Süddeutsche Zeitung

Traditionelle Wirtshäuser:Das elfte Gebot

Die Gastlichkeit hat der heilige Benedikt den Mönchen von Kloster Andechs vorgegeben. Heute profitieren knapp eine Million Menschen im Jahr davon.

Von Astrid Becker

Wer im Andechser Ortsteil Erling zu Hause ist, dem dürfte die Frage geläufig sein: "Sag mal, kriegt man hier viel vom Trubel rund ums Kloster mit?" Der so Gefragte schüttelt - von wenigen Ausnahmen mal abgesehen - in der Regel verneinend den Kopf. Das mag vielem geschuldet sein: der Lage des Klosters Andechs hoch über dem eigentlichen Ortskern in Erling, einer gewissen Ehrfurcht vor der Pilgerstätte und ihren Bewohnern, der Dankbarkeit, dass die kleine Gemeinde durch sie weit über ihre Grenzen hinaus berühmt ist, aber ganz sicher auch dem Bier und der Schweinshaxen wegen, für die auch so mancher Einheimische gern den recht steilen Weg hinauf zum "Bräustüberl" erklimmt.

Die Frage nach dem Trubel ist dennoch berechtigt, bedenkt man, dass die Wallfahrt in Andechs seit dem 12. Jahrhundert bekannt ist. Mittlerweile sind es jährlich knapp eine Million Menschen, die auf den Heiligen Berg pilgern - um dort zu beten und um sich kulinarisch zu stärken. Normalerweise. Denn in diesem Corona-Jahr ist vieles anders: Sämtliche Wallfahrten wurden über die Sommermonate abgesagt, just an diesem Samstag erwartet das Kloster die ersten Gruppen aus Bernried und Schwabmünchen zu einem Freiluft-Gottesdienst. Das "Bräustüberl" war zwei Monate geschlossen - auch für die etwa 2500 Stammgäste, die mit speziellen Karten Rabatte an Schänke, Grill und Brotzeitstand erhalten. Denn im "Bräustüberl" ist, anders als im einige Meter tiefer gelegenen und verpachteten Klostergasthof, Selbstbedienung angesagt. Und seit Mitte Mai gibt es sie wieder, die Schlangen vor Essens- und Getränkeausgaben. Es rührt sich also etwas auf dem Heiligen Berg, wenngleich die Zahl der Gäste durch die Vorschriften deutlich reduziert wurde und diese sich ausweisen müssen, wenn Durst und Hunger sie zur Einkehr treiben.

Für die Benediktiner der Münchner Abtei St. Bonifaz, zu der das Kloster Andechs als Wirtschaftsgut durch eine Stiftung von König Ludwig I. gehört, ist Gastlichkeit seit jeher ein Gebot - wenngleich niemand heutzutage im Kloster mit Bestimmtheit sagen kann, seit wann es das Bräustüberl gibt. Belege dazu sind nicht einmal im Archiv des Klosters zu finden, was aber wohl auch den vielen Bränden in seiner Jahrhunderte alten Geschichte geschuldet sein könnte, die immer wieder ganze Gebäudetrakte komplett zerstörten.

Um also eine Ahnung von den Anfängen des Bräustüberls zu bekommen, muss man einen Blick in die Klosterhistorie werfen. Denn von Mönchen gebrautes Bier kann es in Andechs frühestens vom 15. Jahrhundert an gegeben haben, also weitaus später als an anderen Orten in Bayern. Aus einem einfachen Grund: Dort, wo sich heute das Kloster befindet, stand über Jahrhunderte die Festung der Grafen von Andechs-Meranien. Diese Grafen waren einst mächtige Herren, Gefolgsleute der Staufer, Kreuzritter und eifrige Reliquiensammler und gelten als die eigentlichen Begründer der Wallfahrt in Andechs. Nach dem Königsmord von Bamberg, bei dem König Philipp von Schwaben 1208 von dem Wittelsbacher Pfalzgraf Otto getötet worden war und Mitglieder des Andechser Grafengeschlechts der Mitwisserschaft verdächtigt wurden, nahmen Macht und Einfluss der Familie rapide ab. Als der letzte Andechser Graf Otto II. 1248 starb, war es endgültig damit vorbei - auch mit der Burg, die schon zuvor zerstört worden war.

Wandern und lernen

Auch wenn der Heilige Berg als solcher mit seiner Wallfahrtskirche eine Sehenswürdigkeit ist: Es gibt dort auch Neues zu entdecken. An seinem Fuße hinter dem Parkplatz beginnt der "Landeskulturelle Wanderweg auf Erlinger Flur", der erst in diesem Sommer eröffnet worden ist. An 15 interaktiven Stationen lässt sich auf etwa drei Kilometern Wissenswertes über die Kulturlandschaft in dieser Gegend erfahren - etwa bei einem Memory-Spiel mit je zwei drehbaren Holzscheiben, wie sich Landwirtschaft binnen einer Generation verändert hat. Oder auch, welche Pflanzen am Weges- und Waldrand wachsen, was dort auf den Äckern gedeiht und welche Rolle der Klimawandel spielt. Thematisiert wird aber auch die Historie des Ortes. Astrid becker

Der Reliquienschatz blieb mehr als 100 Jahre verschwunden, bis der Legende nach 1388 eine Maus den Weg zu den vergrabenen Kostbarkeiten wies. Bis jedoch die ersten Benediktiner - wiederum durch eine Stiftung, damals aber von Herzog Albrecht III. - nach Andechs kommen sollten, vergingen noch 67 Jahre. Auch dazu gibt es eine Geschichte, die gern erzählt, aber vom Kloster dementiert wird: Albrecht, so heißt es, habe Andechs als Sühne für Agnes Bernauer gestiftet. Er hatte seine Geliebte angeblich sogar heimlich geheiratet, weswegen sein Vater Ernst sie 1435 als Hexe in der Donau ertränken ließ.

Zwanzig Jahre später, am 23. April 1455, kamen die ersten Benediktinermönche vom Tegernsee auf den Heiligen Berg, um sich hier um die Wallfahrt zu kümmern. In der Stiftungsurkunde des Klosters ist von einem Zapf- und Schankrecht die Rede, das so umfassend ist, dass damit auch ein Braurecht verbunden gewesen sein könnte. So schreibt es zumindest Pater Willibald Mathäser in seinem 1974 im Süddeutschen Verlag erschienenen Büchlein: "Flüssiges Brot, Andechs und sein Klosterbier".

1455 besaßen aber andere Klöster, zum Beispiel in München, längst das Recht, ihr Bier nicht nur zum Eigenverzehr zu brauen, sondern es auch zu verkaufen - und zu versteuern. Wie sich das allerdings in Andechs verhielt, ist nicht nachzuvollziehen. Bier wurde sicher gebraut, und eines dürfte wohl auf dem Heiligen Berg bei den damals schon vielen Pilgern in jedem Fall gepflegt worden sein: Gastfreundschaft. Denn der heilige Benedikt hat sie gewissermaßen als eine seiner Ordensregeln vorgegeben: "Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: 'Ich war fremd, und Ihr habt mich aufgenommen'."

Noch heute ist es typisch für Andechs: Im "Bräustüberl" sitzen Akademiker neben Handwerkern, Touristen neben Einheimischen, Prominente neben Unbekannten, derzeit jedoch, coronabedingt, in gehörigem Abstand zueinander. Wenn man fragt, welche Berühmtheiten sich schon eingefunden haben, wird man vom Kloster keine Antwort bekommen: "Das passt nicht zu uns", sagt Sprecher Martin Glaab.

Und dennoch sprechen Stammgäste gern davon: Dass sich Ministerpräsidenten dort ebenso niedergelassen haben wie diverse Fernsehstars. Doch Unterschiede zwischen Menschen werden nicht gemacht, so ist es Brauch. Der 1985 gestorbene Chronist Mathäser liefert dazu eine Anekdote: Als der spätere König Ludwig III. mit seiner Gattin Therese unangekündigt an einem Feiertag nach Andechs kam und keinen Platz fand, bat er den damaligen Braumeister Frater Jakob Neubauer um Hilfe. Dieser meinte aber nur: "Die Hoheitn solln si halt aufs Gras hinhaun wie die andern a. A Prinz und a Prinzessin is a nix anders wiera andrer Mensch."

Frater Jakob starb 1886. Es ist anzunehmen, dass er die Gäste noch im Grützner-Stüberl bewirtet hat, quasi im "Ur-Bräustüberl". Denn das jetzige Bräustüberl entstand erst 1906/1907 in der Tenne der alten Mälzerei. 1937/38 musste es des Andrangs wegen ums Doppelte erweitert werden - vom Münchner Architekten Georg Kronenbitter, vom dem auch die Terrasse stammt. Kurz darauf, mit dem Zweiten Weltkrieg, wurde das Bräustüberl geschlossen, eine Münchner Großbank soll es laut Mathäser als Ausweichstelle genutzt haben. Erst am 19. März 1953 wurde es wieder eröffnet.

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Quelle:
SZ vom 12.09.2020
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