Süddeutsche Zeitung

Interimsquartier für den Gasteig:"Ich habe wirklich das Gefühl, das wird Kult"

Wo in Sendling der Mittlere Ring und die Isar rauschen, tut sich mächtig etwas. Bis 2021 entsteht dort ein Interimsquartier für den Gasteig, der saniert werden muss. Es soll ein Ort werden, "den es so nicht in München gibt".

Der Kran überragt alles: die Halle E, die ein Gerüst wie ein Mieder trägt, die große Baugrube, auf der bald die Philharmonie erwächst. Gerade rechtzeitig ist die riesige Maschine angekommen, Bauleiter Andreas Schmidt steht mit weißem Helm und gelber Schutzweste inmitten riesiger Schutthügel und sagt in sein Handy: "Er ist da." Der Kran ist ein in den Herbsthimmel ragendes Symbol für die Zukunft, denn am Montag geht es endlich los. In Sendling entsteht der neue Gasteig.

Im Frühjahr haben die Vorbereitungen begonnen, einige alte Gebäude auf dem Gelände der Stadtwerke wurden abgerissen, seit einigen Tagen bohrt ein großer Bagger im Untergrund, wo das Fundament für die Philharmonie gelegt wird. Riesige Bohrkerne liegen wie Weißwurststücke auf Haufen neben der Burg, wie der Containerstapel mit den Besprechungsräumen und den Lagern für Bauhelme und Sicherheitsschuhe heißt. Max Wagner steht inmitten der Schutthalden ohne Helm und schwärmt davon, was direkt an der Brudermühlstraße entsteht. "Ich habe wirklich das Gefühl, das wird Kult", sagt der Geschäftsführer der Gasteig München GmbH.

Hier in Sendling, wo der Mittlere Ring und die Isar gleichermaßen rauschen, will er einen Ort schaffen, "den es so nicht in München gibt". Aus einem in die Jahre gekommenen Industrieareal der Stadtwerke soll bald Hochkultur und Kunst für alle Münchner entstehen. Konzertbesucher werden von 2021 an über ein Fabrikgelände schlendern, es wird ein Restaurant und ein Café geben, das Foyer des Sendlinger Gasteig wird die riesige ehemalige Trafohalle E, in der auch die Münchner Stadtbibliothek zumindest in Teilen unterkommen wird. Die Halle, Baujahr 1920, ist denkmalgeschützt, behutsam soll sie nun saniert und umgebaut werden, der Charme des Industriebaus soll bleiben.

Von allen Seiten scheint Tageslicht in die Halle, hinten an der Front zur Schäftlarnstraße, sind meterhohe Fenster durch das Gerüstgeflecht zu erkennen, auch das Dach in etwa 30 Metern Höhe hat eine große Fensterdecke. Max Wagner steht nun im dritten Stock der Halle, es riecht nach altem Holz. Der Geruch kommt von den gerade freigelegten Dachbalken, die nun Stück für Stück erneuert werden, wie Bauleiter Schmidt erzählt. Die behutsame Sanierung wird bis zum kommenden Jahr dauern, schließlich steht der Winter vor der Tür. Doch Schmidt ist anzumerken, dass er froh ist, dass es nun wirklich losgeht. "Wir erneuern auch die alten Ziegel, aber mit Ziegeln der gleichen Art." Der Gasteig in Sendling, das Interimsquartier für Deutschlands größte Kulturstätte wird auch wie das Original am Rosenheimer Berg zumindest in Teilen Backsteinarchitektur sein.

In der Halle E bleibt sogar der alte tonnenschwere gelbe Lastenkran erhalten, auch Inschriften, die von der Zeit zeugen, als hier noch schwere Maschinen im Einsatz waren. Ansonsten braucht es noch ein wenig Fantasie oder man muss sich eine der eindrucksvollen Visualisierungen der Architekten von Gerkan, Mark und Partner (gmp International) betrachten, um einen Eindruck vom künftigen Kulturzentrum in Sendling zu erhalten.

Wo derzeit noch Pfützen in der Baustellenlandschaft liegen, wird bald der große Philharmonie-Bau emporgezogen. Noch ist nicht einmal endgültig entschieden, welche Farbe er haben wird, direkt neben der Halle E wird der wohl dunkel gehaltene Kubus in Holzmodulbauweise errichtet. Ein schmaler Spalt, eine Fuge, wird der Übergang vom Foyer sein. Treppen, die Wagner an die Aufgänge in der Alten Pinakothek erinnern, sollen wie Himmelsleitern die Trafohalle mit dem Konzerthaus verbinden. Vor der Halle wird ein Platz zum Großen Stadtbach entstehen, der für Konzerte unter freiem Himmel genutzt werden kann. Wagner ist sich sicher, dass die Münchner nur überzeugt werden müssen von der neuen Spielstätte. "Dann wird es ein Selbstläufer."

Das 90-Millionen-Projekt - so viel ist bislang für Planung, Bau und Miete veranschlagt - ist für den Gasteig-Chef ein Glücksfall. "Wir haben 36 Standorte geprüft", sagt Wagner. Doch keiner lag so zentral wie das Stadtwerke-Gelände. "Wir hatten ja eigentlich nur nach einer Halle für die Philharmonie gesucht", sagt Wagner. Doch Stadtwerke-Chef Florian Bieberbach sagte Wagner, dass er nicht nur eine Halle zur Verfügung habe, sondern der Gasteig könne das ganze Grundstück dazu haben.

Als Mieter, der gleichzeitig den Bau des Interims-Gasteig organisiert, sei das eine "Win-win-Situation", so Wagner. Der Kulturmanager muss zwar deshalb derzeit drei anspruchsvolle Jobs leisten. Neben seiner eigentlichen Arbeit als Gasteig-Chef hat er den Umzug und die Baustelle zu managen.

Doch er hat sich schon so sehr mit dem neuen Quartier angefreundet, dass er sich vorstellen kann, dass nach der Sanierung des Gasteig in Haidhausen in Sendling weiterhin Kultur stattfindet. Und Kritikern, die glauben, dass der Standort an der Isar zu weit von der Innenstadt liegt, kann er versprechen: Die Verkehrsanbindung wird hervorragend. Die U-Bahn-Haltestelle Brudermühlstraße soll einen doppelt so dichten Takt bekommen; es wird auf dem Gelände des Großmarkts ausreichend Parkplätze mitsamt Shuttle-Bussen für die Gasteig-Gäste geben. Und direkt vor der Halle E werden Express-Busse halten. Der Name der Haltestelle steht schon fest: Gasteig Sendling.

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SZ vom 05.10.2019/syn
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