Süddeutsche Zeitung

Münchner Kliniken:2100 Pflegekräfte zu wenig

  • In den nächsten zehn Jahren werden den Münchner Kliniken mehr als 2000 Pflegekräfte fehlen.
  • Schon jetzt kümmert sich eine Pflegekraft im Schnitt um neun Patienten - nachts sind es sogar 22.
  • Die Identifikation mit dem Beruf ist groß bei den Beschäftigten. Doch die Situation sorgt für Frust.

Die ohnehin schon angespannte Situation der Pflege in den Krankenhäusern wird sich weiter zuspitzen: Den Münchner Kliniken werden in den nächsten zehn Jahren rund 2100 Pflegekräfte fehlen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs am Donnerstag dem Stadtrat vorlegen wird. "Die Prognosen bestätigen, dass der Bedarf an Pflegefachkräften in Zukunft noch weiter ansteigen wird und ein eklatanter Pflegekräftemangel zu erwarten ist", erklärt Jacobs. Um dem entgegenzuwirken, will die Gesundheitsreferentin das Problem der Ausbildungs- und Berufsabbrüche sowie den Wohnraummangel angehen.

Die vor fast drei Jahren vom Stadtrat beim Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastruktur- und Gesundheitsfragen Berlin in Auftrag gegebene Analyse der Pflegesituation in den Münchner Kliniken basiert vor allem auf der Befragung von 1261 Pflegekräften und 307 Pflegeschülern. An 52 Krankenhausstandorten mit insgesamt mehr als 11 300 Betten sind für 2016 fast 500 000 vollstationäre Fälle verzeichnet. Zusammengerechnet gab es knapp 8000 besetzte Vollzeitstellen in der Pflege. Laut Krankenhausbefragung kümmerte sich unter der Woche in der Frühschicht eine Pflegekraft um durchschnittlich neun Patienten, in der Nachtschicht um 22 Patienten. 75 Prozent der Pflegekräfte, die an der Befragung teilnahmen, leisteten mehr als 15 Überstunden im Monat vor der Befragung.

Als Gründe dafür nannten Klinikleitungen hauptsächlich Krankheitsausfälle und nicht besetzte Stellen. Mehr als die Hälfte der Pflegekräfte hatte das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben, um Patienten so zu betreuen, wie es nach eigenem Anspruch für richtig erachtet wird. Dabei ist die Identifikation mit dem Beruf hoch: Mehr als drei Viertel der Pflegekräfte (77 Prozent) fanden die Arbeit abwechslungsreich und interessant.

Genauso viele (76 Prozent) äußerten sich allerdings unzufrieden mit dem Einkommen, 66 Prozent mit der Anerkennung und 53 Prozent mit der Arbeitsbelastung. Mehr als ein Drittel hatte im Lauf des vergangenen Jahres öfter daran gedacht, den Beruf ganz aufzugeben, etwa genauso viele dachten daran, sich eine andere Stelle in der Pflege in München zu suchen. Unter den Gründen dafür standen geringes Einkommen, zu hohe Arbeitsbelastung und zu hohe Lebenshaltungskosten in München fast gleichauf an der Spitze. Jede zehnte Pflegekraft hat schon konkrete Pläne, sich in den nächsten drei Jahren aus der Tätigkeit zu verabschieden. Knapp die Hälfte der Schülerinnen und Schüler hat schon einmal über den Abbruch der Ausbildung nachgedacht, vor allem wegen der hohen Arbeitsbelastung und der Arbeitsbedingungen.

"Die Ergebnisse der Münchner Studie zeigen, dass schon jetzt zusätzliche Pflegekräfte notwendig sind, um die Arbeitsüberlastung der Pflegekräfte zu reduzieren und Überstunden abzubauen", betont Stephanie Jacobs. Es müsse dringend der "sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale aus unattraktiven Arbeitsbedingungen, Unzufriedenheit, Überlastung und vorzeitiger Berufsaufgabe" entgegengetreten werden. Im Hinblick auf junge Pflegekräfte, die über einen vorzeitigen Berufsausstieg nachdenken, müssten die Arbeitsbedingungen in der Pflege attraktiver werden. Zusammen mit den Klinikträgern will das Gesundheitsreferat dem Wohnraummangel für Pflegekräfte entgegenwirken.

Zusätzlich müsse alles unternommen werden, um den Bedarf an Pflegekräften zu senken, fordert die Gesundheitsreferentin. Dies könne beispielsweise dadurch geschehen, dass Pflegekräfte durch Hilfspersonal oder den Einsatz von technischen Hilfsmitteln entlastet würden. Außerdem weise das mit der Analyse beauftragte Institut darauf hin, "dass etwa 20 Prozent aller Krankenhausfälle in Deutschland durch eine bessere vertragsärztliche Versorgung, Krankheitsprävention und Steuerung von Notfällen vermieden werden können", berichtet Stephanie Jacobs.

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SZ vom 16.07.2019/lfr
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