Süddeutsche Zeitung

Siedlung in Schwabing:Wasser, Wasser, überall

Seit Jahren läuft in eine Wohnanlage in Schwabing ständig Grundwasser, eine schlüssige Erklärung hat niemand. Behörden schlagen vor, Brunnen zu bauen - auf Kosten der Eigentümer.

Von Stefan Mühleisen

Franziska von Gagern zieht sich die Schuhe aus und steigt ins Wasser. Eine flüssige Bewegung ist das, fast beiläufig. Wie jemand, der nicht mehr nachdenken muss, eine Art Reflex: Schuhe ausziehen, rein in die Garage. "War schon mal höher", sagt die 50-jährige Fotografin, 25 Zentimeter sind es an diesem Julivormittag. Die Sprecherin der Eigentümer-Gemeinschaft watet durch die überflutete Garage ihrer Wohnanlage, von den kahlen Betonwänden hallt das Plätschern der Schritte. Für Gagern ist das kein ungewohnter Anblick, sie kennt ihn seit fast fünf Jahren. So lange leben sie und die sieben Eigentümer in der Wohnanlage Genter Straße 13 a-f, einem denkmalgeschützten, sechsteiligen Flachbau, errichtet 1972 von Otto Steidle, mit der Überflutung. Es ist Grundwasser, das wissen auch die Behörden, seit Jahren schon. Zu den Ursachen gibt es Theorien, genau weiß es aber niemand.

Auch Ina Weller nicht. Sie hat sich von den Nachbarn gelöst, die auf der Wiese aufgeregt diskutieren, hat die Schuhe ausgezogen, um sich die Misere mal anzuschauen. Denn ihr Keller steht seit einigen Wochen unter Wasser, ein Haus am Beltweg, gut 300 Meter Luftlinie entfernt. "Es ist unglaublich", entfährt es Weller, Gagern entgegnet: "Es ist absurd."

Absurd, dieses Wort fällt öfter an diesem Vormittag. Gut zwei Dutzend Anwohner haben sich im Garten von Gagerns Wohnanlage versammelt. Sie strömten aus einem Viertel herbei, das eingebettet ist zwischen Isarring im Süden und Westen sowie dem Englischen Garten im Osten; Ein- und Mehrfamilienhäuser gruppieren sich beidseits der Osterwaldstraße, der Nord-Süd-Achse in der beschaulichen Siedlung. Doch mit der Beschaulichkeit ist es vorbei, die Grundwasser-Misere ufert gehörig aus.

"Wir sind die Leidtragenden und sollen das Ganze auch noch bezahlen"

In etliche Anwesen - es dürften nach Gagerns Informationen um die 40 sein im Einzugsgebiet zwischen Karl-Arnold-Weg im Norden und Mannlichstraße im Süden - läuft Grundwasser in die Keller, bei manchen seit Wochen, bei anderen seit Monaten. "Es kam ganz plötzlich am 28. Mai", sagt Doris Schumacher, 60, und erzählt von dem ständigen Lärm der Pumpen, den Schäden, den Sorgen. "Da muss doch die Stadt etwas machen", ist reihum zu hören, wobei Gagern eine gequälte Miene macht.

Sie ist inzwischen so etwas wie eine Grundwasser-Fiasko-Expertin, deshalb sind die Nachbarn alle da. Und sie registrieren, dass zu allem Unglück auch noch Pech dazu kommt. "Wir sind die Leidtragenden und sollen das Ganze auch noch bezahlen", formuliert es Gagern. Sie spricht von der städtischen Entwässerungsabgabensatzung. Die besagt: Hauseigentümer, die Grundwasser in den öffentlichen Kanal einleiten, müssen dafür Gebühren zahlen, 1,56 Euro pro Kubikmeter. So steht es in einem Schreiben der Münchner Stadtentwässerung (MSE) vom August 2019 an die Hausverwaltung. Zwischen Juni 2017 und Mai 2019 seien 58 602 Kubikmeter "gebührenrelevante Grundwassermenge" angefallen, macht 91 419,12 Euro. Die Rechnung für die Zeit danach steht noch aus. "Es ist der Wahnsinn", kommentiert Ina Weller, die erst seit einigen Wochen betroffene Anwohnerin vom Beltweg.

Diesen Satz hält Gagern auch für angemessen, um ihre Bemühungen zu beschreiben, effektive Hilfe von den städtischen Stellen zu erhalten. Im Herbst 2015 sei es losgegangen, "plötzlich, ohne dass es geregnet hatte". Das Wasser verschwand, kam aber immer wieder zurück, blieb Tage, dann Wochen, dann Monate. 45 Jahre davor habe es die Probleme stets nur bis zu zwei Tage gegeben, bei heftigen Regenfällen, versichert Gagern. Früh schon habe sie das Problem an die Stadt herangetragen, an das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) und die MSE. Ein reger Mail-Verkehr sei angelaufen. Zunächst, so Gagern, hieß es vom RGU: Es liege wohl an einem Neubauprojekt in der Nähe, man solle abwarten, bis die Spundwände entfernt seien. Tatsächlich, einen Tag davor, Anfang Dezember 2016, war das Wasser weg, kam aber schnell wieder. "Dann hieß es, es läge eventuell an den verstopften Dükern des Regenüberlaufkanals", sagt Gagern.

Neubauprojekte, der Kleinhesseloher See - alles mögliche Ursachen

So eine unterirdische Zuleitung zum Klärwerk verläuft ausgerechnet an der nordöstlichen Grundstücksgrenze. Klang also einleuchtend. Düker sind Druckleitungen, um Barrieren zu unterqueren, etwa Straßen oder eben ein Kanalbauwerk. Im Januar 2018 rückt die MSE mit dem Techniktrupp an und putzt durch. Danach erklärt der städtische Eigenbetrieb die Dükeranlage in einem Brief als "technisch funktionstüchtig". Doch die Pumpen an der Genter Straße laufen weiter rund um die Uhr. Wo nur kommt das Wasser her?

Darüber wird lebhaft diskutiert im Garten, auch Christian Hierneis ist da, Grünen-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der Kreisgruppe München des Bundes Naturschutz. Er glaubt: "Es gibt nicht eine sondern viele Ursachen." Viele kleine Störquellen im Untergrund, die in der Summe "das Fass zum überlaufen bringen", wie er es ausdrückt. Womöglich immer noch nicht ganz funktionsfähige Düker, dazu Abwasserkanäle, welche die MSE in der Gegend abgedichtet habe und den - eigentlich unerwünschten - Grundwasserzulauf in die Rohre stoppte.

Gewichtiger noch aber ist in seinen Augen, "dass in dieser Gegend seit Jahrzehnten im Untergrund herumgebuddelt wird, ohne das Grundwasser insgesamt in den Blick zu nehmen". Er meint die Neubauprojekte im Umfeld, wohl jedes Bauwerk ist mit einer so genannten weißen Wanne um die Keller und Tiefgaragen versehen, eine üblicherweise verbaute, wasserdichte Betonschale, dazu jede Menge Rohrleitungen. "Wenn das alles zusammenkommt, läuft nichts mehr ab", mutmaßt Hierneis.

Fachlich sei die These nachvollziehbar, so teilt ein RGU-Sprecher auf SZ-Anfrage mit, dass es durch Versiegelungen und vermehrten Tiefgaragenbau in der Siedlung zu einer Nachverdichtung gekommen sei, die auch zu einem Anstieg des Grundwasserspiegels geführt habe. "Daher wird von der Wasserwirtschaft auch nur eine geringe Aufstauwirkung für jedes neue Gebäude toleriert."

Immerhin soll es einen runden Tisch geben

Dennoch: RGU, MSE und Wasserwirtschaftsamt können nur spekulieren, was da im Untergrund los ist, wie einige Tage nach dem Anwohnertreffen in einem Klassenzimmer der Situli-Schule deutlich wird. Der Vorsitzende des Bezirksausschusses, Patric Wolf (CSU), hat zu einer Anhörung geladen, auch Franziska von Gagern ist da. Es geht um Düker und Kanäle, auch die "weißen Wannen" kommen vor. Zudem wird über den Kleinhesseloher See gesprochen, der wegen Verschlammung abgelassen, ausgebaggert und im Mai wieder geflutet wurde. Noch so eine mögliche Störquelle. "Es ist ein durchaus komplexes Problem", sagt MSE-Emissär Robert Brenner. Soll heißen: Es gibt Hypothesen aber keine belastbaren Befunde, wo das Wasser herkommt. John Bruns vom Wasserwirtschaftsamt erklärt, es würden nun die Wasserstände gemessen, "um herauszukriegen, welche Ursache welche Wirkung hat". Immerhin: Es soll einen runden Tisch geben, "gemeinsam an einer Lösung gearbeitet" werden, wie Gagern an diesem Abend zu hören bekommt.

Nach zwei Stunden macht sie sich verdrossen auf den Heimweg zu ihrem überfluteten Haus. Sie hat - trotz Drängen von BA-Chef Wolf - keine Zusage bekommen, dass den Anwohnern die Gebühren erlassen werden; das müsse noch juristisch geprüft werden, hieß es. Doch Gagern ist vor allem deshalb deprimiert, weil sie einen wohlbekannten Vorschlag präsentiert bekam. "Es ist absurd", sagt sie wieder.

Die Eigentümergemeinschaft soll auf eigene Kosten Brunnen bauen, die das Grundwasser absaugen und dann - kostenlos! - in die "Schwarze Lacke" leiten, einen Bachlauf, der durch die Siedlung fließt. Dass so ein Projekt wohl gut 150 000 Euro kostet, weiß Gagern jedoch schon seit 2016. Schon damals, als die Pumpen noch nicht dauerhaft liefen, habe ein RGU-Mitarbeiter diese Lösung nahegelegt. Die Eigentümer haben Gagern zufolge dazu im Herbst 2019 einen Bauantrag bei der Stadt eingereicht - vor allem, weil das Landesamt für Denkmalpflege die Anlage wegen des ständigen Wasserstands im Keller als "gefährdet" einstuft. "Bisher haben wir zu unserem Bauantrag keine Antwort erhalten", sagt Gagern.

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SZ vom 11.07.2020/syn
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