Süddeutsche Zeitung

Krieg in der Ukraine:Zurück in die Sammelunterkunft?

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Der Landkreis Starnberg hat überdurchschnittlich viele Flüchtlinge aufgenommen, vor allem in privaten Unterkünften. Jetzt ist die Hilfsbereitschaft vieler erschöpft. Das Landratsamt hat deshalb ein Problem: Wohin mit den Menschen?

Von Carolin Fries

Wie lang ist übergangsweise - Tage, Wochen oder Monate? Martina und Stephan Ottmar haben sich mit der Hausgemeinschaft ihres Gautinger Mehrgenerationenprojekts auf vier Monate verständigt. So lange sollten ukrainische Kriegsflüchtlinge die Gemeinschaftsräume bewohnen können, die sonst den fünf Parteien als Gästezimmer, Musikzimmer, Behandlungszimmer, Küche oder Treffpunkt zur Verfügung stehen. Anfang Mai zog also eine Mutter mit ihrer 13-jährigen Tochter und ihrer 80-jährigen Mutter ein. Nun beginnen die Ottmars allmählich den Auszug der Familie vorzubereiten - doch wohin mit den drei Frauen? Es gibt kaum bezahlbaren Wohnraum in der Region.

Wie den Ottmars geht es in diesen Wochen vielen Menschen im Landkreis Starnberg, die Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen haben. Sie wollen oder können nicht mehr ihren privaten Wohnraum teilen. "Die Leute sind erschöpft, das ist ganz normal", zeigt Landrat Stefan Frey (CSU) Verständnis. Er ist stolz auf die große Hilfsbereitschaft im Landkreis, die zu einer "regen Aufnahmetätigkeit" geführt habe. Es gebe kaum andere Regionen, die so viele Flüchtlinge aufgenommen hätte wie der Landkreis München oder eben das Fünfseenland. Der Landkreis Starnberg hat knapp anderthalb Mal so viele Flüchtlinge aufgenommen wie gefordert. Aktuell sind 2041 Menschen aus dem Kriegsgebiet im Landkreis registriert, mit 1677 sind die meisten davon privat untergebracht. Etliche hat das Landratsamt vermittelt, andere wurden von privaten Initiativen verteilt oder gar auf eigene Faust an den Grenzen abgeholt.

Für ein paar Wochen den Luxus des eigenen Zuhauses in Frieden zu teilen, das war vielen eine Möglichkeit, schnell und unbürokratisch zu helfen. Und obendrein effektiv: "Die kamen hier total fertig an", erzählt Stephan Ottmar von den drei ukrainischen Frauen. Zu erleben, wie diese sich in sicherer Umgebung entspannen und erholen konnten, sei schön gewesen. Aber auch anstrengend. Martina Ottmar kümmerte sich um Sprachkurse, suchte für das Mädchen eine Willkommensklasse, eröffnete ein Konto und begleitete ihre Gäste zu Ärzten. Etwa 15 Stunden war sie in den ersten Wochen jeweils mit Anträgen, Telefonaten und Besorgungen beschäftigt, erzählt sie, "doch jetzt läuft es eigentlich von alleine", sagt die Sozialpädagogin. Die Flüchtlinge seien bereit für eine eigene Wohnung. Und das sehen offenbar nicht nur die Ottmars so.

Durchschnittlich 20 Flüchtlinge bekommt der Landkreis derzeit jede Woche aus den privaten Unterkünften zurück. Weil die Gastgeber keine Wohnung auf dem freien Markt für sie finden - aber auch aus anderen Gründen. Das wochenlange Zusammenleben mit Fremden habe mitunter zu Konflikten geführt, manche habe der Umgang mit Traumata überfordert, berichtet Landrat Frey. Zudem beginnen bald die Sommerferien, viele wollen verreisen und ihre Gastfamilien nicht wochenlang alleine in Haus oder Wohnung zurücklassen. Obendrein sei die Anerkennung geschwunden: Bekamen Helfer in den ersten Wochen des Krieges vielfach Zuspruch und Dank ausgesprochen, interessiert sich inzwischen kaum mehr jemand für die ehrenamtlichen Übersetzer, Spendensammler oder die Klagen von Bekannten, wie lange es dauert, deutsche Antragsformulare auszufüllen. Landrat Frey spricht von einer Mischung einzelner Faktoren, die er so zusammenfasst: "Das private Engagement ist endlich." Noch dazu, wo es kaum eine Perspektive gibt. Hatten alle anfangs noch die Hoffnung, der Krieg würde schnell ein Ende nehmen, fragen sich viele Gastgeber inzwischen, ob übergangsweise womöglich auch Jahre heißen könnte.

Von einst 111 Mietangeboten sind inzwischen nur noch 14 übrig

Den Landkreis Starnberg stellt der Wegfall vieler privater Unterkünfte vor ein massives Problem. Denn auch öffentliche Unterkünfte gibt es zu wenige. Aktuell leben insgesamt 364 ukrainische Flüchtlinge in Gebäuden, die der Landkreis angemietet hat, die meisten sind im Mehrgenerationenhaus in Gauting sowie im Behringer-Haus in Tutzing untergebracht. Aktuell ertüchtigt der Landkreis das AOA-Firmengebäude in Gauting, dort sollen etwa 100 Menschen unterkommen. "Wenn das so weitergeht mit der Rückführung aus privaten Unterkünften, sind alle öffentlichen Unterkünfte in 16 Wochen voll belegt", rechnet Frey vor. Der Landkreis habe bereits versucht, weitere Immobilien anzumieten, doch vergeblich. Von den 111 Anbietern, die noch auf der Liste der Kreisbehörde standen, weil sie einst Wohnraum angeboten hatten, seien nach einem Rundruf nur 14 übrig geblieben, welche mindestens für sechs Monate vermieten würden. Zusätzlich verschärfen würde sich die Lage laut Frey, wenn Ende Oktober der Mietvertrag für das Mehrgenerationenhaus in Gauting endet und zum Jahresende jener für das Behringer-Haus.

Sollte sich keine Alternative auftun, müsse der Landkreis dann wieder die Turnhallen in Gilching und Hechendorf belegen. "Das wäre der absolute Notfall-Rucksack", sagt Frey, der eine erneute Belegung der Sporthallen möglichst vermeiden will. Zum einen, weil die Gemeinden und Schulen die Hallen selbst benötigten. Zum anderen, weil auch die Hallen nur Übergangslösungen seien. Vor allem aber mag sich niemand vorstellen, dass Menschen, die über Wochen und Monate liebevoll von Familien aufgenommen und integriert wurden, letztlich doch noch in Sammelunterkünften landen.

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