Süddeutsche Zeitung

Typisch deutsch:Die Hautfarbe aus der Nadel

Unser Autor empfand Tattoos lange als ein Zeichen für kriminelle Energie. Jetzt will er sich selbst ein Kunstwerk stechen lassen.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es war am Bahnhof in Deggendorf, ich stand am Fahrkartenautomaten und versuchte verzweifelt, mir ein Ticket nach München zu kaufen. Man sah mir sicherlich an, wie hilflos ich war. Dann kamen zwei Männer auf mich zu und sprachen mich an. Boten sie mir ihre Hilfe an? Womöglich. Ich aber hatte nur noch Augen für die Tattoos auf ihren Armen. Hilfe! Ich steckte mein Geld ein und nahm Reißaus. Ich war neu in Deutschland. Und Tattoos waren für mich ein klares Zeichen für kriminelle Energie.

Irgendein Vorurteil hat jeder, davor sind auch Neuankömmlinge nicht gefeit. Nach meiner Flucht aus Syrien konnte ich mit Tattoos nur Straftaten verbinden. Tattoos brachten Erinnerungen hoch, an meine Zeit im syrischen Gefängnis. Man steckte uns Journalisten und politische Gefangene zusammen mit Kriminellen in den Knast. Ich traf viele Tätowierte. Meist waren dies nicht meine Berufs- und Leidgenossen. Es waren Häftlinge, die den anderen Gefangenen das Leben in Unfreiheit noch schwerer machten.

Mit meiner Tattoophobie ging es ins Flüchtlingcamp, wo ich anfangs monatelang wohnte. Im Sprachkurs saß ein tätowiertes Pärchen. Ich sollte also mit einem Gauner-Duo Deutsch lernen? Ich wartete nur darauf, dass sie sich nach den deutschen Worten für "Autoknacken" erkundigten. So wurde ich lange vor Corona Experte im Abstand halten. In ihrer Nähe habe ich meine rechte Hand stets auf meinen Geldbeutel gelegt. Und meine linke auf das Handy. Nur eines machte mich stutzig: Warum wirkte das Gauner-Pärchen so unheimlich sympathisch?

Beklaut haben sie niemanden, weder mich noch sonst wen, das wurde mir aber erst lange nach meinem Auszug aus dem Camp bewusst. Mir half die Freundschaft zu einem Einheimischen, einem Mann ohne Tattoo. Dachte ich. Erst nachdem wir uns Monate kannten und richtige Kumpel wurden, entdeckte ich per Zufall sein Tattoo.

Die Freundschaft hat dies nicht beeinträchtigt, eher meine Sicht der Dinge. Noch immer fallen mir Tattoos extrem auf, etwa wenn ich mit der Bahn durch München fahre. Mittlerweile mache ich mir aber einen Sport daraus und versuche, sie zu entziffern. Manche Tattoo-Schriftzüge sind auf Arabisch geschrieben, manchmal falsch. Nicht selten sind die Wappen der beiden großen Fußballklubs der Stadt. Ein Meistertattoo würde sich bei mir sicher auch nicht schlecht machen. Und so ist ein Tattoo letztlich auch nichts anderes als eine Hautfarbe, nur das man den Farbton selbst wählen kann.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4962640
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.07.2020/vewo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.