Süddeutsche Zeitung

Im Gespräch: Wolfgang Heubisch:"Haben über unsere Verhältnisse gelebt"

Bayerns Kunstminister Heubisch über Personalien, die Sanierung des Gärtnerplatztheaters - und wieso er trotz Sparens an einen neuen Konzertsaal glaubt.

C. Mayer und E. Tholl

SZ: Herr Heubisch, werden Sie nicht wütend, wenn Sie an die Landesbank denken und die Milliardenverluste, für die ja letztlich das Finanzministerium zuständig ist? Immerhin werden Sie jetzt vom Finanzminister zum Sparen verdonnert.

Wolfgang Heubisch: Wer für die Milliardenverluste zuständig ist, werden andere zu untersuchen haben. Es ist ja nicht so, dass nur die Landesbank der Grund ist, dass wir jetzt sparen müssen. Wir haben auch über unsere Verhältnisse gelebt. Ich bin Realist. Aber wenn es notwendig ist, finde ich auch deutliche Worte und kämpfe für die Belange von Kunst und Wissenschaft.

SZ: Was bedeutet denn der Sparkurs für die Finanzierung staatlicher Kunst- und Kultureinrichtungen? Das Thema Marstall und Münchner Konzertsaal dürfte ja damit erst einmal gestorben sein.

Heubisch: Das kann man so nicht sagen. Hier sind natürlich in erster Linie die Stadt und der Bayerische Rundfunk gefragt. Ich teile aber die Auffassung, dass München mittel- bis langfristig einen Konzertsaal braucht. Außerdem sind die privaten Unterstützer für einen solchen Saal ja keineswegs abgesprungen - die Förderer sind ja nach wie vor bereit, Geld zu geben, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Es kommt noch ein Drittes hinzu: Der BR bekommt mit Ulrich Wilhelm einen neuen Intendanten, und der wird sich ab 1. Februar 2011 äußern - sicher auch über eine mögliche Zusammenarbeit des BR-Symphonieorchesters mit den Münchner Philharmonikern, was einen gemeinsamen Konzertsaal betrifft. Ich bin überzeugt: Das kriegt man hin, wenn es genügend Leute wollen und das private finanzielle Engagement vorhanden ist - der Freistaat, die Stadt München und auch der BR wären dann zum Handeln verpflichtet.

SZ: Es gibt ja schon einen Saal, der allerdings nicht sehr beliebt ist. Was empfindet der Kunstminister, wenn er im Gasteig ein Konzert hört?

Heubisch: Ein gewisses Bedauern. Früher sind die Spitzenorchester häufiger im Gasteig aufgetreten als in den vergangenen zehn Jahren. Mir tut es in der Seele weh, dass man diesen Platz dort oben architektonisch verschenkt hat. Aber es hilft ja nichts, und vielleicht werden in Zukunft auch Entscheidungen, die wir heute treffen, sehr kritisch gewürdigt. Ich glaube, dass man den Gasteig auch durch einen Umbau nicht zu einem Spitzensaal machen kann. Die akustische Qualität hängt dort immer vom Sitzplatz ab, und dass die Musiker Probleme haben, sich selbst zu hören, ist ja leider bekannt. Meine Meinung steht daher fest: München braucht einen erstklassigen Musiksaal.

SZ: 2011 eröffnen das neue Ägyptische Museum und die Hochschule für Fernsehen und Film in der Gabelsbergerstraße. Die Öffentlichkeit nimmt das nicht immer so wahr, was sich hier tut. Müssten Sie nicht mehr Werbung machen für das neue Münchner Museumsquartier?

Heubisch: Unbedingt! Ich halte die Weiterentwicklung des Museumsareals in der Maxvorstadt für essentiell. München steht hier in einem Wettbewerb der großen Kulturstädte, auch in direkter Konkurrenz zu Berlin und seiner Museumsinsel. Die Pinakotheken an sich haben zwar einen eigenen Namen, aber das ist ja nur ein Teil des überragenden Ganzen. München muss sich hier international besser verkaufen. Es ist völlig egal, ob die Einrichtungen städtisch oder staatlich sind, das Lenbachhaus gehört für mich selbstverständlich dazu.

SZ: Das überrascht uns: Bisher gab es vor allem einen Nicht-Dialog, zuweilen auch Eifersüchteleien zwischen den Häusern - und nicht mal gemeinsame Werbung.

Heubisch: In dieser Hinsicht hat sich zum Glück einiges getan, auch zwischen der Stadt und meinem Ministerium. Wir haben jetzt eine gemeinsame Arbeitsgruppe, die sich um die Weiterentwicklung des Museumsareals kümmert, auch der Landtag ist beteiligt. Es geht auch um ein passendes Verkehrskonzept. Die Gabelsberger Straße als eine Art Autobahn in der Stadt kann man da nicht brauchen, da muss - aus meiner Sicht - Beruhigung rein. In diesem Kontext haben wir eine Chance, schließlich kommt auch bald noch das NS-Dokumentationszentrum hinzu. Wichtig ist, dass wir es schaffen, dieses neue Quartier dann auch bekannt zu machen - etwa mit einem gemeinsamen Internet-Auftritt und einer intelligenten Beschilderung.

SZ: Eine andere Baustelle für Ihr Ministerium ist das Haus der Kunst. Wie wollen Sie denn den höchst erfolgreichen Direktor Chris Dercon ersetzen?

Heubisch: Indem wir Mut zum Risiko zeigen. Wer kannte schon Chris Dercon, als er 2003 nach München kam? Am Anfang war die Skepsis groß - und dann hat er uns positiv überrascht, indem er unseren Blick erweitert hat. Paul McCarthy oder auch Ai Weiwei, das waren beeindruckende, grandiose Ausstellungen. Ich bin selbst seit langen Zeiten Mitglied bei den Freunden des Hauses der Kunst, die Entwicklung von Christoph Vitali zu Dercon habe ich intensiv verfolgt. Wir müssen jetzt sehen, wer die Präsenz und die Durchsetzungsfähigkeit hat, zeitgenössische Kunst nach München zu holen und den weiteren Umbau voranzutreiben.

SZ: Schicken Sie Headhunter los oder besuchen Sie die großen europäischen Museen, um einen neuen Direktor zu finden?

Heubisch: Nein, so würde das auch nicht funktionieren. Dieser Markt ist ständig in Bewegung, und in der Szene kursieren auch Namen von Leuten, die für so einen Job zur Verfügung stehen. Eine Ausschreibung ist daher nicht notwendig. Wenn heute ein Chris Dercon seinen Wechsel an die Tate Modern nach London ankündigt, haben wir übermorgen Bewerbungen vorliegen - auch von international interessanten Leuten, die genau wissen, welche Freiheiten und Möglichkeiten sie am Haus der Kunst haben.

Emotionen am Nationaltheater

SZ: Im Sommer mussten Sie rasch einen Nachfolger für Generalmusikdirektor Kent Nagano finden, der nach internen Querelen die Staatsoper 2013 verlassen wird. Das hat zu Getöse bei Publikum und Kritikern geführt. Hat sich Ihr Ministerium in diesem Fall korrekt verhalten?

Heubisch: Wir konnten gar nicht anders handeln. Wenn ein so wichtiger Mann wie Kent Nagano München verlassen will, muss rasch ein sehr guter Nachfolger gefunden werden. Ja, es hat Kritik gegeben an unserer Personalpolitik. Andererseits ist unsere Entscheidung, den jungen Dirigenten Kirill Petrenko an die Staatsoper zu holen, auch auf sehr viel Zuspruch gestoßen.

SZ: Nagano gegen den eigenen Intendanten Nikolaus Bachler - hätte man diesen Showdown nicht verhindern können?

Heubisch: In München schlagen die Emotionen eben sehr hoch, wenn es ums Nationaltheater geht. Ich finde das wunderbar, es gibt ja nichts Langweiligeres als angepasste, betuliche Oper. Schon unter Sawallisch und Everding gab es heftige Kontroversen, sehr zum Vorteil des Publikums. Bachler und Nagano sind Profis genug, um jetzt bis zum Ende der Spielzeit 2012/2013 gut zusammenzuarbeiten. Die beiden treffen sich regelmäßig. Einige Darstellungen dieser Personalgeschichte waren einfach nur überzogen.

SZ: Gleich nebenan gibt es 2011 einen geradezu historischen Regierungswechsel. Dieter Dorn verabschiedet sich als Intendant des Residenztheaters, dafür kommt Martin Kusej, der gerade mit seiner Rusalka-Inszenierung an der Staatsoper für Aufsehen sorgt. Braucht das Staatsschauspiel einen radikalen Neubeginn?

Heubisch: Man muss erst einmal die Verdienste von Dieter Dorn würdigen. In den siebziger und achtziger Jahren waren die Münchner Kammerspiele unter seiner Leitung ein Theatertempel mit großartigen Schauspielern - einfach grandioses Theater. Aber Theater braucht auch Veränderung. Persönlich habe ich Martin Kusej bisher als sehr ruhigen, gelassenen Menschen erlebt. Ich bin neugierig, deshalb freue ich mich auf ihn. Ich glaube, dass Kusej eine noch größere Außenwirkung erzielen wird, mit neuen, in München weniger bekannten Leuten.

SZ: Auch am Gärtnerplatztheater gibt es einen Personalwechsel mit österreichischer Beteiligung: Josef Ernst Köpplinger soll ab 2012 alles besser machen als sein Vorgänger Ulrich Peters. Falls das Gebäude nicht zusammenbricht.

Heubisch: Moment, wir werden die Generalsanierung und die Umbauten sicher auf die Reihe bringen. Wir rechnen damit, dass das Theater nach einer dreijährigen Schließung 2015 wieder bespielbar ist. Der Ministerrat hat das bereits gebilligt, nun muss der Haushaltsausschuss des Landtags entscheiden. Und selbstverständlich gibt es in unserem Ministerium für solche dringenden Fälle auch Geld, trotz der Sparzwänge. Nach außen wirkt das Haus gar nicht so baufällig, aber im Inneren, bei der Barrierefreiheit und auch beim Brandschutz müssen wir sehr viel tun, um es zukunftsfähig zu machen.

SZ: Wie teuer wird die Sanierung werden?

Heubisch: Wir gehen von 60,9 Millionen Euro reinen Baukosten aus. Hinzu kommen noch baubedingte Folgekosten, etwa für Anmietungen von Ersatzräumen während der Schließzeit von rund zehn Millionen.

SZ: Eine Frage noch an den Chef eines Dreifach-Ministeriums: Ist für Sie die Beschäftigung mit der Kunst nicht viel angenehmer als mit den ernsteren Themengebieten Wissenschaft und Forschung?

Heubisch: Das kann man so überhaupt nicht sagen. Als Münchner Bürger kann ich mich natürlich im Theater, im Museum oder in der Oper auch mal entspannen, rühren oder anregen lassen. Als Minister ist die Kunst manchmal schwieriger als die Wissenschaft und die Forschung, weil sie emotional anders besetzt ist. Karl Valentin hat es auf den Punkt gebracht: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit!

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Quelle:
SZ vom 24.11.2010/isa
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