Süddeutsche Zeitung

Sommer-Volkshochschule:Yoga auf dem Olympiaturm

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Die Sommer-Volkshochschule konzentriert sich aufs Jahr 1972. Das Programm fällt mit 1100 Veranstaltungen diesmal besonders üppig aus. Die Pandemie-Situation lässt ein Durchatmen zu - auch an ungewöhnlichen Schauplätzen.

Von Patrik Stäbler

Das Fernsehen in Deutschland war erst seit Kurzem bunt und kam noch mit drei Sendern aus, als sich einige Münchnerinnen und Münchner 1972 die Frage stellten: Was macht das "tägliche Nonstop-Programm" mit uns und unserer Gesellschaft? In einem zehnteiligen Kurs der städtischen Volkshochschule (MVHS) namens "Fernsehen: genauer betrachtet" nahmen sie damals die Tagesschau, die Serie "High Chaparral" und die Show "Spiel ohne Grenzen" unter die Lupe und gingen Fragen nach wie: "Informiert die Tagesschau wirklich, erlaubt sie aktives Mitdenken?" Und: "Werben Familienserien für das traute Heim oder spiegeln sie alltägliche familiäre Konflikte?"

An jenen Kurs, dessen Beschreibung heute ulkig wirkt, erinnert eine kleine Ausstellung namens "50 Jahre im Spiegel von MVHS-Programmen", die derzeit im neuen Standort der Einrichtung an der Claudius-Keller-Straße in Ramersdorf zu sehen ist. Dort wurde nun auch das Programm der Sommer-Volkshochschule vorgestellt, das zwar keine Kurse über das Medium Fernsehen mehr umfasst, wohl aber aktuellen Zeitgeist atmet - etwa bei Vorträgen über Annexionen im 21. Jahrhundert und die zunehmende Einsamkeit infolge von Corona oder dem erstmaligen Angebot eines Ukrainisch-Sprachkurses. Eine herausgehobene Rolle im Programm nimmt jenes Jahr 1972 ein, in dem die Kursteilnehmer seinerzeit über Tagesschau und Co. räsonierten. Der Grund: Damals fanden in München die Olympischen Spiele statt, denen die MVHS anlässlich ihres Jubiläums 50 Ausstellungen, Führungen und Vorträge widmet.

Die Sommer-VHS füllt die Lücke zwischen den großen Programmen

Insgesamt umfasst die Sommer-Volkshochschule, die seit 1999 die Lücke zwischen den beiden großen Programmen im Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter füllt, mehr als 1100 Veranstaltungen zwischen dem 16. Juli und Ende September. Ein Fokus liege auch heuer auf Kennenlern- und Intensivkursen, sagt Programmleiterin Susanne May. "Bei einigen hat man täglich Unterricht. Viele Leute nehmen da richtig Urlaub, um eine Sprache zu erlernen oder zu verfestigen." Die Kennenlernkurse wiederum ermöglichen beispielsweise das Hineinschnuppern in eine Sprache, was diesmal auch an einer sehr speziellen Örtlichkeit möglich ist - auf dem Olympiaturm. Dort finden erstmals Sprach- und Bewegungskurse der MVHS statt. "Das ist unser höchster und luftigster Lernort", sagt Susanne May. "Da können Sie Yoga machen oder eine Sprache lernen."

Ohnehin sei das Sommerprogramm bemüht, die Teilnehmenden ins Freie und ins Grüne zu lotsen, sagt May und verweist auf zig Führungen und Radtouren in München und dem Umland sowie Veranstaltungen im Innenhof des Einstein 28, im Haus Buchenried am Starnberger See sowie am jüngsten MVHS-Standort in Ramersdorf, der über eine behagliche Terrasse verfügt. In dem Gebäude hat das Stadtbereichszentrum Ost seit März eine neue Heimat gefunden, solange die Räumlichkeiten im historischen St.-Martin-Spital in Obergiesing saniert werden. "Einige Besucher erschrecken ein bisschen, wenn sie Ramersdorf hören", sagt Leiter Winfried Eckardt. "Dabei liegen wir hier sehr zentral und sind durch die U-Bahn und zwei Buslinien super erreichbar." Mehr als 30 Unterrichtsräume auf drei Etagen stehen der MVHS in dem Gebäude zur Verfügung, darunter ein großer Vortragssaal. Eigentlich sei das Haus bloß als Interimslösung gedacht, bis die Sanierung des St.-Martin-Spitals im Herbst 2025 abgeschlossen ist, sagt Susanne May. "Aber ich denke, dieser Standort ist so attraktiv, dass er danach zu einem dauerhaften Standort wird."

Die Sommer-Volkshochschule sei heuer besonders umfangreich, "auch weil die aktuelle Pandemie-Situation uns etwas durchatmen lässt, bevor der Herbst kommt", sagt die Programmleiterin. Ihr zufolge hat die MVHS im Vorjahr insgesamt 270 000 Belegungen verzeichnet - mithin 25 Prozent weniger als noch vor Corona. "Das ist aber ein vergleichsweise guter Wert", betont Susanne May. Das Ziel der Einrichtung sei es nun, im kommenden Jahr wieder die Besuchszahlen von 2019 zu erreichen.

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