Süddeutsche Zeitung

Corona in Baierbrunn:Eine Hochzeit als Spreader-Event

Nach zahlreichen Infektionen in Baierbrunn fällt durch Äußerungen des Bürgermeisters ein Verdacht auf die örtliche Kirche als Corona-Hotspot. Das Pfarramt und das Ordinariat reagieren verärgert.

Von Udo Watter, Baierbrunn

Auch wenn Aufmerksamkeit als besonders wichtige Währung in der heutigen erregungssüchtigen Zeit gilt - darauf, als Corona-Hotspot im Mittelpunkt zu stehen, könnte die Gemeinde Baierbrunn gern verzichten. Mindestens 20 Neuinfektionen sind in den vergangenen Tagen infolge einer Hochzeitsfeier bekannt geworden, alle innerhalb zweier Großfamilien. Im weiteren Sinne davon betroffen sind mehr als hundert Familien am Ort, zwei Grundschulklassen sind in Quarantäne, zudem sind Kinder aus weiteren Kindertagesstätten betroffen. Der SC Baierbrunn hat den Sportbetrieb gestoppt und im Rathaus wird bis auf Weiteres in zwei Schichten gearbeitet. Am Donnerstag gab es eine erste, große Testaktion, an diesem Samstag soll es weitere Testungen von 9 bis 12 Uhr geben.

Am Corona-Hotspot Baierbrunn ist freilich auch die emotionale Fieberkurve gestiegen, nachdem es verschiedene Gerüchte und Versionen gab, was die Lokalisierung des Infektionsherdes angeht. Bürgermeister Patrick Ott (Überparteiliche Wählergruppe) hatte am Donnerstag seiner Verärgerung darüber Ausdruck verliehen, dass die Hochzeit, deren Austragung von der Gemeindeverwaltung im Sport- und Bürgerzentrum abgelehnt worden war, dann offenbar im örtlichen Pfarrsaal stattgefunden habe. Das trifft nach Angaben des Erzbischöflichen Ordinariats vom Freitag allerdings keineswegs zu. "Es hat keine Hochzeitsfeier im Pfarrsaal gegeben", erklärt auch die Verwaltungsleiterin des Pfarramtes, Claudia Höser.

Wie kam es dann zu der Aussage Otts? Der hatte, nachdem ihm diesbezügliche Gerüchte zu Ohren gekommen waren, beim zuständigen Pfarrer Peter J. Vogelsang schriftlich angefragt, was dran sei an einer geplanten Hochzeit im Pfarrsaal. Der Geistliche antwortete ebenfalls schriftlich, dass für den Pfarrsaal Baierbrunn bis zum 30. September sämtliche Vermietungsanfragen externer Personen, Gruppen und Institutionen abgelehnt worden seien, der Saal aber am 19. September für eine Familienfeier im internen Kreis - Mitarbeiter der Kirchenstiftung - zur Verfügung gestellt worden sei.

Ott, im Bewusstsein, dass Mitglieder einer der betroffenen Familien bei der Pfarrei beschäftigt sind, ging daraufhin von besagter Hochzeit aus. Aus kirchlicher Sicht ein Missverständnis. "Es handelte sich um eine Familienfeier im kleineren Rahmen, und sie liegt schon drei Wochen zurück", erklärt Vogelsang. Die Hochzeit, die inzwischen als Spreader-Event gilt, müsste wegen des aktuellen Infektionsausbruchs aber erst vor kürzerem stattgefunden haben - dem Vernehmen nach in Unterföhring. Dort gibt es eine Hochzeitslocation, bei der tatsächlich in jüngerer Zeit eine größere Feier veranstaltet wurde und die auch, wie das Hauptamt der Gemeinde bestätigt, Corona-Fälle nach sich gezogen hat. Unabhängig davon ärgern sich Vogelsang, Pfarramt und Ordinariat über den entstandenen Imageschaden sowie das Gerede am Ort - auch die SZ hat, basierend auf Otts Aussagen, über den Baierbrunner Pfarrsaal als mutmaßlichen Schauplatz der Hochzeitsfeier berichtet.

Was Baierbrunns erst seit einem halben Jahr amtierenden Bürgermeister zudem vorgeworfen wird: dass er die Nationalität der Festgesellschaft öffentlich machte. Ott freilich konstatiert, dass es einen Infektionsfall in der Familie bereits am 27. September gegeben habe und so die Feier im Pfarrsaal am 19. September, bei der besagte Familien teilgenommen hätten, durchaus schon ein erster Infektionsherd gewesen sein könnte. "Die Teilnehmerzahl ist umstritten", so Ott. Eine Hochzeit im größerem Rahmen habe es dann tatsächlich am 26. September in Unterföhring gegeben, und dort könnte sich dann das Virus weiter verbreitet haben. "Wie das alles zusammenhing, werden wir wohl nie ganz genau erfahren", so Ott.

Unabhängig davon gibt es positive Nachrichten: Grundschulrektorin Konstanze von Unold ist negativ getestet und das gleiche Ergebnis gilt für alle Grundschüler, deren Testergebnis vorliegt.

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SZ vom 10.10.2020/hilb
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