Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest:Ab in die Schlumpfkiste

  • Etwa eine halbe Million Euro hat Aicher Ambulanz Union investiert, um die Sanitätswache auf dem Oktoberfest in einen betriebsfertigen Zustand zu versetzen.
  • Neu sind in diesem Jahr unter anderem auch ein eigenes Behandlungszimmer für Kinder, eine eigene Notruf- und Einsatzzentrale sowie Fahrtragen.
  • Die wegen ihres gelben Sichtschutzes "Banane" genannten Rolltragen gibt es aber nicht mehr, sie sind jetzt blau.

Auf die Frage, ob er dieses Jahr nicht draufzahlt bei der Wiesn, verzieht Peter Aicher leicht das Gesicht: "Ein bissl scho!" Etwa eine halbe Million Euro hat seine Firma investiert, um die Sanitätswache auf dem Oktoberfest in einen betriebsfertigen Zustand zu versetzen, und allein eine neue Fahrtrage kostet ja schon um die 15 000 Euro. Aber die Investition sei es ihm wert, sagt Aicher: "Die medizinische Versorgung auf dem größten Volksfest der Welt zu sichern, das ist so etwas wie ein Ritterschlag." Und außerdem hat es den angenehmen Nebeneffekt, dass man neues Personal rekrutieren kann. Daran mangelt es im Rettungswesen und in der Krankenfürsorge wie in vielen anderen sozialen Berufen. "Nach unserem Aufruf vor einigen Monaten haben sich mehr als 600 Interessenten aus ganz Deutschland, aus Österreich, Italien und der Schweiz gemeldet", berichtet Peter Aicher.

Die Firma Aicher Ambulanz Union hatte Anfang des Jahres bei der Ausschreibung für die Sanitätswache über den Zeitraum von vier Jahren den Zuschlag erhalten. Das kam einer kleinen Sensation gleich, da die Station seit 133 Jahren vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) betreut worden war und da das BRK auch sämtliche Ausschreibungen für sich entschieden hatte, seit das Europarecht dieses Verfahren vorschreibt. Aicher gab sich daraufhin große Mühe, die Wogen zu glätten und die Türen für Ehrenamtliche aus gemeinnützigen Hilfsorganisationen offen zu halten. Die sind schließlich dringend notwendig, um die medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Aus den gut 600 Bewerbern hat man inzwischen gut 300 neue Helfer rekrutiert, die zusätzlich zu eigenem Personal auf der Wiesn eingesetzt werden. "Nun werden täglich mehr als 100 Kollegen im Sanitätsdienst vor Ort sein", sagt Aicher-Sprecherin Ulrike Krivec, "diese Helferzahl liegt über der Vorgabe der Landeshauptstadt München." Insgesamt kalkuliert Aicher mit einem täglichen Personalüberhang von bis zu 15 Prozent, um spontane Ausfälle durch Krankheit oder andere Umstände aufzufangen. Jeden Tag werden bis zu zehn Ärzte in der Sanitätswache arbeiten.

Wespenstich, Herzinfarkt, Alkoholvergiftung: Jedes Jahr haben die Mediziner bis zu 7000 Patienten zu versorgen. Sie tun das in der Zentrale am Behördenhof unterhalb der Bavaria sowie in drei Containern, die auf dem Wiesngelände verteilt sind. Zwölf mobile Teams, die jeweils fünf Einsatzkräfte umfassen, sind auf dem Oktoberfest mit Fahrtragen unterwegs, wenn es pressiert. Die wegen ihres gelben Sichtschutzes "Banane" genannten Rolltragen gibt es aber nicht mehr, sie sind jetzt blau - nicht, weil das oft auch ihr Inhalt ist, sondern weil es sich um die Firmenfarbe von Aicher handelt. Peter Aicher spricht deshalb von "Aubergine", obwohl das Gemüse ja eher lila ist. "Wir haben aber auch schon ,Schlumpfkiste' gehört", sagt ein Aicher-Mitarbeiter.

Neu sind in diesem Jahr unter anderem auch ein eigenes Behandlungszimmer für Kinder, eine eigene Notruf- und Einsatzzentrale sowie Fahrtragen, die gleichzeitig als Betten dienen, weshalb den Patienten einmal Umbetten erspart wird. "Eine Wohlfühlatmosphäre ist uns wichtig", sagt Aicher. Und die Zusatzkosten will er schon wieder reinbringen: "Wir rechnen ja damit, dass wir das länger als vier Jahre machen."

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SZ vom 14.09.2018/huy
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