Süddeutsche Zeitung

Corona-Schnelltests:Geschäft im Graubereich

Die Betreiber von Teststationen werben damit, vom Landratsamt beauftragt zu sein, die Behörde aber sieht sich weitestgehend außen vor - auch bei den Kontrollen. Nachfragen dazu bleiben von einer Anbieterfirma, die ihren Sitz in Grünwald hat, unbeantwortet.

Von Angela Boschert und Martin Mühlfenzl, Haar/Neubiberg

Es herrscht entspannte Stille im Foyer des Haarer Bürgerhauses. Von der Aufregung um den Verdacht auf Abzocke in Testzentren oder nicht fachgerechte Abstriche und Verstöße gegen Hygienevorschriften ist hier nichts zu spüren. Drei der fünf Tische, die alle weit voneinander entfernt stehen, sind besetzt. Am Eingang steht ein Desinfektionsspender, daran ein Zettel: "Schnelltest 15 Minuten". Eine Frau in Schutzanzug, mit Maske und Brille winkt den Besucher herein, zeigt auf einen der nicht besetzten Tische. In wenigen Minuten ist das Anmeldeformular ausgefüllt, der Ausweis kontrolliert. Dann nimmt die Mitarbeiterin mit einem Wattestäbchen den Abstrich vor, tunkt den Tupfer in ein Röhrchen mit Flüssigkeit und gibt diese schließlich in das Testkit. Nach exakt 15 Minuten steht das Ergebnis fest: negativ.

Es ist ein sehr unaufgeregtes Prozedere im Schnelltest-Zentrum, das die Firma Biotech & Capital Consulting GmbH betreibt. Das Unternehmen, dessen Geschäftsführer der Münchner Mediziner Gerald Heigis ist und das in Grünwald seinen Sitz hat, betreibt noch zwei weitere Test-Stationen im Landkreis, in Neubiberg und Garching. Ursprünglich waren es mal vier und 13 weitere in der Stadt. Auf seiner Homepage wirbt der private Dienstleister damit, vom Gesundheitsamt des Landkreises München mit der Durchführung kostenloser Covid-19-Tests beauftragt worden zu sein; Tests gebe es für alle "kostenlos" und "7 Tage die Woche". Aus dem Landratsamt klingt das anders: Der Mediziner habe seine Dienste angeboten, das Gesundheitsamt die entsprechende Genehmigung erteilt - im Behördendeutsch heiße das dann "Beauftragung".

Eine Anfrage der SZ dazu ließ Heigis bis Dienstagnachmittag unbeantwortet. Das gilt auch für die Fragen, wie viele Tests seine Firma abgerechnet hat und wie viele positiv ausgefallen sind und ob es sich bei der Firmenadresse in Grünwald um den tatsächlichen Geschäftssitz handelt oder nur um einen sogenannten Pro-Forma-Sitz. Unbeantwortet blieb damit auch die Frage, welche Verbindungen es zu der Firma Just Living GmbH in Berlin gibt, die mit der gleichen Aufmachung im Internet für ihre Teststellen wirbt.

Heigis ist bei Weitem nicht der einzige private Dienstleister, der im Landkreis München Corona-Tests anbietet. Angaben des Landratsamtes zufolge gibt es aktuell 36 beauftragte private Schnellteststellen. Hinzu kommen kommunale und kreiseigene Zentren wie etwa in Haar oder Unterschleißheim sowie zahlreiche Arztpraxen und Apotheken. Betrugsfälle haben die Behörde bisher keine registriert, heißt es aus dem Landratsamt, vereinzelten Hinweisen werde selbstverständlich nachgegangen.

Wer sogenannte Bürgertests anbieten will, muss zuvor einen Antrag beim bayerischen Gesundheitsministerium stellen, das jeweilige Gesundheitsamt prüft die erforderlichen Dokumente auf Vollständigkeit. "Die Einhaltung aller relevanten Vorschriften und Empfehlungen, auch bezüglich der Hygiene, liegt in der Verantwortung des Betreibers", heißt es offiziell. Auch mit der Abrechnung der Tests hat das Landratsamt nichts zu tun: Diese erfolgt über die Kassenärztliche Vereinigung, wie es aus der Kreisbehörde heißt. Die Kassenärztliche Vereinigung sei auch für die Kontrolle verantwortlich. Von einer Überprüfung der privaten Teststationen durch die Gesundheitsämter, wie sie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) fordert, will man im Landratsamt nichts wissen.

Im gemeindeeigenen Testzentrum in Neubiberg, das von der örtlichen Rettungsdienstschule B&K Emergency betrieben wird, sind sowohl Antigen-Schnelltests als auch PCR-Tests möglich. Dort können sich Interessierte sogar ein Schnelltest-Profil mit dem Smartphone zulegen, das auch künftig eine Registrierung per QR-Code ermöglicht. Das PCR-Testergebnis kann zudem digital in die Corona-Warn-App übermittelt werden. Vollkommen analog hingegen läuft der Test in der zweiten Teststation in Neubiberg, die von der Firma des Münchner Mediziners Heigis verantwortet wird.

Der Ablauf der Tests gleicht jenen in Haar, dennoch fallen die Urteile von Getesteten im Internet teils vernichtend aus. "Unfassbar schlecht organisiert", schreibt ein User. "Räumlichkeiten sind ungeeignet", so der Nutzer weiter über das Gebäude, in dem auch der türkische Kulturverein zusammenkommt. "Wahnsinn, arbeiten die hier überhaupt?" "Unfreundliches Personal." "Schreckliche Wartezeiten, höchstens 10 Personen waren vor uns und wir haben über eine Stunde gewartet." So lauten einige der heftigsten Kommentare im Netz.

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Quelle:
SZ vom 02.06.2021
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