Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest:Wiesnzeit ist Herpeszeit

Hat der Wiesngänger sein Immunsystem erst heruntergewirtschaftet, sprießen oft die Lippenbläschen: Zum Oktoberfest steigt die Nachfrage nach Herpescremes. Ein Apotheker gibt Rat.

Es gibt eine Gefahr auf der Wiesn, vor der lässt es sich nur schwer schützen. Man möchte schließlich Spaß haben und schafft die Mass vielleicht nicht immer allein. Nur genaues Hinschauen kann Schlimmeres verhindern. "Manche nehmen auch Zink zur Prävention", sagt Peter Sandmann.

Viele erwischt es trotzdem. Das ist ärgerlich, weil sie sich dann für ein paar Tage mit einem wenig appetitlichen Bläschen an der Lippe präsentieren müssen, was die Wiesneuphorie erheblich trübt.

Wiesnzeit ist Herpeshochzeit. "Es stimmt wirklich", sagt Peter Sandmann, Sprecher der Bayerischen Landesapothekenkammer in München. "Zur Wiesn steigt die Nachfrage nach Herpesmedikamenten spürbar an." Generell läute die zweite Wiesnwoche in München die erste Erkältungswelle des Jahres ein. Viele Menschen mit schlechtem Immunsystem auf engem Raum, noch dazu einem keimfreudigen Raum wie dem Oktoberfest: Das gehe nicht lange gut.

Ihr Immunsystem wirtschaften die Wiesngänger selbst hinunter: Zu viel Alkohol, die Jacke im Zelt verloren und durch die kalte Nacht nach Hause gelaufen, bis zur Heiserkeit Schlager mitgegrölt. Spätestens in der zweiten Woche erwischt es den renitenten Wiesngänger, wobei nicht alle von ihnen auch daheim bleiben, wenn sie sollten, was weitere Erkältungsopfer fordert. Die berüchtigte "Wiesngrippe", jeder hat sie mal gehabt, und wer das Oktoberfest nicht oft besucht, hat zumindest von ihr gehört.

Ein schwaches Immunsystem begünstigt aber auch das Ausbrechen der Herpesviren, die sich in Form von kleinen Bläschen an der Lippe bemerkbar machen. Das Herpesvirus ist weit verbreitet. Wer einmal damit infiziert ist, trägt es ein Leben lang im Körper. Allerdings bricht es nicht bei allen aus, und bei den einen schneller als bei den anderen. Bei dem einen mag es reichen, das Glas mit der falschen Person zu teilen, der andere muss schon wild mit ihr herumknutschen. Beides soll auf der Wiesn des Öfteren vorkommen. "Mit rauen, offenen Lippen kann eine Ansteckung sehr schnell erfolgen", sagt Peter Sandmann.

Was Betroffene tun können

Wer dann den Schaden hat, dem sei geraten, sein Bläschen frühzeitig zu verarzten, damit das unschöne Mal so schnell wie möglich verschwindet. "Bei einfachen Fällen heilt es in zwei, drei Tagen wieder ab", sagt der Apotheker. Diese Zeitspanne würde sich theoretisch optimal eignen, um dem Körper etwas Zeit zur Regeneration zu geben und einen Bogen um die Theresienwiese zu machen. Schon allein, um nicht weitere Menschen mit Lippenbläschen zu beglücken. "Bei schweren Fällen kann es bis zu zwei, drei Wochen dauern, aber das sieht dann auch so aus, dass man es nicht selbst behandeln möchte", sagt Sandmann. Dann helfen nur Tabletten vom Arzt, und sollte sich der Patient auf die Wiesn verirren, würde wohl automatisch jeder Besucher einen großen Bogen um ihn machen.

Peter Sandmanns "Nauplia Apotheke" liegt in Harlaching. Nicht in der Nähe der Festwiese, aber viele Campingplatzbesucher kommen auf dem Weg bei ihm vorbei. Die Kundenzahlen verdoppeln sich in dieser Zeit. Und diese Kunden holen sich Aspirin, Verbandszeug - und eben Herpescremes. Recht neu sind Patches, die auf das Bläschen geklebt werden.

Dass die Medikamente wegen der erhöhten Nachfrage knapp werden, kommt aber nicht vor: Es gibt genügend, und wenn sie in der Apotheke zur Neige gehen, hat der Apotheker vier Mal am Tag Gelegenheit, welche nachzubestellen.

Auch wenn es nicht schön aussieht, sich ein Herpesbläschen einzufangen, es ist kein Weltuntergang. "Die meisten Wiesnbesucher sind nach zwei Stunden so oder so entstellt", sagt der Apotheker. Sein Rat: "Die Wiesn ist ein Riesenspaß, wenn man sie in Maßen genießt. Man muss da nicht jeden Tag hin. Dann passiert auch nicht so viel."

Gute Wiesn-Gschichten bleiben gut. Dieser Text wurde zuerst am 20.09.2016 veröffentlicht.

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