Süddeutsche Zeitung

Keine Wiesn 2020:So reagiert das Netz auf die Oktoberfest-Absage

Die Corona-bedingte Wiesn-Pause wird in den sozialen Medien mit viel Spott und Häme kommentiert - aber auch mit ein bisschen Wehmut.

"Was ist München ohne die Wiesn?" Diese einst von Schlagersänger Roberto Blanco in eine Fernsehkamera der Bayerischen Rundfunks gestotterte Frage hätte sich vermutlich versendet und wäre längst vergessen, hätte sich nicht Stefan Raab ihrer angenommen. Der TV-Spaßmacher legte Musik unter das Bierzelt-Gestammel und landete so einen kleinen Hit. Heuer, 20 Jahre später, hat Blanco nun die Möglichkeit, herauszufinden, was München "o o o onne de Wiesn" ist. Die Netzgemeinde kann sich in den sozialen Medien immerhin über seinen Satz amüsieren, der am Dienstag natürlich unter den unzähligen Posts zu finden war.

Die Reaktionen sind durchaus gemischt. Während sich vor allem Politiker bedauernd mit dem Tenor "traurig aber notwendig" zu Wort melden, ist die Absage ein gefundenes Fressen für jede Menge Wiesn-Hasser und Ironiker sämtlicher Spaß-Richtungen. Viele Kommentare beschäftigen sich vor allem mit den negativen Aspekten der Wiesn, insbesondere mit den Hinterlassenschaften Betrunkener an Hauswänden, auf Bürgersteigen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Und viele Münchner (die sich oftmals mit dem Zusatz "Münchner Kindl" zieren), betonen, dass ihnen das Fest eh schon immer egal sei. Endlich müsse man keine halbscharigen Ausreden mehr erfinden, wenn man als Münchner nicht hingehe, ist etwa zu lesen.

Ein anderer übt sich in Sarkasmus, indem er ein Foto von sich übergebenden Menschen postet, mit dem Kommentar wie "traurig" es doch sei, dass das "Aushängeschild der deutschen Hochkultur" ausfalle. In diese Richtung gehen viele Meinungen. "Die Wiesn fällt aus ... sagt einer Corona hat nix gutes", lautet ein anderer Tweet. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind manchmal so originell wie der Beitrag. Ein Twitter-Mensch schlägt vor: "Eine Idee für eine Fotowettbewerb wäre doch, jeder lässt sich im heimischen Garten in Tracht bis zum Umfallen volllaufen und sendet später ein Foto davon wie er bewusstlos in seiner Kotze und Exkrementen im heimischen Rasen liegt an eine erfahrene Jury."

Die Frage "Was machen jetzt die ganzen Grippeviren im Herbst, so ganz ohne Wirte?", darf unter dem Hashtag #wiesn2020 auch nicht fehlen. Angesichts der Debatte über "Geisterspiele" in der Bundesliga witzelt ein Sportsfreund: "Wurde überhaupt mal darüber nachgedacht, das Oktoberfest einfach ohne Besucher und mit Sky-Übertragung der durch die leeren Zelte laufenden Bedienungen abzuhalten?????"

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Freilich gibt es auch Kommentare, die einen politischen Hintergrund haben. Viele haben den Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens, Armin Laschet (CDU) im Visier. Weil er einen lockereren Kurs in der Corona-Krise verfolgt als sein bayerischer Amtskollege Markus Söder (CSU), erntet Laschet im Netz einiges an Häme. "Morgen kündigt Laschet dann an, dass er sich vorstellen kann, die #Wiesn im Land der Küchenbauer im Herbst auszurichten", witzelt ein Tweet. Die Frage "Holt Laschet die #Wiesn jetzt nach #Köln?" untermalt eine Karikatur, die fröhliche Zecher mit überdimensionierten Kölschstangen zeigt.

Letztlich springt auch der Bayerische Rundfunk auf den Zug der Lästerer auf, indem die Social-Media-Spezialisten der Fernsehsendung Quer twittern: "10 Dinge, die München diesen Herbst vermissen wird: 1. Kotze in der S-Bahn. 2. Kotze in der U-Bahn. 3. Kotze im Bus. 4. Über 11 € für einen Liter Bier bezahlen. 5. Besoffene nachts unter dem Balkon. 6. Bierleichen auf diversen Hügeln. 7. Trachten-Karikaturen aus aller Welt. 8. Hotelpreise vom Mond. 9. Verkehrssperren" - nicht ohne den etwas wehmütigen Schluss: "10. Und ja trotz allem das #Oktoberfest."

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SZ vom 22.04.2020/kafe
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