Süddeutsche Zeitung

Lehel:Gemeinsam draußen

Der Verein Green City hat für eine nachhaltige Quartierswende Vorschläge gesammelt, die schnell umzusetzen sind. Über sieben Begegnungsorte können die Bürger jetzt abstimmen, drei davon sollen im Sommer verwirklicht werden

Von Julian Raff, Lehel

Ungefähr zu der Zeit, als sich im Lehel das Großbürgertum hinter Prachtfassaden einrichtete, priesen Wiener Kaffeehausliteraten mit "ned dahaam und doch ned an der frischen Luft" ein Ideal, das sich längst ins komplette Gegenteil verkehrt hat - und das nicht erst, seit der Mief potenziell tödlich geworden ist: Mehr "Aufenthaltsqualität" unter freiem Himmel fordern immer mehr Bürger und geraten dabei oft in Konflikt mit den Nachbarn, die um ihre Nachtruhe fürchten und um die letzten freien Parkplätze.

Mit dem Projekt einer konsensfähigen, nachhaltigen und klimagerechten "Quartierswende" treffen Katharina Frese, Christina Pirner und ihr Team vom Verein Green City den Nerv der Zeit. Über den Winter haben sie sieben schnell umsetzbare Konzepte aus Anwohnervorschlägen destilliert, die meist online gemacht wurden, da persönliche Gespräche pandemiebedingt ausfallen mussten. Nachdem sich der Bezirksausschuss (BA) Altstadt-Lehel und die Behörden geäußert haben, gehen die Pläne nun bis 2. Mai in eine Online-Abstimmung. Drei Pilotprojekte sollen gekürt und anschließend während der Sommerwochen umgesetzt werden.

Schon heute der beliebteste Begegnungsort ist natürlich der St.-Anna-Platz, das historische Herz des Viertels. Zum Ärger der Anwohner hat sich dort vor Corona eine Partyszene festgesetzt und Lärm- und Müllprobleme mit sich gebracht. Unter den Vorschlägen für den Platz finden sich daher speziell auf To-go-Verpackungen zugeschnittene Entsorgungs- und Recyclingstationen. Verpackungsfrei könnten derweil auf Hochbeeten Tomaten oder Erdbeeren gedeihen. Der BA sieht maximal Platz für drei Beete, die nördlich des Brunnens platziert werden sollten, um den Platz für den Wochenmarkt frei zu halten.

Das Gestaltungselement Wasser würde an die Geschichte des einst im Hochwasserbett der Isar gelegenen Viertels erinnern und gleichzeitig Abkühlung bringen. Ein dauerhaftes Becken sieht der BA wegen Unfall- und Verschmutzungsgefahr aber skeptisch und plädiert für eine Kunstaktion oder einen Aktionstag mit Wasserbezug. Kühlende Zerstäuberpumpen wären dabei eine gute Idee. Die Stadtteilvertreter sähen den St.-Anna-Platz gerne priorisiert, wollen aber dem Votum nicht vorgreifen.

Weiter nördlich, am Lerchenfeldspitz beim Englischen Garten, wird eine "Begegnungsinsel" vorgeschlagen, mit maximal zwei Parklets, Tischtennisplatte und Ähnlichem. Die Oettingenstraße könnte dabei zwischen Paradies- und Lerchenfeldstraße für einen Aktionstag gesperrt werden. Eine mehrwöchige Sperrung weist der Bezirksausschuss zurück, wobei CSU und FDP das gesamte Projekt wegen des Wegfalls von 15 Parkplätzen ablehnen.

Skeptisch sieht das Gremium den Vorschlag, den Park am Isartorplatz als solchen erlebbar zu machen und dafür die Rechtsabbiegespur in den Thomas-Wimmer-Ring zu sperren. Die Mehrheit kann sich lediglich Sitzmobiliar oder ein Freiluftschachbrett beim Fortunabrunnen vorstellen, während sich die FDP wiederum voll hinter das Projekt stellt. Kombinierte Radl-Abstell- und Sitzinseln schweben Green City für die Liebigstraße vor, wofür sich im BA allein die Grünen begeistern konnten. Denkbar bliebe die Umwandlung von nur zwei Parkplätzen.

Einstimmig abgelehnt hat der BA eine mehrwöchige Sperrung und radlfreundliche Umgestaltung der Oettingenstraße. Stattdessen könnte diese für einen Aktionstag abgeriegelt werden, der unter anderem mehr Akzeptanz fürs geltende Tempo 30 bringen soll. Gestutzt hat der BA auch die Idee, bei der Lukaskirche einen "echten" Mariannenplatz zu schaffen, wo derzeit nur der Name existiert. Die Zufahrt von der Steinsdorfstraße lässt sich wegen des Baustellen- und Busverkehrs wohl nicht dauerhaft sperren. Ein entsprechender Aktionstag wäre aber auch dort möglich. Ganz in der Nähe, an der Mannhardtstraße wäre außerdem Platz für ein 24 Quadratmeter großes Wander-Parklet. Zur weitergehenden Beruhigung dieses Bereichs kann sich der BA nicht durchringen. Anfang 2020 hatten Anwohner aus Sorge um die Parkplätze gegen ähnliche Pläne einer Bürgerinitiative protestiert und auf die nahe grüne Praterinsel hingewiesen.

Sich über die Quartierswende-Projekte informieren und abstimmen kann man unter www.greencity.de.

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Quelle:
SZ vom 19.04.2021
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