Süddeutsche Zeitung

Artenschutz:"Ich wollte mehr tun, als ich es als Individuum kann"

Lesezeit: 5 min

Lennart Laabs möchte mit NFTs Bienen retten. Mit Blockchain hat er eine umstrittene Technologie gewählt, der Verkauf läuft langsamer an als gedacht - doch aufgeben ist für ihn keine Option.

Von Lisa Miethke

Lennart Laabs erinnert sich noch gut an den Schrebergarten seiner Großeltern. War er bei ihnen zu Besuch an der Ostsee, erntete er Kartoffeln und Erdbeeren. Von den Büschen pflückte er frische Johannisbeeren. Und wenn die Sonnenblumen blühten und die Bienen und Hummeln um ihn summten und brummten, fühlte er sich besonders wohl. Damals war er noch ein Kind. Heute studiert Lennart Betriebswirtschaftslehre, er wohnt bei seinen Eltern am Starnberger See und er möchte mit einem NFT-Projekt die Bienen retten.

"NFBeehive" nennt sich das Projekt, eine Kollektion aus 20 000 unterschiedlichen digitalen Bienen. Die Bienen sind NFTs, also Non-Fungible Tokens. Dank Blockchain-Technologie garantieren diese die Echtheit von digitalen Werken, etwa Kunstwerken, Musikstücken oder Videos. Dreißig Prozent der Verkaufserlöse will Lennart an gemeinnützige Organisationen spenden.

Was will er damit erreichen? "Bienen sind unglaublich wichtig für uns, ohne sie können wir nicht richtig überleben. Ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, damit Leute das wirklich verstehen", sagt Lennart.

Es könnte eine Geschichte unter vielen sein. Eine Geschichte über einen jungen Mann, der BWL studiert, eine mehr oder wenige gute Idee hat, ihr einen sozial-ökologischen Anschein verpasst und hofft, dass sich das so besser verkaufen lässt. Immerhin, es geht hier um Bienen, die gerettet werden wollen - das zieht. Und es geht hier um einen Hype auf dem Kunstmarkt - und um eine Technologie, die wenige kennen und noch weniger verstehen.

Aber so eine Geschichte ist das nicht, oder zumindest nur teilweise - denn Lennart Laabs will mehr als das.

"Mir ist es wichtig, eine Bewegung zu kreieren. Es geht um ein Ticket für die Zukunft, um eine Vision, die du teilst."

Ein Gespräch in Tutzing am Starnberger See an einem frostigen Samstagvormittag. Lennart - blonde, leicht zurückgegelte Haare, hellgrauer Strickpullover, schwarze Trainingshose - sitzt auf einer grauen Coach in seinem Elternhaus. Es ist ein modernes, großzügiges Haus. Durch die bodenlangen Glasfenster fließt helles Licht, hinter ihnen ist der See zu sehen. Wenn Lennart redet, beugt er sich leicht nach vorne, die Arme stützt er selbstsicher auf seinen Knien ab, mit den Händen gestikuliert er sanft. Meist trägt er ein Lächeln auf den Lippen, das sich nur selten verflüchtigt. "Mir ist es wichtig, eine Bewegung zu kreieren. Es geht um ein Ticket für die Zukunft, um eine Vision, die du teilst", sagt Lennart. Diese Vision bedeutet: Er möchte Menschen miteinander vereinen, die sowohl an die Umwelt glauben als auch an die Zukunft der Kryptowelt. An Umweltschutz und Digitalkunst. An Bienen und NFTs. So wie er selbst. Zwei bisher unterschiedliche Welten plant er in seinem Projekt zu einer gemeinsamen verschmelzen. Besonders bei jungen Menschen versucht er damit einen Nerv zu treffen.

Wer eine von Lennart Laabs' Bienen besitzt, hält ein Unikat in der Hand

Der 21-Jährige spricht mit Hingabe über sein Projekt. Eine Biene seiner Kollektion ist ein "kleines Kunstwerk", nicht einzeln gezeichnet, sondern generiert über den Computer: Teils tragen die Bienen einen Verkehrsleitkegel als Hut oder eine Skibrille auf den Augen, einige haben einen Auspuff statt eines Stachels, andere besitzen anstelle von Flügeln einen Propeller - jedes der Tiere setzt sich aus mehr als 150 verschiedenen Merkmalen zusammen. "Ich finde das Artwork cool, es ist eine neue und besonders witzige Art, Bienen zu zeichnen", sagt Lennart.

Wer eine von Lennarts Bienen besitzt, hält ein Unikat in der Hand - und bezahlt dafür etwas mehr als 100 Matic, eine Kryptowährung, umgerechnet 170 Euro. Ein fairer Preis in Lennarts Augen. Schließlich bekommt man dafür nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Ticket für eine dauerhafte Mitgliedschaft: Ein Besitzer einer digitalen Biene kann Honiggläser gewinnen, ganze Bienenhäuser, Rucksäcke oder sogar Bienenzertifikate für die Adoption einer einzelnen Biene. Das Ziel? Langfristiger, wenn auch indirekter Tierschutz: "Die Produkte stammen alle von Organisationen, die sich ausschließlich mit der Rettung der Bienen beschäftigen", sagt Lennart. Wer bei ihm investiert, tut Gutes. Sagt Lennart zumindest.

"Wenn man ein Thema anspricht, gerade mit Bienen, die viele Menschen interessieren, und man eine Community hinter sich bekommt, dann ist das ein geniales Marketing-Tool", sagt Sven Wagenknecht. Er ist Chefredakteur von BTC-ECHO, einem Online-Magazin zum Themenkreis Blockchain und Kryptowährungen.

Aber mit seinem Projekt will Lennart auch ein persönliches Zeichen setzen: "Du kannst der Welt bei dem aktuellen Stand auch noch weiter schaden. Oder du entscheidest dich als junger Mensch dazu, wirklichen Einfluss zu haben", sagt Lennart. So wie er. Klar, jeder Einzelne könne öfters Fahrrad fahren oder auf Fleisch verzichten. "Ich wollte mehr tun, als ich es als Individuum kann", sagt er, "das war für mich schon immer ein schöner Gedanke."

Der Student bemüht sich darum, den ökologischen Fußabdruck seiner NFTs möglichst gering zu halten

Dass NFTs eigentlich ein wahrer Klimakiller sind und dem Motto seines Projekts eher widersprechen, ist Lennart dann doch bewusst. Im Schnitt verbraucht die Transaktion eines NFTs etwa 83 Kilowattstunden an Strom - das entspricht etwa dem Stromverbauch von acht Haushalten an einem Tag. Aber der Student bemüht sich darum, den ökologischen Fußabdruck seiner NFTs möglichst gering zu halten. Statt auf die gängige Kryptowährung Ether setzt Lennart auf Polygon (Matic). Angeblich produziere diese weniger CO2, doch wirklich überprüfen lässt sich das nur schwer.

Lennart steckt viel Mühe in sein Projekt. Nach eigenen Angaben zwölf Stunden pro Tag, mindestens. Seit Anfang September. Immerzu vor dem Laptop. Oder, wenn er diskutieren muss, am Telefon. Dann laufe der Student "wie eine Hummel" durch das ganze Haus. Hin und her. Ins oberste Stockwerk. Dann wieder ganz hinunter. Täglich warten Meetings, er muss Marketingstrategien entwickeln, den Kontakt aufbauen zu Firmen, gemeinnützigen Organisationen und Investoren, die sein Projekt unterstützen, eigentlich sollte er laufend die Website aktualisieren. "Mein Herz und Blut steckt in diesem Projekt", sagt Lennart. "Ich will mir selbst beweisen, dass ich nicht aufgebe auf der halben Strecke, wenn es schwierig wird." Innere Stärke zeigen, das musste der 21-Jährige bislang selten. Sein Leben verlief glatt, vielleicht sogar zu glatt, aber wer weiß das schon?

Im Februar dieses Jahres entdeckte Lennart sein Faible für Kryptowährungen. Und daraus erwuchs das dringende Bedürfnis, ein eigenes NFT-Projekt zu starten. Etwas, das Selbstständigkeit mit sich bringt und auf keinen Fall Monotonie. Heute unterstützen Lennart vier seiner Freunde bei "NFBeehive", denn: "Du kannst nicht genug machen. Du kannst immer nur noch mehr machen", sagt Lennart.

Zu seinem Geburtstag bekam Lennart Laabs einen Bienenstock

Es bleibt nur die Frage: Lohnt sich das? Gerade einmal 74 Mitglieder hat Lennarts NFT-Community derzeit. Um seine Kollektion zu verkaufen, braucht Lennart aber 3000 bis 4000 Mitglieder. "Ich dachte, dass es leichter ist, Leute auf so ein Projekt aufmerksam zu machen. Da habe ich mich sehr getäuscht", räumt Lennart ein. Dennoch ist er einer, den nichts so leicht von seinem Optimismus abbringt. "Ich glaube, dass wir etwas unglaublich Gutes erschaffen haben, was es in dieser Art und Weise noch nicht gibt", sagt Lennart. Und: "Ich habe das Gefühl, jeder sucht nach Identität und nach seiner Aufgabe, gerade in der Jugend. Viele fangen dann irgendwas an und merken, es ist nicht das Richtige. Ich für meinen Teil habe meine Bestimmung gefunden."

Er wird also weitermachen. Wird Lennart Laabs erfolgreich sein mit seinem Projekt? Dafür gibt es keine Garantie. Vor ein paar Tagen hatte Lennart Geburtstag. Die Eltern seines besten Freundes schenkten ihm einen Bienenstock. Worauf er sich nun freut? Im kommenden Frühjahr seine eigenen Bienen zu züchten.

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