Süddeutsche Zeitung

Umwelt in München:Was die Stadt für mehr Grün tut

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Die Versiegelung schreitet voran, doch das Bewusstsein für Arten- und Naturschutz wächst, auch in der Verwaltung. Spielplätze, Biotope, neue Parks - und was die Referate sonst noch planen.

Von Lea Kramer

Löwenmäulchen, Zauberschnee oder Buntnesseln: Diese Sommerblumen schmücken die Kästen an den Balkonen des Münchner Rathauses. Seit 2019 werden dort - genau wie in den Zierbeeten an den städtischen Plätzen - statt Geranien nur noch insektenfreundliche Pflanzen eingetopft. Trotz des hohen Versiegelungsgrades ist München nicht überall betongrau, sondern manchmal sogar ziemlich bunt.

Im Jahr 2011 hat das Bayerische Landesamt für Umwelt ermittelt, dass etwa 46 Prozent des Münchner Stadtgebiets versiegelt sind. Das heißt, dass dort der Boden unter Beton, Asphalt oder Pflastersteinen verschwunden ist. Es sind die aktuellsten Zahlen, die es aus der Stadt dazu gibt. Angesichts zunehmender Nachverdichtung dürfte die Zahl in den vergangenen Jahren eher gestiegen sein.

Das sieht auch das Münchner Referat für Klima- und Umweltschutz so. "Generell ist von einer zunehmenden Tendenz der Bodenversiegelung in München auszugehen, verursacht durch Bautätigkeit", sagt eine Sprecherin. Im September sollen dem Stadtrat demnach Daten aus den Jahren 2015 und 2019 vorgelegt werden.

Trotz des Englischen Gartens, der Isar-Achse durch die Stadt und den Wäldern am Stadtrand gehört München zu den am dichtesten bebauten Großstädten. Da die Stadt die ökologischen Auswirkungen übermäßiger Bodenversiegelung kennt, hat sie sich 2018 eine Biodiversitätsstrategie verordnet.

Deren Ziel ist es, die Naturschätze der Stadt zu bewahren und zu pflegen. "Dass die Notwendigkeit hierfür anerkannt wurde und Unterstützung fand, ist durchaus ein wichtiger Erfolg, der auf einen gewissen Perspektivenwechsel verweist", sagt Astrid Sacher, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde, die als Teil der Lokalbaukommission in der Stadtverwaltung die Interessen von Flora und Fauna vertritt.

Darüber hinaus sind mit einer neuerdings noch einmal verschärften Baumschutzverordnung seit 1976 besonders große Laub- und Nadelbäume vor Rodung geschützt. Bei Neubauprojekten werden Bauträger zu Ersatzpflanzungen verpflichtet und müssen Grün- und Biotopflächen mit in ihre Konzepte einbeziehen. Die städtischen Forstbetriebe haben sich zum Ziel gesetzt, in den kommenden Jahren eine halbe Million Bäume in den kommunalen Wäldern zu pflanzen.

Die Zahlen

Diese Bemühungen werden gerne in Zahlen ausgedrückt. So verzeichnet zum Beispiel das Baureferat, das die städtischen Grünanlagen pflegt, jährlich einen Zuwachs. Nach einer Aufstellung aus dem Jahr 2019 sei die Gesamtfläche der öffentlichen Grünflächen innerhalb der vergangenen zehn Jahre um mehr als 160 Hektar auf 2411 Hektar, die der Biotop- und Ausgleichsflächen um 280 Hektar auf 636 Hektar sowie der Blumenwiesen um 250 Hektar auf 700 Hektar gewachsen, heißt es aus dem Referat. Aufgelistet werden auch 59 neue große Grünanlagen und 27 weitere große Spielplätze, die entstanden sind.

Allein in den Jahren 2019 und 2020 sind nach Angaben des Baureferats neun Grünflächen und elf Spielanlagen angelegt oder saniert worden. Es ist eine positive Bilanz, die man aber hinterfragen darf. Denn einige der neuen Biotope, die heute zum Aufgabenbereich der Stadt gehören, lagen schon vorher innerhalb der Stadtgrenze, waren aber formal in Privatbesitz oder im Fall der alten Kasernenflächen in Bundesbesitz. Die Blauflügelige Ödlandschrecke interessiert es vermutlich herzlich wenig, ob sie im Bahnbetriebswerk München Ost im Kies hockt oder im neuen Gleispark Baumkirchen über die Steine flitzt.

Heide und Moos

Das heißt nicht, dass die Stadt sich nicht um ihre Grünbilanz kümmert. Vor allem die Qualität der Grünanlagen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert worden. Zum einen sind neue Spiel- oder Fitnessgeräte in den Parks aufgestellt worden. Zum andern wird mittlerweile weniger gemäht als früher, um neue Lebensräume für Insekten und andere Lebewesen zu schaffen.

Ehemals geschlossene Gewerbe- und Militärbrachen bedeuten auch immer eine Chance für neues Grün. Das Naturschutzgebiet Panzerwiese und Hartelholz im Münchner Norden mit seinem Kalkmagerrasen und dem Eichen-Kiefernwald ist ein bedeutendes Relikt der früheren Münchner Heidelandschaft. Seit 1994 gehört das Gelände der Stadt, 2002 wurde es als Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) angemeldet.

Ein Stück weiter östlich, am äußersten Rand von Bogenhausen, soll ein Überbleibsel der seit Jahrhunderten bestehenden Niedermoorlandschaft als Landschaftsschutzgebiet "Moosgrund" ausgewiesen werden. Das ermöglicht es, das 362 Hektar große Gebiet für Spaziergänger zugänglich zu machen, aber auch Pflanzen und Tiere in gesperrten Bereichen wachsen und brüten zu lassen.

Spielen und Erholen

Spielplätze und Parks werden regelmäßig saniert, alleine in den vergangenen zwei Jahren hat das Baureferat nach eigenen Angaben 20 solcher Projekte fertiggestellt. Ein paar von ihnen sind völlig neu oder wurden deutlich aufgewertet. Eines der ungewöhnlichsten Projekte ist sicherlich der Heckenstallerpark.

Auf der Decke des im Rahmen der Planungen rund um den Luise-Kiesselbach-Platz entstandenen Tunnels ist im Jahr 2017 auch eine öffentlich zugängliche Grünanlage entstanden. Der Park im Stadtbezirk Sendling-Westpark ist etwa 570 Meter lang und zwischen 40 und 70 Metern breit. Neben einer Promenade gibt es Kinderspielplätze, Basketball- und Tischtennisplatten sowie einen Kletterparcours. Nun kann man oben verweilen, während unten im Tunnel die Autos durchrauschen.

Vor gut zwei Jahren hat die Stadt eine 45 Hektar große Freifläche fertiggestellt, die den Denninger Anger im Westen und den Zamilapark im Osten verbindet. Offiziell trägt der öffentliche Park den Namen "Denniger Anger Mitte". Im Stadtbezirk ist er unter dem Namen Pühnpark bekannt. Neben Spiel- und Blumenwiesen gibt es auf dem Gelände auch eine Wagenburg sowie einen Naturkindergarten. Die Anlage ist ein lang gezogenes Grün, das als zusammenhängendes Band Frischluft aus dem Umland in die Stadt bringen soll.

2017 wurde am Horst-Salzmann-Weg in Trudering eine neue Wohnanlage gebaut. Nun hat sich die Stadt der bislang weitgehend sich selbst überlassenen Grünanlage unweit des Bürgerhauses und der Bezirkssportanlage angenommen. Die vorhandenen Biotopstrukturen sollen erhalten bleiben, die Grünanlage ist mit wenigen Wegen erschlossen worden - auch ein Trampelpfad wurde bewusst erhalten. Darüber hinaus gibt es auf dem elf Hektar großen Areal einen Bolzplatz sowie ein Straßenfußballfeld. Wildes Obst und Kräuter wachsen am Wegesrand.

Diese drei Beispiele zeigen, dass sowohl in großem Maßstab bei tief greifenden Infrastrukturprojekten, aber auch auf kleinerer Ebene neues Grün in den Münchner Stadtvierteln entsteht.

Mit weggefallendem Grün in der Stadt beschäftigte sich ein Bericht in der Ausgabe vom 29. Juni.

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Quelle:
SZ vom 08.07.2021/infu
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