Süddeutsche Zeitung

Scheuer auf dem Nockherberg:"Sag Entschuldigung, es duat ma leid"

Vier volle Strophen lang muss sich Verkehrsminister Andi Scheuer auf dem Nockherberg anhören, was im Mautdebakel von ihm erwartet wird. Direkter kann sich ein Kabarettist sein Opfer nicht vorknöpfen. Die Szene zeigt: Derblecken funktioniert auch virtuell.

Kommentar von Franz Kotteder

Nein, das war nicht zu erwarten gewesen: Nockherberg digital, ohne Publikum - eigentlich konnte das nur eine Notlösung sein. Mit zugeschalteten Politikern, die dann halt weit entfernt vom Ort des Geschehens gute Miene zu Pointen machten, die wie gewohnt auf ihre Kosten gingen. Das war irgendwie ein coronabedingtes Experiment, der Verlegenheit geschuldet, etwas machen zu müssen, weil man nach 2020 den Nockherberg nicht schon wieder ausfallen lassen wollte.

Ein Experiment war es dann auch, aber in weiten Teilen ein sehr geglücktes. Maxi Schafroth und seinen Musikern ist es gelungen, aus einer Fastenrede, die um Gesangseinlagen geschickt erweitert wurde, ein fast immer kurzweiliges und stellenweise sogar entlarvendes Kabarettprogramm zu entwickeln. Manchmal nach dem Prinzip: "Versuch und Irrtum", meistens aber mit hoher Treffsicherheit.

Schon bei der Eröffnung, mit dem Chor der Mönche in der Finsternis der Pandemie - "Ora et labora, vidimus Netflix, officium in domo, Rex Markus dixit" - bekam man eine Ahnung davon, wie ein Singspiel in diesem Jahr hätte ausschauen können. Und als Maxi Schafroth dann so nach und nach die einzelnen Objekte seiner Rede zuschaltete, erkannte man langsam, welche Möglichkeiten sich hier so boten.

Wann kann sich ein Kabarettist seine Opfer schon einmal so wirklich direkt vorknöpfen? In einem voll besetzten Saal mit 400 Menschen in Wirklichkeit nur sehr viel eingeschränkter. Da sieht man es ja auch nicht so deutlich, wenn Hubert Aiwanger, der niederbayerische Twittergott, noch während der Sendung einen Tweet nach dem anderen raushaut.

Sicher, streckenweise gab es dann auch Längen; eineinhalb Stunden zur vorwiegend bayerischen Landespolitik - das ist harte Ware, auch wenn's überwiegend ausgesprochen lustig und stellenweise bitterernst daherkam. Aber die kleinen Längen - unvermeidbar in einem so völlig neuen Format - waren es zum Ende hin mehr als wert, als endlich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer an die Reihe kam.

Volle vier Strophen lang musste er sich einen bitteren Spottgesang anhören - "ich sag Entschuldigung, es duat ma leid, ich hab euch sauber bschissen, des war ned gscheid" war noch die harmloseste davon - und sein Gesicht sagte alles. Sonst, so Schafroth sehr zutreffend, schaut er immer "unschuldig wie ein Kälbchen kurz vor dem Bolzenschuss", aber da gelang ihm das endlich einmal nicht mehr.

Das war großes politisches Kabarett und zeigte, wie man mit dieser neuen digitalen Form umgehen kann und muss, solange die Objekte der Satire auf der anderen Seite damit noch nicht umzugehen wissen. Aus einem Manko kann manchmal auch eine Sternstunde werden, und zumindest in diesen paar Minuten (und einigen anderen Passagen) hat das perfekt funktioniert.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5226929
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/infu
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.