Süddeutsche Zeitung

Prozess gegen Wiesnwirt:Krätz gesteht Steuerhinterziehung

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Betrug am Bierausschank und an der Champagnerbar: Wiesnwirt Sepp Krätz gesteht vor Gericht, dass er etwa 1,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen hat. Mit einer Haftstrafe muss er wohl nicht rechnen - dafür ist seine Existenz als Gastronom bedroht.

Von Christian Rost und Katja Riedel

Sepp Krätz muss aller Voraussicht nach nicht ins Gefängnis. Der wegen Steuerhinterziehung angeklagte Wiesnwirt kommt nach einem Deal mit den Prozessbeteiligten am Landgericht München I glimpflich davon. Der 59-Jährige räumte am Donnerstag "Steuerverkürzungen" von 1.113.143,96 Euro in seinem Wiesnzelt Hippodrom und in seinem Innenstadtlokal Andechser am Dom ein. Im Gegenzug sicherte ihm die vierte Strafkammer eine Freiheitsstrafe von eineinhalb bis maximal zwei Jahren auf Bewährung zu. Zudem muss er eine Geldstrafe zahlen.

Wenn es zu diesem Urteil kommt, könnte es trotzdem das Ende für den Erfolgsgastronomen Krätz bedeuten. Denn Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle, der derzeit Krätz' "gastronomische Zuverlässigkeit" prüft, sieht es nach dem Verhandlungstag als "das wahrscheinlichere Szenario" an, dass Krätz nicht nur seine Lizenz auf dem Oktoberfest verliert, sondern dass er auch keine Genehmigung mehr für das Frühlingsfest bekommt und die Schankkonzession für das Andechser am Dom verliert.

"Die Anhaltspunkte, dass er nicht mehr über die notwendige Zuverlässigkeit verfügt, haben sich durch den heutigen Tag verdichtet", sagte Blume-Beyerle nach der Verhandlung, bei der auch zwei Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats (KVR) unter den Zuschauern saßen. Zudem habe man sich durch die Aktenlage ein eingehendes Bild verschaffen können.

Schanklizenz steht auf dem Spiel

Da Krätz die dort erhobenen Vorwürfe nicht bestreite, könne die Stadt über dessen Zukunft als Gastronom notfalls auch entscheiden, bevor ein Urteil vorliege, sagte der KVR-Chef. Er rechne damit, dass Krätz in zwei bis drei Wochen angehört werde, danach falle die Entscheidung. Während er die Lizenz für das Frühlingsfest dann schlicht nicht erhielte, müsste ihm die Stadt die Schanklizenz entziehen. Ohne eine solche könne er sich dann nicht mehr als Wiesnwirt bewerben, diese ist dafür Voraussetzung.

Am 28. April, wenn der Wirtschaftsausschuss des Stadtrats entscheidet, welche Wirte 2014 zum Oktoberfest zugelassen werden, könnte Krätz mit seinem Hippodrom dann nicht antreten. Blume-Beyerle schließt nicht vollkommen aus, dass Krätz während der Anhörung überzeugende Argumente finden könnte, um die Stadt noch umzustimmen. Für wahrscheinlich hält er dies aber nicht.

Staatsangehörigkeit? Römisch-katholisch

Krätz scheint um die Dimension, welche die Angelegenheit für ihn hat, sehr wohl zu wissen. Sichtlich niedergeschlagen erschien er bereits 20 Minuten vor Prozessbeginn und wartete im Blitzlichtgewitter der Fotografen vor Saal 177 im Strafjustizzentrum auf seine Anwälte und seinen Steuerberater. "Kein Kommentar", sagte der Wirt in einer Verhandlungspause auf die Frage nach seiner Zukunft als Wiesnwirt. Einen abwesenden Eindruck machte er auch im nur zu drei Vierteln gefüllten Saal, als die Vorsitzende Richterin Jutta Zeilinger nach seinen Personalien fragte. Auf seine Staatsangehörigkeit angesprochen sagte Krätz: "römisch-katholisch".

Schampus, Bier und ein Fitnesstrainer

Staatsanwältin Andrea Wagner verlas den sieben Seiten umfassenden Anklagesatz. Darin werden Krätz schwarze Kassen sowohl im Hippodrom als auch im Andechser am Dom vorgeworfen. Im Wiesnzelt, so räumte er ein, wurde an der Champagnerbar ein Großteil der Flaschen unter der Hand verkauft. Nur 50 Prozent des tatsächlichen Umsatzes tauchte in den Büchern auf.

Ebenfalls an der Steuer vorbei ließ er von der Betriebsleiterin in seinem Innenstadtlokal 10-Liter- und 15-Liter-Fässer an Schankkellner weiterreichen, die das Bier im Freischank in den Arkaden verkauften. So sparte sich Krätz im Hippodrom 988.000 Euro und im Andechser am Dom etwa 125.000 Euro an Steuern. Als Lappalie erscheint im Vergleich dazu ein weiterer Vorwurf der Anklage: Krätz beschäftigte einen privaten Fitnesstrainer, den er über sein Lokal abrechnete.

Der Angeklagte übernahm die Verantwortung für die 33 Fälle von Steuerhinterziehung, er sei "ein bisserl leichtsinnig geworden", das tue ihm "sehr leid". Der 59-Jährige betonte aber, dass er sich nie mit Zahlen in seinen Betrieben beschäftigt habe, dafür seien Mitarbeiter zuständig. Mit 13 Jahren habe er eine Metzgerlehre begonnen, sagte Krätz, für den kaufmännischen Bereich habe er keine Ausbildung. Deshalb habe er sich im Hippodrom und im Andechser darauf beschränkt, "nah am Gast zu sein".

Belastung durch die "Barprinzessin"

Zeugen hatten bei den Ermittlungen gegen den Wirt dessen Rolle etwas anders beschrieben. So sagte eine Frau, die als "Barprinzessin" im Hippodrom gearbeitet hat, sie habe Abrechnungen direkt an den Chef weitergereicht. Offen blieb am ersten Prozesstag noch die Höhe der Geldstrafe. Krätz' Anwälte konnten sein Einkommen, nach dem sich die Strafe bemisst, "auf die Schnelle" nicht ausrechnen, wie sie sagten.

Der Angeklagte selbst gab an, mit dem Hippodrom auf der Wiesn jährlich vor Steuern zwei Millionen Euro verdient zu haben. Von seinen beiden Lokalen, der Waldwirtschaft und dem Andechser, beziehe er ein monatliches Gehalt von 11 000 Euro brutto. Was seine Immobilien abwerfen - ein Wohn- und Geschäftshaus in Starnberg sowie weitere Liegenschaften in Ostdeutschland - konnte er nicht beziffern. Er wusste nur soviel: "Steuerlich kommt ein Minus heraus." Seinen Gewinn aus den gastronomischen Aktivitäten will Krätz in den vergangenen Jahren vollständig in eine Zucht von Wagyu-Rindern auf dem elterlichen Bauernhof bei Augsburg gesteckt haben.

Zu Krätz' Zukunftschancen auf der Wiesn hielt sich der Sprecher der Wiesnwirte, Toni Roiderer, eher bedeckt. "Das muss die Stadt beurteilen", sagte er. "Ich kann nur bestätigen, das Sepp Krätz ein hervorragender Wiesnwirt ist. Ich würde mir wünschen, dass er Wiesnwirt bleibt." Krätz habe dem Oktoberfest gutgetan, das Hippodrom in Schwung gebracht. Und es sei bemerkenswert, welchen Stempel Krätz dem Frühlingsfest aufgesetzt habe. "Mir tät's leid", sagte Roiderer. "Weil er ein guter Mann ist." Was er privat mache oder ob er Steuern hinterziehe, gehe ihn nichts an. Der Prozess wird fortgesetzt.

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