Süddeutsche Zeitung

IAA:Ein Isar-Boulevard, der den Menschen statt den Autos gehört

Der Verein Isarlust möchte während der Internationalen Automobilausstellung im September mit einer Kunstaktion fast alle Fahrzeuge vom Boulevard entlang des Flusses verbannen.

Von Andreas Schubert

Als die Altbauten an der Isar noch nagelneu waren, also so Ende des 19. Jahrhunderts, war das Auto noch eine sehr junge Erfindung. Prächtige Fassaden säumten einen Boulevard, von dem damals keiner geahnt hätte, dass er einst eine innerstädtische Hauptverkehrsachse für bis zu 30 000 Autos am Tag werden würde. Benjamin David vom Verein Isarlust verfolgt schon seit Jahren den Traum vom Isar-Boulevard, der den Menschen statt den Autos gehört.

Schon mehrfach haben die Aktivisten um David mit verschiedenen Aktionen für das Projekt geworben. Einmal haben sie haben einen Rollrasen an der Reichenbachbrücke ausgelegt, ein anderes Mal die Ludwigsbrücke mit indischen Holi-Farben bunt gefärbt. Dieses Jahr, am besten während der Automesse IAA mobility ab dem 7. September, will Isarlust mit einer Kunstaktion wieder daran erinnern, was die Menschen aus Sicht der Aktivisten von mehr Platz am Ufer hätten.

Dazu soll die Isarparallele gesperrt werden und auf der 6,4 Kilometer langen Achse zwischen Isarring und Brudermühlbrücke sollen sechs Tage lang nur noch Anwohner auf schmalen Spuren zu ihren Parkgaragen und öffentlicher Nahverkehr im Schritttempo fahren dürfen. Der Rest der Straße soll Flaneuren und Radfahrern gehören. Optisch soll dieser Isar-Boulevard wie im Sommer 2019 die Ludwigsbrücke mit Holi-Farben eingefärbt werden, über den Farbton denke man derzeit noch nach, sagt David: "Da geht es auch um Schönheit." Mit der Farbe soll auch eine optische Verbindung der Isar zur Stadt und zum Englischen Garten hergestellt werden.

Andere Aktionen, wie Bühnen für Musiker, sind nicht vorgesehen. "Das soll kein zweites Streetlife-Festival werden", so David. Und vielleicht, so hofft er, ist das Projekt so erfolgreich, dass aus dem Boulevard eine Dauerlösung werden könnte. Denn für ihn steht fest, dass ein Großteil des Autoverkehrs am Ufer vermeidbar wäre. Die meisten Autos auf der Isarparallele seien Durchgangsverkehr, sagt er. Die könnten ebenso über den Mittleren Ring fahren.

Nun ist das Projekt bisher weder finanziert noch genehmigt. Aus dem Kreisverwaltungsreferat ist zu hören, dass sich eine Aussage zur Genehmigungsfähigkeit wegen der nicht absehbaren Entwicklung der Corona-Pandemie und auch wegen der komplexen rechtlichen Situation einer derart umfassenden Nutzung des öffentlichen Raums nicht pauschal und auf die Schnelle treffen ließe. Grundsätzlich seien verkehrliche und andere sicherheitsrechtliche Aspekte zu prüfen und dem Veranstalter Auflagen zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung aufzugeben. Wegen der geplanten Gleichzeitigkeit zur IAA müssten zudem die Wechselwirkungen von größeren Parallelveranstaltungen aufeinander sicherheitsrechtlich geprüft werden. "Wir empfehlen dem Veranstalter, bei ernsthaftem Interesse, frühzeitig mit dem KVR Kontakt aufzunehmen", schreibt KVR-Sprecher Johannes Mayer.

Und dann wäre da noch die Frage der Finanzierung. Im Januar hat die grün-rote Stadtratsmehrheit insgesamt 400 000 Euro für alternative Veranstaltungen zur IAA genehmigt. Die Hälfte davon war zunächst für den geplanten Mobilitätskongress an der alten Messe vorgesehen, dann hat der Stadtrat die Summe verdoppelt, damit auch die bürgerschaftlichen Organisationen eingebunden werden können. Vorgesehen sind unter anderem auch ein verkehrsberuhigter "Superblock" im Gärtnerplatzviertel, ein verkehrsberuhigter Bereich auf der Schwanthalerhöhe namens Westend Kiez und der Boulevard Sonnenstraße. Und jetzt wirbt Isarlust auch noch für den Isar-Boulevard. Benjamin David ist skeptisch, dass 200 000 Euro für mehrere Veranstaltungen reichen würden. Er appelliert deshalb an andere Organisationen, sich seiner Boulevard-Idee anzuschließen. Eine große Aktion, glaubt er, habe mehr Wirkung als mehrere kleine. "Die Münchner Zivilgesellschaft sollte sich zusammentun", sagt er. Ob die sechstägige Aktion wirklich zustande kommt, ist also noch offen.

Eine Verkehrsberuhigung am Westufer der Isar ist überdies - wenn auch nicht in diesem Ausmaß - bereits seit 2019 beschlossene Sache. Die SPD, damals eigentlich noch Kooperationspartner der CSU, sicherte sich zusammen mit den Grünen eine Mehrheit für weniger Autospuren und mehr Platz für Radler - gegen die Stimmen von CSU, Bayernpartei, FDP und Freien Wählern. Dass sich dadurch kein Verkehr in die Wohngebiete verlagert und zum Beispiel die Trambahnen in der Thierschstraße im Autostau stecken bleiben, darum solle sich die Verwaltung kümmern, sah der Beschluss vor.

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Quelle:
SZ vom 08.03.2021
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