Süddeutsche Zeitung

Unterhaching:Mit Herz und Hirn gegen Populismus

Jamila Schäfer ist 25 und Mitglied im Bundesvorstand der Grünen. In Unterhaching begeistert sie ihre Parteifreunde mit ihren Ideen für Europa

Was sie denn gerne zu trinken hätte? "Ach, wenn ihr Radler habt, würde ich eins nehmen", sagt Jamila Schäfer und lächelt. Aber alkoholische Getränke gibt es nicht bei der monatlichen Kreisversammlung der Grünen. Und so bekommt die 25-Jährige eine Apfelschorle an ihren Sitzplatz gebracht, bevor sie ihre Rede im Unterhachinger Rathaus hält.

Vor gut einem Jahr wählten die Grünen Schäfer in den Bundesvorstand der Partei und seitdem ist die junge Frau mit den braunen Locken immer häufiger in den deutschlandweiten Medien zu sehen. Zu der Versammlung in Unterhaching ist die gebürtige Münchnerin aus Berlin gekommen, wo sie größtenteils arbeitet. "Mein Schwerpunkt liegt auf dem europäischen und internationalen Rahmen. Darüber möchte ich heute mit euch reden und diskutieren", sagt die Politikerin in die Runde und holt einige eng beschriebene Zettel hervor. Fragen haben die Grünen aus dem Landkreis einige. Normalerweise treffen sie sich einmal im Monat im Eine-Welt-Haus in der Ludwigsvorstadt, allerdings dürfen drei Monate vor Wahlen keine parteilichen Veranstaltungen in dem Kulturzentrum stattfinden, und so wurde die Veranstaltung ausgelagert.

"Als ich heute hier hergeradelt bin, war der Weg gesäumt mit blauen Plakaten, von denen so viel Verdruss über Europa ausgeht. Was können wir gegen dieses Gefühl machen?", fragt ein älterer Mann. Schäfer nickt nachdenklich: "Ich denke, viele Menschen haben das Gefühl, Europa hätte nichts mit ihnen persönlich zu tun, weil die getroffenen Entscheidungen für sie nicht transparent sind." Was man dagegen tun könne? "Ich fände eine unkommerzielle Plattform wichtig, auf der Nachrichten zur europäischen Politik ausgetauscht und eigene Petitionen gestartet werden können", sagt die ehemalige Sprecherin der Grünen Jugend. "Damit alle EU-Bürger einfacher wissen, wann welche Themen beschlossen werden." Diese Idee sei übrigens bereits in einem Zwischenpapier festgehalten worden und werde innerhalb der Partei diskutiert, so Schäfer.

Das Thema trifft einen Nerv, am anderen Tischende meldet sich ein weiteres Parteimitglied: "Mithilfe dieser Plattform würden wir wieder mit Logik und Fakten arbeiten, die Nationalisten allerdings arbeiten ausschließlich mit Emotionen. Sind wir damit laut deiner Meinung auf dem richtigen Weg? Könnten wir nicht vielleicht auch mehr mit Emotionen erreichen?" Schäfer überlegt kurz, bevor sie antwortet: "Ich verstehe voll und ganz, was du meinst, und denke auch, unsere Politik sollte an die Unzufriedenheit der Menschen anknüpfen. Allerdings würden wir ihren Frust nicht wie die Nationalisten bestätigen, sondern Lösungsvorschläge vorbringen. Denn das unterscheidet für mich populistische von emotionaler Politik."

Die Grünen klatschen und klopfen auf die Tische, sie sind sichtlich stolz auf ihr neues Gesicht in der Bundespolitik. Auch nach knapp zwei Stunden ebben die Fragen aus dem Publikum nicht ab: Wie sieht es mit der EU-weiten Agrarpolitik aus? Wie hoch ist die erwartete Wahlbeteiligung? Entscheiden die Abgeordneten aus Großbritannien bis Oktober im zukünftigen Parlament mit?

Bei der kommenden Europawahl hoffen die deutschen Grünen auf mindestens 18 Sitze. Wie wichtig diese Wahl für die Zukunft Europas sei, betont Schäfer an diesem Abend nicht nur einmal: "Laut dem aktuellen Bericht des Weltklimarats haben wir noch zehn Jahre Zeit, um die extremsten Kipppunkte unserer Ökosysteme zu verhindern. Fünf Jahre von dieser Zeit wird das neu gewählte Europaparlament Entscheidungen treffen. Diese Wahl ist also eine Klimawahl", sagt sie. Auf die Frage eines Zuhörers, was ihr in ihrem Job die meiste Motivation gibt, antwortet sie: "Mithilfe der Europäische Union liegen wir uns nicht mehr in Schützengräben gegenüber, sie ist ein großes Friedensprojekt. Das begeistert mich jeden Tag."

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Quelle:
SZ vom 13.05.2019
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