das würzigste von allen ist eigentlich Hofbräu. Es erinnert mich an den Geschmack im Mund, wenn man in einer Whiskybrennerei Rhye Whisky probiert, es hat eine richtig würzige, fast eine Roggennote drin. Es ist ganz anders als die anderen Biere, auch überhaupt nicht geschönt, also ohne Schminke, sozusagen. Es ist sehr roh, etwas rassiger auf jeden Fall, und es ist im Vergleich eher wie ein Jamaika-Rum und ein Rum aus Martinique. Das ist sehr pur im Mund. Sehr kantig und sehr rassig. Das hat ganz wenig mit Fruchtigkeit oder Blumigkeit zu tun. Es ist sehr ätherisch."

Leicht fruchtig

Spaten: Stammwürze 13,7 und Alkoholgehalt 5,9 Prozent

"Das ist sehr cremig, fast schon ein bisschen wie ein Nachtisch im Glas. Es erinnert mich fast so ein bisschen an ein Picknick in Wimbledon mit Shortbread, Erdbeeren und Sahne... (lacht). Früher hätte man wohl gesagt: Für die Frauen ist das ein sehr zugängliches Bier. Das Spatenbier ist leicht süßlich auf der Zunge, es hinterlässt sofort einen leicht fruchtigen Eindruck auf der Zunge und im Abgang. Also fruchtig im Sinne von Beeren. Hopfenaromen gibt es auch, ein bisschen Hopfen knackt da hinten, aber das ist nichts im Vergleich etwa zu Augustiner, wo der Hopfen das Bier nach hinten raus etwas bitterer macht. Augustiner braucht deswegen den malzigen Charakter, es braucht diese Spannung. Wohingegen die anderen ein bisschen schlanker, feiner sind."

Keine Herausforderung

Löwenbräu: Stammwürze 13,8 und Alkoholgehalt 6,0 Prozent

"Das Löwenbräu-Bier ist mehr so die Easy-Drinking-Variante aller hier verkosteten Biere, würde ich mal sagen. Es ist keine Herausforderung. Es ist nicht unbedingt das schlankste und feinste Bier. Ein bisschen rassig von den Hopfenkomponenten her, es hat ein bisschen Zitronengras-Charakter drin, es ist ein bisschen blumig, ein bisschen fruchtig, aber das übertönt nicht alles. Wenn man sich das Wort ,Bier' vorstellt, dann hat man genau das im Kopf. Es ist eine etwas schmelzigere, vollmundigere Variante von dem, was Löwenbräu sonst macht, sehr viel zugänglicher als die meisten anderen. Es ist also eins zu eins das, was man normalerweise von Löwenbräu erwartet, nur ein bisschen voluminöser. Wir haben da sozusagen das normale Löwenbräu on crack vor uns (lacht). Sehr zugänglich, sehr süffig, nicht so komplex und nicht so süßlich wie Spaten."

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