Süddeutsche Zeitung

Nachhaltigkeit:Neue Wege für Alphatiere

Oliver Specht, Unternehmensberater, und Axel Nauert, Neuroforscher, haben Großes vor: die Rettung der Erde. Gerade haben sie ein Buch für Unternehmer geschrieben, die nachhaltig wirtschaften wollen.

Von Gerhard Fischer

Wer im Café im Vorhoelzer Forum steht und nach Süden blickt, erkennt die Türme der Frauenkirche, die Pinakotheken und die Hochschule für Fernsehen und Film. Und bei Föhn sieht man die Berge. Das passt zum Thema der Veranstaltung, denn an diesem Freitagabend geht es um Weitsicht und um nichts weniger als um die Zukunft der Erde.

Oliver Specht und Axel Nauert haben ein Buch dazu geschrieben, es ist gerade im Redline-Verlag erschienen und heißt "Planet Proofed. Wie Sie Ihr Unternehmen nachhaltig und erfolgreich in die Zukunft führen".

Das Dachcafé ist etwas schwer zu finden. Man betritt, von der Arcisstraße aus, das Gebäude der TU München, im Foyer biegt man nach links ab (manche laufen nach rechts, weil die Beschilderung ziemlich klein ist), viele Schritte später geht man rechts ums Eck, besteigt einen Aufzug und fährt in den vierten Stock - wo man noch einmal ein paar Treppen nehmen muss. Ist der Weg, Unternehmen zum nachhaltigen Wirtschaften zu bringen, ähnlich kompliziert?

Oliver Specht, Unternehmensberater und Coach, weißes Hemd, blaue Jeans und weiße Sneaker, begrüßt die Gäste. Neben ihm steht - etwas kleiner, etwas älter, mit moderner Hornbrille - der Neuroforscher, Organisations- und Wirtschaftspsychologe Axel Nauert. Später wird man merken, dass er gefühliger redet als der Stratege Specht, manchmal sogar salbungsvoll.

Specht stellt die Frage, ob Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen. Es ist eine rhetorische Frage. Bevor er sie beantwortet, indem er sechs "Stellhebel" für nachhaltiges Wirtschaften in Unternehmen vorstellt, spricht er über das Netzwerk "Alpha mal anders", das er 2019 mitbegründet hat. Es bestehe aus vier Männern mit verschiedenen Berufen: Nauert und Specht, dazu ein norwegischer Soziologe und ein Philosoph. Specht sagt, sie wollen in Zukunftssalons über Nachhaltigkeit diskutieren, aber so richtig greifbar wird das Ganze noch nicht.

Axel Nauert verrät, dass ihn ein Artikel von Richard Buckminster Fuller seit Jahren begleite. Buckminster Fuller, ein Erfinder und Philosoph, habe über "die Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde" geschrieben; natürlich geht es darin um Nachhaltigkeit und darum, wie man die Welt zum Nutzen der Menschen verändern könne. "Und ich möchte an dieser Bedienungsanleitung mitbauen", sagt Nauert, der erkennbar begeisterungsfähig ist.

Er beschäftige sich mit Neuroforschung, und er wisse, dass der Mensch positive Anreize brauche. Umweltzerstörung und Klimawandel seien negativ behaftet, sagt Nauert, und bei "zu vielen Gruselgeschichten" sei das Gehirn überfordert. Es wende sich ab. Man müsse das Ganze leichter präsentieren. Man müsse Geschichten erzählen. Deshalb das Buch.

Oliver Specht übernimmt wieder, er nennt ein paar Zahlen, die Schreckensdaten sind (etwa, dass ein komplettes Abschmelzen der Eismassen einen Anstieg des Meeresspiegels um 60 Meter bewirken würde), und er spricht nun über die Stellhebel, die Unternehmen betätigen müssten, um nachhaltiger zu wirtschaften. Diese Hebel heißen - einmal muss man sie ausführlich nennen - Future Readiness Index, Purpose-driven Strategiemodell, Nachhaltiges Geschäftsmodell, Sinnstiftende Kommunikation (Framing), Beyond Empowerment und Reversible Unternehmenssteuerung. Und wichtig sei, dass Planet und People über dem Profit stünden.

Georg Schweisfurth ist auch da, Mitbegründer der Hermannsdorfer Landwerkstätten und Autor von Büchern über biologische Ernährung. Er hat Spechts Ausdrücke wie "Future Readiness Index" oder "Beyond Empowerment" noch im Kopf, als er sinngemäß sagt: Das seien Begriffe, die er nicht verwende. Aber sie hätten die gleiche Bedeutung wie das, was sie vor 35 Jahren bei Hermannsdorfer begonnen hätten. Der Konzern, den mittlerweile seine Tochter führe, verkaufe weiter Fleisch; aber er habe die ethische Verantwortung, dass die Tiere anständig behandelt würden "von der Geburt bis zum Tod". Mit Blick auf Nauert und Specht sagt Schweisfurth, es sei eine "unglaubliche Arbeit, ein Unternehmen, so einen Tanker, umzubauen".

Drei Tage später. Montagmittag. Im Büro von Axel Nauert in Neuhausen, direkt am Rotkreuzplatz. Muss man von "Future Readiness Index" oder "Beyond Empowerment" sprechen? Geht es nicht einfacher? Mit weniger Anglizismen? Statt "Purpose-driven Strategiemodell" könnte man doch auch sagen: Welchen Beitrag kann ein Unternehmen zum schonenden Umgang mit der Erde leisten? Specht lächelt. "Unser Buch richtet sich ja in erster Linie an die Entscheider in den Unternehmen", sagt er. "Und dort wird eine anglizistische, eine Managementsprache gesprochen." Wie sieht es denn in den deutschen Unternehmen aus, was nachhaltiges Wirtschaften angehe? "Es gibt einige Leuchttürme", sagt Specht, "aber die große Mehrheit geht noch den alten Weg." Kann man das quantifizieren? "Vier Fünftel etwa", sagt Nauert.

Axel Nauert, 64, und Oliver Specht, 50, sind jetzt präzise und geben klare Antworten. Überhaupt wird das Profil der beiden - und das Profil des Buches und des Netzwerks "Alpha" - nun sehr viel deutlicher als noch drei Tage zuvor.

Was sind denn die Gründe von Konzernen, wenn sie die Vorschläge von Specht und Nauert ablehnen? "Sie haben Angst, abgehängt zu werden", sagt Nauert. "Und wir hören auch: Es ist zu teuer. Oder: Die Kunden wollen das nicht."

Deshalb hätten sie in ihrem Buch positive Beispiele aufgeführt, zum Beispiel die niederländische Triodos-Bank. "Die Einlagen der Kunden werden als Kredite an die Realwirtschaft vergeben", heißt es im Buch. "Die Vergabe erfolgt ausschließlich an ökologische und sozial nachhaltig ausgerichtete Projekte aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Kultur." Die Triodos-Bank habe 2019 europaweit "504 Projekte im Bereich erneuerbarer Energie finanziert, mit deren Leistung der Jahresbedarf an Strom für über eine Million Haushalte" gedeckt worden sei.

Oder Antje von Dewitz, deren Firma Vaude umweltfreundliche und fair produzierte Outdoorprodukte anbiete - und die sich, so steht es im Buch, "bis 2020 verpflichtet hat, alle schädlichen Substanzen in der ganzen Lieferkette zu eliminieren". Nauert hatte Dewitz schon im Café Vorhoelzer erwähnt.

Bleibt noch das Netzwerk "Alpha mal anders", über das sie drei Tage zuvor auch gesprochen hatten. Was plant dieses Netzwerk, das derzeit aus vier Männern besteht? Und warum heißt es "Alpha mal anders"?

Alpha bedeute Alphatiere, sagt Specht. Aber es gehe um Alphatiere, die anders seien: offen für Veränderungen.

Alpha suche weitere Mitglieder, Alpha wolle Menschen zusammen bringen, Alpha wolle Entscheider in Firmen ansprechen, Alpha wolle seine Idee weitertragen. Und Alpha wolle dafür einen Zukunftssalon installieren. "Einmal im Vierteljahr wollen wir Leute zur Diskussion einladen", sagt Axel Nauert. "Da treffen sich zum Beispiel Nachhaltigkeitsbeauftragte und Entscheider aus Firmen, die schon weiter sind, und aus Firmen, die noch lernen wollen." Am 17. Dezember starten sie in der Seidlvilla.

Die Beatles haben Richard Buckminster Fuller übrigens einen Song gewidmet: "Fool on the hill" wurde 1967 veröffentlicht. Wer damals mit seinen Nachhaltigkeitsthesen als Narr galt, ist es heute längst nicht mehr. Von einem Hügel aus hat man eben einen weiten Blick.

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Quelle:
SZ vom 17.09.2020
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