Süddeutsche Zeitung

Ende eines Gemischtwarenladens:"Der Ort verliert, wenn der Müller geht"

Wo kann man heute noch Porenbetonanker oder Krückenkappen kaufen, einzeln und mitten im Ort? Beim Müller in Tutzing. Dass der einstige Kohlenhandel schließt, bedeutet auch das einer Ära.

Von Jessica Schober

Es gibt da diese Schublade mit den Krückenkappen beim Kohlen-Müller, ganz hinten rechts im Apothekerschrank. Fein säuberlich sortiert liegen darin sieben verschiedene Arten von schwarzen Gummistücken. Sie passen genau auf die Gehstöcke der Stammkunden dieses Ladens, manche benötigen schmale längliche, andere dick gepolsterte Stockschoner.

Die Krückenkappen sind quasi die Verschleißteile des Älterwerdens, das Gummi nutzt sich eben ab beim Gehen am Stock. Zwei Stück davon verkauft Bettina Müller im Schnitt jeden Monat, "wenn es gut läuft". Sobald ihr Geschäft, das sie seit 25 Jahren mit ihrem Mann Andreas Lorenz und ihrem Schwager führt, im kommenden Jahr zusperrt, wird also irgendjemand im Ort sehr weit fahren müssen, um noch neue Krückenkappen zu kriegen. Kaum eine Geschäftsaufgabe dürfte die Anwohner der Gemeinde am Starnberger See im Alltag so beschäftigen wie das Ende der Anton Müller KG an der Hauptstraße 39. Viele fragen sich, wo sie nun alle die Dinge des alltäglichen Lebens herbekommen sollen, elektrische Fliegenklatschen für 7,90 Euro zum Beispiel oder eben Krückenkappen.

Eine bunte Mischung aus Eisenwarengeschäft, Baumarkt, Gartencenter, Malerladen, Küchenausstatter und Tierhandlung verbirgt sich in dem Gemischtwarenladen hinter der breiten Fensterfront. Eingetragen ist das Geschäft als Einzelhandel, aber Stammkunden wissen, dass dies einer jener seltenen Orte ist, wo man auf magische Weise "einfach alles kriegt". So sagt es zumindest der ältere Herr, der gerade für 14,70 Euro eine Dose seidenmatten Lack in Rostrot gekauft hat.

Auch die Frau, die später einen Besen mitnehmen wird, ist froh, dafür nicht ins gut 14 Kilometer entfernte Weilheim oder nach Starnberg zu den nächstgelegenen Baumärkten fahren zu müssen. Und die Stammkundin im fuchsiafarbenen Etuikleid mit den buntglitzernden Klunkerohrringen kommt auch gern nächste Woche wieder, wenn die Plastikfutternäpfe wieder im Doppel erhältlich sind. "Der Ort verliert, wenn der Müller geht", sagt sie lakonisch.

Das Ende des Kohlen-Müllers ist ein Beispiel für den Wandel des Dorfes. Der Siegeszug der Gewerbegebiete läutete das Sterben der Innenstädte ein. Der Internethandel machte den Fachgeschäften den Garaus. Und die Corona-Pandemie schlug den letzten Sargnagel in das Geschäftsmodell des Familienunternehmens Müller. "Wir hatten ja jetzt sechs Monate lang zu, während die Baumärkte öffnen durften", sagt Andreas Lorenz.

Im Keller stapeln sich noch die Weihnachtsartikel, seitdem der Lockdown vom 16. Dezember die Inhaber erneut zur Schließung zwang. "Wir haben nichts bekommen, keine Soforthilfen, denn wir zahlen ja keine Miete hier in unserem Haus", sagt Bettina Müller. Und die Sache mit der Kurzarbeit sei wirklich kompliziert gewesen, erinnert sich ihr Mann Lorenz mit leiser, brüchiger Stimme.

Dabei hatte es zuerst noch ganz gut ausgesehen für den Kohlen-Müller, den manche auch Eisen-Müller oder Müller-Toni nennen, weil er sich eben immer wieder anpasste an die Bedürfnisse der Tutzinger. Als der Malerladen schloss, bot er eben Farben an. Als die Post raus zog ins Gewerbegebiet, übernahm der Müller den Paketshop, der immerhin regelmäßig Kunden ins Geschäft spülte. "Aber als der Edeka nebenan letztes Jahr zumachte, da wusste ich, es geht zu Ende", sagt Bettina Müller. Während früher noch ein Pritschenwagen die Kohlensäcke vom Hof abholte und den Kunden lieferte, brachten sie in der Pandemie sechs Tage in der Woche die Bestellungen zu den Tutzingern nach Hause. Viel Arbeit für wenig Geld.

Den Hauptteil des Sortiments bestellt Bettina Müller direkt einzeln beim Hersteller, die Pfeffermühlen von Peugeot zum Beispiel. Bei kleinen Bestellmengen fallen auf diese Weise viel Zettelwirtschaft an und geringe Gewinnmargen ab. Was Müller nicht abverkauft, muss sie einlagern, wie das Streusalz für den Winter im Holzschuppen. Die frühen Bestellfristen haben ihnen besonders im Lockdown schwere Zeiten beschert. "Wir haben jetzt ganz viel Ware und kein Geld auf dem Konto", sagt sie nüchtern.

Dabei liegt der Laden da, wo man niemals ein sterbendes Geschäft vermuten würde, beste Lage, nur 200 Meter Luftlinie vom Ufer des Starnberger Sees entfernt. "Früher war es kein Problem, von hier aus Gartenmöbel für ganz Tutzing zu verkaufen. Heute ist es schon viel, wenn wir zwei Liegen und drei Sonnenschirme losbringen. Wir haben halt keine 200 Quadratmeter Ausstellungsfläche", sagt Müller.

Inzwischen haben sie sogar Picknickgeschirr aus Palmblättern im Angebot. "Wegwerfsachen haben wir kaum noch", sagt Müller. Stattdessen hat sie eine Vielzahl von Einmachgläsern und Schraubverschlussflaschen im Sortiment, auf die manch hipper Unverpacktladen in Münchner Szenebezirken wohl neidisch wäre. Für den Einzelschraubverschluss berechnet Müller 50 Cent. Auch Korken gibt es in zehn verschiedenen Ausführungen mit Durchmessern von zwölf bis 20 Millimetern. "Bei uns gibt es alles einzeln", sagt Müller, "Aber vom Verkauf von drei Schrauben können wir auch nicht mehr leben."

1947 hat ihr Großvater Anton den Kohlenhandel gekauft. 1954 wurde daraus ein Eisenwarenladen. In den Sechzigerjahren fuhr Toni Müller mit einem 200-Liter-Tank durch die Gegend, um Heizöl zu liefern. 1996 übernahmen Bettina Müller, ihr Mann Andreas Lorenz und der Bruder Thomas das Geschäft. Sie hat zuerst Steuergehilfin gelernt, dann Betriebswirtschaft in München studiert. Andreas Müller war zunächst Wirt der Waldstuben, studierte Versorgungstechnik. Thomas Lorenz brachte die Gartenkompetenz mit nach seinem Zivildienst in der Gärtnerei des Klosters Bernried.

Streift man heute mit Bettina Müller durch die schmalen Ladengänge, staunt man über die Fähigkeit der deutschen Sprache zur Bildung von Komposita: Endstreifendüse. Grendelriegel. Porenbetonanker. Und auch Abdeckungen für Feuchtraumsteckdosen gibt es. "Linsenkopfschrauben", sagt Müller kopfschüttelnd, als sie vor der Schublade mit der Aufschrift G6 steht, "die braucht heute kein Mensch mehr."

Die Eheleute Müller und Lorenz sind 62, kinderlos, sie haben versucht, den Laden zu übergeben, aber es wollte ihn keiner haben. Die kleine Frau mit dem dunkelbraunen Kurzhaarschnitt schaut freundlich, klar und ohne jedes Selbstmitleid durch die Gläser ihrer randlosen Brille. Früher türmten sich hier im Hof die Kohlenberge. Als Kind spielte Müller dazwischen, manchmal entwischte sie lieber zu einer Schulfreundin, die im Grünen lebte. "Wir waren als Kinder immer dreckig tagsüber, jeden Abend war Badewannenpflicht", erinnert sich Müller. Sie und ihr Mann sind gebürtige Tutzinger, heute wohnen sie rund 600 Meter vom Laden entfernt.

Mit den Plänen des neuen Investors sind die beiden ganz zufrieden. Wichtig war ihnen, dass in dem geplanten Neubau auch Wohnungen mit einkommensorientierter Förderung entstehen. Die Imeno Projektentwicklungsgesellschaft von Felix Wittmann hat das Grundstück gekauft und will den Flachbau samt Wohnhaus abreißen. Bald könnte hier ein neues dreigeschossiges Ortszentrum entstehen, es soll sechs Meter von der Hauptstraße nach hinten versetzt ein wenig Luft lassen für einen zentralen Platz mit viel Grün. Wenn der Kohlen-Müller geht, könnte also etwas ganz Neues entstehen.

Davor, spätestens im Frühjahr 2022, wird die Anton Müller KG schließen. Sollte im Herbst noch ein Lockdown drohen, vielleicht auch schon früher. "Für die älteren Leute wird es jetzt schwierig in der Ortsmitte", sagt Bettina Müller. Fragt man sie und ihren Mann, was sie dann machen wollen, fällt ihnen nichts ein. "Jetzt bringen wir das erst mal alles zu Ende."

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SZ vom 03.08.2021
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