Süddeutsche Zeitung

Nachhaltige Ernährung:Was Fleisch wirklich kostet

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Berücksichtigt man alle Kosten und deren Folgen für Klima, Umwelt und Gesellschaft, ist Billigfleisch nicht mehr günstig. Der wahre Preis von Lebensmitteln steht häufig nicht auf dem Preisetikett.

Von Katrin Kurz

Was wäre, wenn ein Bio-Hendl plötzlich günstiger ist als eines aus Massentierhaltung? Gar nicht so unrealistisch, zeigt eine Studie der Uni Augsburg, die der Münchner Festivalveranstalter Tollwood im Jahr 2018 in Auftrag gegeben hat. Mit der Frage "Was kosten Lebensmittel wirklich?" sollten versteckte Kosten entlarvt werden, die bis heute nicht auf dem Preisetikett im Supermarkt abgebildet werden. Gemeint sind Kosten, die bei der Herstellung von Nahrungsmitteln entstehen und belastende Folgen für Klima, Umwelt und Gesellschaft bedeuten, etwa die Emission von Treibhausgasen, die energieintensive Aufzucht von Nutztieren oder der Einsatz von Stickstoffdünger und Pestiziden. Würde man diese Kosten in den Verkaufspreis einrechnen, wäre ein konventionelles Masthuhn dreimal so teuer (plus 196 Prozent). Vergleichsweise niedriger seien die Aufschläge bei biologisch produzierten Lebensmitteln und hier besonders bei pflanzlichen Erzeugnissen (plus sechs Prozent).

Muss also der Ladenpreis an diesen wahren, teureren Preis angeglichen werden? Tollwood-Projektleiterin Daniela Schmid sucht eher nach einer politischen Lösung: "Erfolgt der Preisaufschlag beispielsweise in Form einer Umweltsteuer, könnten diese Gelder gezielt für Maßnahmen eingesetzt werden, die nachhaltige Anbau- und Zuchtmethoden fördern." Gleichzeitig bedarf es einer ganzheitlichen Ernährungsbildung, Kinder könne man bereits im Vorschulalter für den wahren Wert eines Lebensmittels sensibilisieren.

Glaubt man manch einer Befragung, ist diese Aufklärungsarbeit schon längst bei den Verbrauchern angekommen. Die Andechser Molkerei ermittelte vor sechs Jahren, dass sich die Hälfte der 1028 befragten Münchnerinnen und Münchner ausschließlich oder regelmäßig von Bio-Produkten ernähren und dafür bis zu 18 Prozent mehr Geld ausgeben würde. Dem gegenüber steht ein Bio-Anteil von 6,4 Prozent am gesamten Lebensmittelmarkt in Deutschland, wie der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) für 2020 ermittelte. "Es gibt nach wie vor eine große Inkonsistenz zwischen dem Wollen und dem Tun", sagt Joyce Moewius vom BÖLW.

Genauer erfasste das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten das Kauf- und Verzehrverhalten: Mit einem Scanner dokumentierten 8000 Haushalte in Bayern ihre Einkäufe, zusätzlich protokollierten sie ihren täglichen Verzehr. Während des Befragungszeitraums (2019 bis 2020) wurden erste Corona-Effekte erfasst: Bei fast der Hälfte der Befragten (44 Prozent) zeigte sich ein verändertes Einkaufs-, Ernährungs- und Kochverhalten, im Münchner Großstadt-Umfeld wurden frische Lebensmittel, Bio-Qualität und Regionalität favorisiert, der Trend zu vegetarischen und veganen Produkten nahm zu. Der BÖLW bestätigt diese Entwicklung, der Umsatz bei frischer Bio-Ware stieg 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent.

Wird dieser Trend bleiben? "Unsere Gäste pflegen inzwischen einen bewussteren Umgang mit Essen, die wollen keinen Mainstream mehr", sagt Nockherberg-Wirt Christian Schottenhamel. Für Qualität seien die Kunden bereit, Geld auszugeben. Zudem sei der Wunsch nach fleischlosen Alternativen in der bayerischen Wirtshauskultur angekommen, das vegetarische Brotzeitbrettl oder ein Tofu-Cordon Bleu werden häufiger bestellt. Steckt zusätzlich eine Geschichte hinter einem Produkt, bezahle man gern mehr dafür: wie zum Beispiel das Handwerk einer Heulimonade aus der Region oder ein bayrisch angehauchtes Cowboy-Steak aus dem Josper-Holzgrillofen. "Sowas macht auch keiner selber zu Hause."

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SZ vom 08.06.2021/syn
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