Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Urlaub in München:Die beste Zeit für Entdecker

Lesezeit: 3 min

Der Urlaub am Gardasee ist geplatzt? Macht nichts, die Atmosphäre am Thalkirchner Campingplatz kann fast mithalten. Betreiber Klaus Bartl gibt Tipps für den perfekten Tag.

Von Linus Freymark

Ein bisschen verrückt ist es schon: da hat man sich durch den Verkehr auf dem Mittleren Ring gequält, sich von einem Grantler beschimpfen lassen, weil man ihm - angeblich! - die Vorfahrt genommen hat, und jetzt sitzt man hier, auf der Terrasse des Campingplatzes in Thalkirchen, keine sechs Kilometer vom eigenen Zuhause entfernt, schaut auf die Isar, die sich an einem vorbeischlängelt, und stellt wieder mal fest, wie wenig man eigentlich über die Stadt und ihre Geschichte weiß. Zum Beispiel, dass das Gelände in Thalkirchen, auf dem heute der Campingplatz liegt, schon seit dem Mittelalter als Übernachtungsort dient. Direkt gegenüber, auf der anderen Isarseite, legten früher die Flöße an, abends feierten die Flößer dann gemeinsam und wenn es spät wurde, legten sie sich zum Schlafen auf die Wiese.

Wo früher die Flößer ihren Rausch ausschliefen, treffen sich heute die Camper: Platzbetreiber Klaus Bartl hatte schon einmal einen Japaner da, der mit dem Motorrad um den halben Erdball bis nach München gefahren ist, aktuell ist ein Wohnmobil mit estnischem Kennzeichen zu sehen, ansonsten stammen die meisten derzeitigen Gäste aus Nordrhein-Westfalen oder Norddeutschland - eine Folge des Virus. Und - so abwegig das zunächst klingt - auch der ein oder andere Münchner hat sein Zelt schon mal auf dem Gelände aufgeschlagen.

Väter aus der Region würden hier etwa mit ihren Kindern ein paar Tage verbringen, oder Radler und Kanuten, die die Isar für ihre Touren nutzen und nicht jeden Tag durch die Stadt fahren wollen. Und tatsächlich bietet der Campingplatz eine Atmosphäre, die einen zumindest ein bisschen vergessen lässt, dass der Gardasee-Urlaub heuer erst mal nichts wurde.

Wenn seine Gäste ihn fragen, wie denn der perfekte Tag in München ausschaue, antwortet Klaus Bartl immer das Gleiche: morgens kurz in die Isar hüpfen, wem das Wasser zu kalt ist, der kann ja nur die Füße reinhalten. Anschließend Frühstück auf der Terrasse des Campingplatzes, und dann geht es mit dem Fahrrad flussaufwärts, in Richtung Wolfratshausen, vorbei an den Fliegenfischern, die mit hochgekrempelten Hosen im Wasser stehen, und den ersten Schlauchbooten, die jetzt schon die Isar herunterdümpeln. Und natürlich immer entlang der Biergärten: die Menterschwaige, die Waldwirtschaft, etwas weiter weg das Gasthaus zur Mühle.

Wer es sportlicher möchte, dem empfiehlt Bartl die Isartrails. Die Strecken seien ideal für Mountainbiker, sagt Bartl, zudem sei für jeden die passende Streckenlänge dabei. "Zwischen einer Stunde und einem Tag geht da alles", sagt Bartl. Er selbst fährt auch Mountainbike, früher ist er für die Touren immer in die Berge gefahren, seit Corona ist er nur noch an der Isar oder in der Region unterwegs, das sei mindestens genauso schön, sagt Bartl, und man spare sich die Fahrtzeit.

Bartls Lieblingsort aber ist die kleine Brücke über die Isar. Von der einen Seite aus kann man den Surfern zuschauen, die sich, wenn die Welle wieder angelassen wird, in die Fluten stürzen. Von der anderen Seite aus hat man einen wunderschönen Blick über den Fluss - und die Terrasse des Campingplatzes. Bartl steht gerne hier oben, entweder schaut er dann den Surfern zu oder seinen Gästen, die das erste Weißbier des Tages zischen und so entspannt wirken, dass auch er manchmal das Gefühl hat, gerade woanders zu sein. "Die Atmosphäre ist hier eine andere als in der Stadt", sagt er.

Viele von Bartls Gästen kommen seit 30 oder 40 Jahren jedes Jahr nach München, manche, sagt er, "kennen die Münchner Gastronomie besser als ich". Abends tauscht man sich dann auf der Terrasse des Campingplatzes oder beim gemeinsamen Lagerfeuer aus, und selbst wenn wegen des Virus die Abstände dieses Jahr ein bisschen größer sein müssen: auch für Münchner ergeben sich bei diesen Gesprächen sicher neue Inspirationen. Oder neue Bekanntschaften. An kaum einem anderen Ort gebe es eine so hohe Bereitschaft, sich auf neue Leute einzulassen, wie auf einem Campingplatz, sagt Bartl: "Hier ist es normal, dass sich der 25-jährige Student mit der 70-jährigen Rentnerin unterhält." Sicher, wer campt, verzichte auf einigen Komfort - aber er bekomme eben etwas anderes zurück, so sieht das Bartl.

Für Bartl machen eine Stadt nicht die Attraktionen aus, die im Reiseführer stehen und die man als Tourist abklappern muss - für ihn ist es das Lebensgefühl. Und auch, wenn das derzeit durch die Krise natürlich getrübt ist, findet Bartl: Es gebe keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, die eigene Stadt neu zu erkunden. Und wer dabei ein bisschen mehr Urlaubsfeeling haben möchte als es die eigenen vier Wände erzeugen, der kann seinen Startpunkt ja auf den Campingplatz verlegen.

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Quelle:
SZ vom 03.06.2020
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