Süddeutsche Zeitung

Farm der Zirkus-Tiere:"Der Circus Krone hat schon zwei Weltkriege überstanden"

Familie Krone bietet Führungen durch den Weßlinger Standort mit Raubkatzen-Gehege, Lamas und Kamelen an, um in Corona-Zeiten wenigstens einen Teil der Kosten zu bestreiten. Ein Besuch.

Von Laura Höring

Schon in den ersten Minuten seiner Führung über die Circus-Krone- Farm unterbricht den Tierschutzbeauftragten Frank Keller ein lauter Schrei: Der älteste Bewohner, der 38-jährige Esel Bim, meldet sich zu Wort und bringt die Besucher zum Lachen. Zusammen mit etlichen Zebras, Kamelen, Wildkatzen, Pferden, Ziegen und Hühnern verbringt er auf dem zwölf Hektar großen Areal bei Weßling seinen Lebensabend. Zusätzlich leben derzeit viele der aktiven Zirkustiere auf der Farm, seit der Circus Krone im März 2020 wegen der Corona-Pandemie seine vorerst letzte Vorstellung spielte.

Denn während Biergärten und Freibäder inzwischen gut besucht sind und die Menschen in vollen Fliegern in den Urlaub reisen, herrscht in der Manege des Circus Krone nach wie vor gähnende Leere. "Bei den geltenden Abstandsregeln und den Kosten, die mit einer Produktion verbunden sind, rechnet sich das für uns gerade leider nicht, größere Veranstaltungen anzubieten", sagt Keller. "Viele kleinere Zirkusse sind reine Familienbetriebe, bei uns handelt es sich aber um ein Unternehmen, das zu den Vorstellungszeiten im Winter etwa 260 Angestellte beschäftigt."

Die Einnahmen, die durch die Führungen auf dem Gelände in Weßling zusammenkommen, helfen jetzt dabei, zumindest einen Teil der Kosten zu decken. "Die Farm ist seit 1938 im Besitz der Familie Krone", erzählt der Tierschutzbeauftragte, "bis zum letzten Jahr war ein Besuch für die Öffentlichkeit aber nicht möglich und die Farm vor allem Rückzugsort für Mensch und Tier." Rund 35 000 Euro pro Tag kostet der Betrieb des Circus Krone unter normalen Umständen. Durch Kurzarbeit, Herunterfahren der PR-Maschinerie und weil der Zirkus nicht auf Reisen ist, konnte man zwar viel einsparen, trotzdem betragen die Fixkosten aber etwa 12 000 Euro pro Tag.

Hauptsächlich fallen die Ausgaben für die Pflege, tierärztliche Versorgung und Verpflegung der Tiere an, allein für die Löwen und Tiger braucht man täglich sechs bis sechzehn Kilogramm Futterfleisch. In dem Punkt möchte Martin Lacey, der Ehemann von Zirkusdirektorin Jana Mandana Lacey-Krone, nichts einsparen, auch der Verkauf von Tieren komme nicht infrage: "Sie gehören zur Familie."

Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten gilt der Zirkus in Deutschland nicht als Kulturunternehmen und bekommt deswegen auch keine Hilfe vom Staat. "Das ist natürlich hart für uns, aktuell wissen wir auch nicht, wann wir wieder aufmachen können", sagt Martin Lacey, "wir hoffen auf Herbst und Winter." In der Pandemie hat sich das Krone-Team einiges überlegt, um alternative Einnahmequellen zu schaffen.

Die etwa eineinhalbstündige informative Tour an den Wochenenden führt über das Gelände der Farm und beinhaltet unter anderem eine kommentierte Probe mit Tierlehrer Alexander Lacey und seinen Raubkatzen. Ein Highlight ist das Museum, das sich mit der mehr als 100-jährigen Geschichte des Zirkus beschäftigt. Ausgestellt sind beispielsweise ein Eisenbahnwagon, der früher zum Transport der Elefanten genutzt worden war, der Schulwagen, in dem die Kinder der Familie und Artisten auf Tournee unterrichtet werden, sowie der ehemalige Speisewagen der Krones, in dem einst Michael Jackson saß, der "King of Pop".

Die Aufbereitung kommt bei den Besuchern an: "Es ist wirklich beeindruckend, was hier auf die Beine gestellt wurde. Wir waren schon letztes Jahr hier, und es hat sich auch noch mal einiges verändert", erzählt Familie Kurtz aus Feldafing. Es sei außerdem schön, dass man dem Familienunternehmen finanziell helfen könne.

Krone hat nicht nur seine Farm geöffnet: Seit Sommer 2020 gibt es am Münchner Standort auch eine Clown-Autowaschstraße und kommentierte Raubtierproben. Ein Adventsmarkt war für vergangenen Winter geplant: "Wir hatten bereits alles aufgebaut, dann kam uns der Lockdown in die Quere", sagt Keller, "wir wünschen uns sehr, dass es dieses Jahr klappt."

Geholfen bei der Umsetzung der Projekte haben unter anderem 14 mongolische Artisten, die wegen der Pandemie nicht mehr zurück in ihre Heimat konnten. "Im Nachhinein sind wir richtig froh, dass die hier waren. Sie waren beim Aufbau der Attraktionen eine große Hilfe", so Keller. "Ich sage ja immer, wenn die Welt so funktionieren würde wie der Zirkus, hätten wir viel weniger Probleme. Hier ist es egal, welche Nationalität, Religion oder welchen Status man hat - jeder weiß, dass es ohne den anderen nicht funktioniert."

Sollte man im Winter nicht zum Normalbetrieb zurückkehren können, müsse man kreativ werden. "Natürlich stellt uns das vor eine große Herausforderung, wir haben aber viele Ideen", meint Martin Lacey. Er bleibt positiv: "Der Circus Krone hat schon zwei Weltkriege überstanden. Und ich bin mir sicher, wir überstehen auch das."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5375296
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 07.08.2021/infu
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.