Süddeutsche Zeitung

Radltouren:Fahrgemeinschaft

Wem alleine radeln zu fad ist, der kann bei den Touren des Fahrradclubs ADFC mitmachen. 65 Kilometer geht es zügig durch das Hinterland, immer dem "Schotter-Andi" hinterher - fürs Kennenlernen ist dennoch Zeit und auch für einen Biergartenbesuch

Von Christina Hertel

Waden: dünne, sehnige, bei denen jeder einzelne Muskelstrang hervortritt. Pakete, so dick wie der Oberschenkel, mindestens. Richtige Lederhosenbeine. Und: Fußballerwaden, die aussehen, als hätte jemand zwei Silikonteile unter die Haut geschoben. Jedes Bein sieht anders aus - stark sind sie alle. Schließlich müssen sie an diesem Sonntag etwas aushalten: 65 Kilometer von Tutzing nach Mammendorf - mit dem Fahrrad. Der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, organisiert regelmäßig solche Touren im Münchner Umland - wie dieses Mal mit Tourenrad, aber auch mit Rennrad oder Mountainbike. Seit ein paar Jahren fahren immer mehr Menschen mit. Fast 40 Leute sind diesmal dabei, manchmal radeln auch mehr als 50 zusammen.

Sonntagmorgen, halb neun am Tutzinger Bahnhof. Eine Frau hat um diese Zeit schon 40 Kilometer hinter sich, sie ist von München hierher geradelt, von oben bis unten eingepackt in graue Multifunktionskleidung. Sie war schnell und ist eine halbe Stunde zu früh. "Ich setze mich mal in die Sonne - auftauen." Weg ist sie, aber dann kommt nach und nach der Rest. Die meisten mit der S-Bahn, viele von ihnen scheinen sich zu kennen. Doch miteinander ausgemacht, dass man sich hier trifft, hat kaum jemand. Kein Anruf, keine SMS. Wer da ist, ist da. Irgendwie sympathisch - in Zeiten, in denen sonst jede Verabredung vorher durchgeplant wird. Mitglied beim ADFC müssen die Teilnehmer auch nicht sein, anmelden ist nicht notwendig.

Wegen dieser Freiheit fährt Kathrin Ciolek gerne bei den Touren mit. Die ganze Woche sei voll mit Terminen. Auch schön, wenn man mal nichts ausmachen muss. Sie trägt Radlerhosen, Windjacke und - wie alle hier - einen Helm. Es geht bergauf, bergab. Aber sie könnte auch in einem Café sitzen, so locker unterhält sie sich. "Wenn man alleine eine Radtour macht, die man nicht kennt, ist man die ganze Zeit nur am Gucken, hat permanent die Karte vor sich." Hier muss sich niemand auf den Weg konzentrieren, einfach immer nur Andi Borscher hinterher fahren. Er ist der Tourenleiter, erkennbar an der gelben Warnweste. Er hat sich den Weg ausgedacht, ist die Strecke vorher einmal abgefahren und hat für alle Fälle in einer kleinen Tasche am Lenker noch einen Plan dabei, schwarz-weiß ausgedruckt. Die Leute hier, die ihn kennen, nennen ihn nur den "Schotter-Andi", weil er sich meistens Touren ausdenkt, die größtenteils nicht über asphaltierte Straßen führen. Tatsächlich geht es viel durch Wald, Schotterweg rauf, Schotterweg runter. Reifen rattern, Kiesel knirschen.

Der Schotter-Andi trägt keine Ausrüstung, keine Handschuhe, keine Radlerhosen, keinen Pulsmesser. Er fährt einfach in Jeans. Geht ja auch. Borscher ist schon immer gerne Rad gefahren, in der Jugend schon. Immer quer durch München, jedes Mal ein bisschen weiter. Und vor zehn Jahren etwa ist er dem ADFC beigetreten, Tourenleiter geworden. Alleine Radfahren findet er langweilig, zweimal die gleiche Tour machen auch. Und deshalb denkt er sich immer etwas Neues für seine Gruppen aus.

Die Menschen, die hier mitfahren, sind ganz unterschiedlich und ähneln sich doch: Da sind die fitten Rentner, die mit 77 noch Radtouren in den Dolomiten machen, durch Südtirol nach Bozen und Meran - mittlerweile mit dem E-Bike. Einer hat ein Mountainbike mit Elektroantrieb, schwarz mit orangefarbenen Aufklebern. Bergauf zieht er an allen vorbei. Viele hier halten es ohne Bewegung, ohne frische Luft einfach nicht aus. Wie Stephan Matzen. Bis Anfang 40 war er Banker. Saß viele Stunden vor dem Computer, musste Millionenbeträge im Blick haben. Doch irgendwann ertrug er die flirrenden Bildschirme nicht mehr, konnte sich einfach nicht mehr konzentrieren. Dann schmiss er hin, wurde Postbote. Sein Traumjob, sagt er. Immer draußen, immer auf dem Rad. Und am Wochenende hat er davon immer noch nicht die Nase voll.

Und dann sind da noch die, die Anschluss suchen. Eberhard Schieber ist erst vor zwei Jahren mit seiner Frau nach München gezogen, damit sie beide öfter auf die Enkel aufpassen können. Vorher lebte das Paar in Stuttgart, hatte einen großen Freundeskreis, in München kennen die zwei kaum jemanden. Um Bekanntschaften zu schließen, ist eine Radtour tatsächlich keine schlechte Gelegenheit: Zwei Männer erzählen, dass sie bei so einer Tour ihre Freundinnen kennengelernt haben. Und gleichzeitig hat man nicht das Gefühl, dass man sich mit irgendjemand gezwungen unterhalten muss.

Getrödelt wird bei der Tour nicht, alle fahren zügig. Nur ab und zu hält Andi Borscher an. "Mehrzweckpause", ruft er dann. Soll heißen: Es ist genug Zeit, abzusteigen und sich kurz zu stärken. Aber wirklich nur kurz - nach ein paar Minuten geht es weiter. Beim ADFC fährt jeder auf seine Verantwortung. Wer abbrechen möchte oder auf eigene Faust zurückfahren, kann das natürlich tun. Aber, sagt Thorsten Botschen, der das Tourenprogramm für den ADFC ausarbeitet, jeder wisse ja, auf was er sich einlasse. Auf der Homepage stehen Kilometer, Höhenmeter, Schwierigkeitsgrad. Dass keiner mit einer 120-Kilometer-Tour beginnt - irgendwie auch klar.

Doch nur um den Sport geht es bei den ADFC-Touren nicht. Deshalb gibt es mittags nicht einfach ein paar Power-Drinks und Müsliriegel, sondern immer ein echtes Essen. Schweinsbraten, Schnitzel, Käsespätzle, dazu Weißbier oder Apfelschorle. Diesmal in einem Biergarten in Etterschlag. Manche sagen, sie fahren auch deshalb so gerne mit, weil sie da immer eine neue Wirtschaft entdecken. Eile gibt es beim Essen jedenfalls nicht. Weitergefahren wird erst, wenn der letzte satt ist. Am Ende der Tour werden alle stiller. Es geht jetzt noch einmal vorbei an Wiesen und Feldern, Kirchtürmchen, schlafenden Kühen. Und um 17 Uhr mit der S-Bahn nach Hause.

Eine Übersicht der Touren gibt es im Internet unter www.adfc-muenchen.de.

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Quelle:
SZ vom 05.05.2017
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