Süddeutsche Zeitung

Olympiastadion:Eine neue Rasenheizung für das alte Stadion

Nach dem Auszug der Löwen und des FC Bayern war im Olympiastadion keine Rasenheizung mehr notwendig. Nun wird eine neue installiert - das freut nicht nur die Kicker von Türkgücü.

Von Joachim Mölter

An diesem Samstag steigt das erste Lokalderby der Saison in der dritten Fußball-Liga, im Stadion an der Grünwalder Straße erwartet der TSV 1860 die Elf von Türkgücü. Der in Sachen Arena heimatlose Klub trägt einige seiner Pflichtspiele zwar ebenfalls an der Grünwalder Straße aus, doch zum Rückspiel im Januar wird Türkgücü die Löwen wohl aus ihrer gewohnten, heimeligen Höhle locken und in das von Fans ungeliebte Olympiastadion bitten. Dort wird gerade eine neue Rasenheizung installiert, und die ermöglicht künftig wieder Fußballspiele im Winter.

Wie in der Vorsaison hat Türkgücü in seinem Lizenzantrag beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) das Olympiastadion als Ausweichort für acht Liga-Spiele angegeben. "Das könnte mit der Rasenheizung im Winter jetzt noch zunehmen", glaubt Tobias Kohler, der Pressesprecher der Olympiapark GmbH.

Derzeit wird noch viel Erde bewegt im Olympiastadion, aber bis zum ersten geplanten Spiel von Türkgücü in der Arena, am 26. September gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund, sei genug Zeit, erklärt Wasem Ajmail, der Technik-Chef des Olympiaparks. "Wir planen, den Rasen Ende August drüber zu legen", sagt er, "dann ist der Platz ein, zwei Wochen später spielfertig." Bis freilich auch der letzte Anschluss für die Rasenheizung angekoppelt ist und die Anlage eingeschaltet werden kann, wird es noch ein paar weitere Wochen dauern. "Mitte Oktober, Anfang November ist definitiv alles erledigt", versichert Ajmail.

Nachdem der Stadtrat Anfang Mai das Geld für die als dringend notwendig erachtete zweit- und drittligataugliche Erneuerung des Olympiastadions genehmigt hatte, hätten sie gerne schon früher mit dem Baggern angefangen als am 19. Juli. Aber das Wetter habe nicht mitgespielt: "Wenn es anhaltend regnet, geht's nicht - dann wäre alles matschig", sagt Ajmail.

In den vergangenen Wochen haben seine Arbeiter den alten Rasen und die darunter liegende Trageschicht abgebaut, dann haben sie über einen Sanduntergrund die neuen Leitungen verlegt, insgesamt 26 Kilometer orangefarbige Kunststoffröhren, immer schön quer über den Platz. Über diese Leitungen kommt nun eine weitere Schicht Sand und darüber ein Humus-Gemisch als Trageschicht. Erst darauf wird dann der Rollrasen verlegt. Selbst bei der Gewichtsbelastung eines Open-Air-Konzerts sei die Rasenheizung dadurch gut geschützt, sagt Wasem Ajmail.

Die alte Rasenheizung hielt bis 2005

Für den Technik-Experten ist die 8000 Quadratmeter umfassende Anlage im Grunde nichts anderes als eine Heizung wie für daheim, nur halt etwas größer. Wenn Ajmail die Gesamtkosten von 1,3 Millionen Euro runterbricht auf einen Quadratmeterpreis, kommt er auf 162,50 Euro: "Ein guter Heizkörper für zu Hause kostet auch rund 100 Euro - und den haben sie dann noch nicht eingebaut."

Wenn die Rasenheizung erst einmal installiert sei, halte sie zwanzig, fünfundzwanzig Jahre, schätzt Ajmail. "Die alte hat ja auch bis 2005 gehalten", sagt er und die sei schon dagewesen, als er in der Achtzigerjahren beim Olympiapark angefangen habe. Tatsächlich war bereits beim Bau des Olympiastadions für die Spiele von 1972 eine Rasenheizung installiert worden. "Das war damals eine Sensation", erinnert sich Pressechef Tobias Kohler: "Das war damals das erste und einzige Stadion in Deutschland, das so etwas hatte."

Mittlerweile verlangt der DFB selbst von seinen Drittligisten eine Rasenheizung, damit im Winter durchgespielt werden kann, so ändern sich die Zeiten. Im Olympiastadion soll im nächsten Jahr auch die Flutlichtanlage noch nachgerüstet werden, damit würden dann auch Voraussetzungen für die zweithöchste Spielklasse erfüllt. Die strebt der TSV 1860 ja auch in dieser Saison wieder einmal an. Es kann also sein, dass auch die Löwen in Zukunft wieder mal ins Olympiastadion ausweichen müssen, wenn ihr geliebtes Stadion an der Grünwalder Straße irgendwann saniert und renoviert wird.

Zuletzt haben sie dort im Mai 2005 ein Heimspiel ausgetragen, damals noch in der Bundesliga. Danach sind sie mit dem FC Bayern in die neue Arena nach Fröttmaning gezogen. "Nach dem letzten Spiel im Olympiastadion hat man die Flüssigkeit aus den Leitungen gezogen und nicht mehr auf die Rasenheizung geachtet", weiß Ajmail. Deshalb müssen auch noch alte Rohre demontiert werden, damit fangen seine Leute nächste Woche an.

Mit dem Verlegen des Rollrasens ist die Sache jedenfalls nicht getan. Selbst wenn schon gespielt wird auf dem neuen Feld, müssen noch Rohre verlegt und an eine Übergabestelle angeschlossen werden, in der Technikzentrale, Ebene 3, unterhalb der Haupttribüne. Von dort wird die Fernwärme in die Leitungen gepumpt.

Nach mehr als 15 Jahren hat Türkgücü den Fußballbetrieb im Olympiastadion belebt, mit dem Spiel gegen Wehen Wiesbaden am 10. Oktober 2020 fing es wieder an. Los war trotzdem immer was, sagt Wasem Ajmail und erinnert an die vielen Open-Air-Konzerte, die es bis zur Corona-Pandemie gab. Nur sobald es kalt wurde, war das Stadion verwaist, da fand nichts mehr statt. "Wenn jetzt im Winter wieder gekickt wird", findet Ajmail, "ist das nur gut."

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SZ vom 14.08.2021/lfr
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