Süddeutsche Zeitung

Italienerwochenende:"Was brauchen wir das Oktoberfest?!"

Das Hofbräuhaus wird zur Anlaufstelle für alle, die auf der Wiesn keinen Platz gefunden haben - nicht nur für Italiener. Aber die singen am lautesten.

Reportage von Elisa Britzelmeier

Das Valsesia-Drink-Team ist am Ziel. Sechs Mitglieder hat das Team, vor jedem steht eine Mass Bier, endlich. Alle tragen orangefarbene T-Shirts, Valsesia-Drink-Team steht vorne drauf, hinten bei dreien "I'm not Luca", und damit man das versteht, muss man wissen, dass bei den anderen dreien "Luca" steht. Weil sie eben so heißen. Das Team war vorbereitet, die T-Shirts, das Training, aber es hat im letzten Moment einen Fehler gemacht und nicht reserviert, und deswegen sitzen sie jetzt hier. Im Hofbräuhaus. Erster Stock, Bräustüberl.

Wie so viele Italiener wollten die Sechs eigentlich aufs Oktoberfest. Das Valsesia-Drink-Team kommt aus Valsesia, einem Tal im Piemont in den italienischen Alpen. Es ist das zweite Wiesnwochenende, viel los, Italienerwochenende, aber das weiß das Team nicht. Mittags kommen die drei Lucas und die drei Nicht-Lucas an der Theresienwiese an, sie laufen fast drei Stunden herum, ohne einen Platz zu bekommen. Und kein Platz auf der Wiesn heißt: kein Bier. Aber in München steht ja noch ein Hofbräuhaus.

An diesem Samstag während des Oktoberfests ist es so, wie es sich viele Münchner vorstellen. 365 Tage im Jahr hat das Hofbräuhaus geöffnet, damit rühmt es sich und auch als "berühmtestes Wirtshaus der Welt". 365 Tage im Jahr wird es unterschätzt: als überteuert, überlaufen, touristisiert. Dabei kann man im Hofbräuhaus, wenn man Besuch aus dem Ausland hin begleitet, gut essen und zu gar nicht so furchtbar überteuerten Preisen trinken. Es hat einen hübschen Biergarten, man sitzt gemütlich und kann traditionelle Livemusik hören. Manchmal sieht man auch einen Einheimischen.

Am Italienerwochenende nicht. Am Italienerwochenende ist es überlaufen und vollends touristisiert. Man sieht Italiener mit Seppel- und Bierhüten und Amerikanerinnen mit Möchtegern-Dirndln. Das Hofbräuhaus ist Anlaufstelle für alle, die in den Zelten keinen Platz bekommen haben.

In der Orlandostraße hört man mehr Italienisch als am Gardasee oder in Rom im August. Am Platzl stehen sie Schlange, vor dem Hofbräuhaus und vor dem Hard-Rock-Café gegenüber. Ein Stausee von Touristen, bis der Hofbräu-Türsteher den Damm öffnet. Die Menge strömt ins Innere, ein Schwall ergießt sich in die Schwemme, vorbei am Hofbräu-Shop, durch die Wand aus Bierdunst und Bratengeruch, Köpfe zum bemalten Deckengewölbe, Handys raus, Foto, links die Blaskapelle, Foto, Geschunkel auf den Bänken, weiter, hoch zum Festsaal, ins Bräustüberl oder auf die Terrasse.

Das immer noch staatliche Hofbräuhaus hat drei Ebenen und Platz für dreieinhalbtausend Menschen. Am Italienerwochenende ist jeder einzelne belegt, im Biergarten werden zusätzliche Stehtische aufgestellt. Es ist, als würden sich immer neue Räume in dem historischen Gebäude auftun, und nur wenige Sekunden später sind auch sie wieder voll mit Menschen. Das Valsesia-Drink-Team hat gerade Würstel, Gulasch und Schnitzel gegessen, jetzt drinkt es nur noch. 8,90 Euro kostet die Mass, auf der Wiesn sind es mehr als 11 Euro. Zwei Tische weiter singen sie "Hey Baby". Und das Drink-Team tut, was ein Drink-Team eben tun muss.

Ein Rätsel der Wiesn: Kaum ein Italiener hat je vom Italienerwochenende gehört, obwohl jeder in München das Phänomen kennt. Wieso dennoch alle an diesem zweiten Wochenende kommen, erklärt Francesca so: Am Montag fängt die Uni an, letzte Möglichkeit für einen Wochenend-Trip. Sie ist mit ihren Freundinnen Manuela und Kristiana da. Sie rauchen auf dem Balkon im Innenhof. Airbnb-Unterkünfte hatten sie sich angeschaut, viel zu teuer, also die Bustour. Um 22.30 Uhr ging es los in Mailand, über Brescia, Bergamo, im Veneto gab es einen Zwischenstopp. Morgens um halb acht dann waren sie an der Theresienwiese. Früh genug, um es ins Augustiner-Zelt zu schaffen, aber nachmittags mussten sie wegen einer Reservierung von ihrem erkämpften Platz weichen.

Francesca trägt etwas, das entfernt an ein Dirndl erinnert. "Amazon, neun Euro", sagt sie. Ihr Bruder Filippo drängt sich dazu, er hat einen Robin-Hood-Hut auf und erzählt, er habe mittags schon einen Zwischenstopp auf dem Kotzhügel gemacht, dafür sieht er erstaunlich frisch aus. Nächstes Jahr wollen sie zum Cannstatter Wasen. Sie haben gehört, da sei alles weniger reglementiert.

Unten im Biergarten verbrüdert sich eine Gruppe Italiener mit einem Akkordeonspieler: "Beevooo, beevooo!" Es ist das vielleicht bekannteste italienische Trinklied, der Text ist von bestechender Schlichtheit: Ich trinke, ich trinke, ich betrinke mich und bin glücklich, auch wenn ich mich danach übergebe. "Was brauchen wir das Oktoberfest, das Oktoberfest ist hier!", ruft einer aus der Busgruppe von Francesca, Manuela und Kristiana. Sie werden übernachten, in einem Hotel außerhalb, morgen geht es nach Andechs. Nochmal Bier trinken, in anderer Kulisse.

Mini-Oktoberfest, das hört man immer wieder an diesem Abend. Am deutlichsten spürt man es im Festsaal, zweiter Stock. 600 Menschen bekommen sie hier unter, sie sitzen an langen Tafeln. Über ihnen wölbt sich die bemalte Holzdecke, an den Wänden hängen schwere Fahnen mit Wappen. Man kommt ins Gespräch miteinander, wie im Bierzelt. Einem Mann hängt eine goldglänzende Pappkrawatte an dünnem Gummi um den Hals. Vor der Bühne versuchen sie, zu dritt eine Polonaise zu starten, ein Papier-Lebkuchenherz mit Foto auf der Brust, "Gruß vom Oktoberfest". Ein Ulmer steht mit rosa Glitzerhut, Lederhosen und Deutschlandtrikot mitten drin. Er feiert Junggesellenabschied, eigentlich wollte auch er auf die Wiesn.

Einem italienischen Bräutigam hängt ein halb abgestreiftes Kostüm über die Hüften, es erinnert an Superman, ist aber Duffman, der aus den "Simpsons". Duffman und seine Freunde sind nicht besonders glücklich. Sie warten aufs Essen. Einer hat die Stirn auf sein Colaglas gelegt. Nur die Müdigkeit, sagt er. Am Nachbartisch wackelt ein Wackeldackel im Sechzger-Trikot vor sich hin. Er gehört fünf Herren aus Wales, Schottland und England, die sich im Sechzger-Fanshop eingedeckt haben, weil man das halt so macht.

Auf der Bühne spielen sechs Musikanten, keine Reißer wie in den großen Wiesnzelten, nichts Tanzbares wie im Herzkasperlzelt. Sie spielen bedächtige Blasmusik, als wollte man die Stimmung unter Kontrolle halten. Wenn die Musiker zur Pause durch die Gänge gehen, werden sie abgeklatscht wie Fußballer. Einer prostet mit seinem Instrument, Horn trifft auf Masskrug. Als die Musiker dann zum "Prosit der Gemütlichkeit" ansetzen, steht der Saal. Endlich ein Lied, das alle kennen.

Zurück im ersten Stock beweisen Unni Rossbach und Lilian Rost, dass das Hofbräuhaus für manche keine Notlösung ist. Die Norwegerinnen sind mit ihren Ehemännern da, eine Gruppe von fünf Paaren, zwei Tage geht es auf die Wiesn, einen eben hierher. Sie haben alles selbst organisiert, trotzdem tragen alle die gleichen gelben T-Shirts, selbst entworfen, vorne drauf ist eine Frau mit großen Bierkrügen und noch größeren Brüsten.

Unten in der Schwemme stimmt jemand Seven Nation Army von den White Stripes an, und dann geht es von Tisch zu Tisch, bis alle grölen, poh, poh poh poh poh poooooh poooooooh, den Rhythmus hauen sie auf den Tischen mit.

Draußen ist die Luft frisch, die Menschenmassen sind weniger geworden. Über den Platz schallt es laut. Beeevooo, beeevooo!

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Quelle:
SZ vom 01.10.2018/ebri
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