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Coronavirus:Eine Hochzeit, 20 Infektionen

Alle Augen auf die Nase: Florian Gundel (links) entnimmt einen Abstrich und die ganze Familie schaut zu.

(Foto: Claus Schunk)

Seit dem Wochenende ist das kleine Baierbrunn bei München ein Corona-Hotspot. Grundschulklassen sind in Quarantäne, Kitas geschlossen und der Sportverein stellt den Spielbetrieb ein.

Von Udo Watter, Baierbrunn

Schlangen wirken seit einigen Monaten länger, als sie eigentlich sind. Zumindest wenn sich die Leute an die Abstandsregeln halten, und das tun sie hier in Baierbrunn am Wirthsfeld zwischen dem Jugendtreff "Postwaggon" und dem Sport- und Bürgerzentrum. Vornehmlich Eltern mit ihren Kindern stehen hier an, um sich testen zu lassen, die Gemeinde hat kurzfristig ein temporäres Testzentrum eingerichtet. An einem Holzpavillon vor dem Eingang des Bürgerzentrums nimmt Kinderarzt Florian Gundel mit seinem Team freundlich und routiniert die Abstriche vor. Manch kleine Probandin ist selbst schon ein bisschen routiniert: "Du bist ja ein echter Profi", sagt Gundel zu einer Schülerin, die schon mal einen Test gemacht hat und folgsam den Mund öffnet.

Die Corona-Testaktion in Baierbrunn ist notwendig geworden, weil der Ort sich in den vergangenen Tagen zu einem Hotspot im Infektionsgeschehen entwickelt hat. Seit dem Wochenende gibt es 20 Neuinfektionen, alle in zwei Großfamilien, einer der Infizierten wird stationär behandelt. Das Mehrfamilienhaus, in dem eine der beiden Familien wohnt, wurde unter Quarantäne gestellt. Beide Familien haben an einer großen Hochzeit im Ort teilgenommen. Betroffen sind mehr als hundert Familien, zwei Grundschulklassen mitsamt Lehrer und Schulleiterin Konstanze von Unold sind in Quarantäne, zudem die Kinder aus der Mittagsbetreuung der Schule, geschlossen wurde auch die Denk-mit-Kindertagesstätte samt Hort. Zudem ist mittlerweile auch der katholische Kindergarten betroffen. Auch der SC Baierbrunn hat den Sportbetrieb gestoppt inklusive Trainingsbetrieb. Die Maßnahme ist zunächst bis zum 11. Oktober begrenzt.

Bürgermeister Patrick Ott (Überparteiliche Wählergruppe), der nach einem Kontakt mit einem Mitglied einer betroffenen Familie selbst zwei Tage in freiwilliger Quarantäne war, beobachtet jetzt, mit Maske im Gesicht, das Geschehen am Wirthsfeld. Er hat inzwischen einen Test mit negativem Ergebnis hinter sich, darf wieder in die Öffentlichkeit und ist stolz auf seinen Bauamtsleiter Patrick Kohlert und dessen Mitarbeiter, die in einem organisatorischen Parforceritt die Teststation mit Einwegführung und Plakaten quasi über Nacht eingerichtet und ermöglicht hatten. "Eine Riesenaktion", so Ott. Möglich geworden ist die auch durch die Kooperation mit Kinderarzt Gundel aus Starnberg, der früher mal in Baierbrunn gelebt hat und nun mit einem Team viele Grundschulkinder und deren Eltern sowie manche Betreuer testet. "Das war eine Ad-hoc-Aktion", sagt der Arzt, der 150 Proberöhrchen mitgebracht hat und von 11.30 Uhr bis in den frühen Nachmittag die Abstriche aus Nase und Rachen entnimmt. "Gott sei Dank regnet es nicht", sagt er. "Und die Leute sind sehr brav", fügt er schmunzelnd hinzu.

In der Tat. Petra Kannt und ihrer Tochter Clara, die in die vierte Klasse der Baierbrunner Grundschule geht, haben gerade den Test gemacht. Die Mutter hat dabei kurz und entspannt geplaudert, die Tochter Süßigkeiten bekommen. "Es hat nur ein bisschen gepiekst", sagt Clara. Petra Kannt lobt die Gemeinde: "Eine sehr gute Aktion. Großflächig und direkt vor Ort." Dass diese Maßnahme notwendig geworden war, weil einige Bürger groß gefeiert haben, sieht sie gelassen: "Solche Fälle wird es jetzt wahrscheinlich öfter geben. Das ist unvermeidlich."

Bürgermeister Ott geht da weniger fatalistisch heran und spricht Klartext: "Gewisse Veranstaltungskonzepte, die gehen derzeit so nicht." Er ist auch deswegen verärgert, weil die Gemeindeverwaltung die Anfrage der Veranstalter der Hochzeit, im Sport- und Bürgerzentrum in diesem Rahmen zu feiern, abgelehnt hatte. Stattgefunden hat die Hochzeit dann im Pfarrsaal, wo dann wohl zwischen 100 und 200 Menschen zusammenkamen. "Spätestens nachdem wir ihnen abgesagt haben, hätten doch die Alarmglocken schrillen können, dass so eine Form der Hochzeit jetzt keine gute Idee ist", erklärt Ott.

Mehrere Stunden lang hat der Arzt Coronatests in Baierbrunn vorgenommen. Die Warteschlange war lang.

(Foto: Claus Schunk)

Die Tatsache, dass er die "Familienfeier", von der Landrat Christoph Göbel zunächst abstrakt sprach, konkretisiert hatte und damit ersichtlich wurde, dass es sich um eine kurdische Hochzeit handelte, wird Ott nun ein wenig vorgehalten. Er habe damit die besagten Familien "an den Pranger" gestellt, heißt es unter anderem. Ott findet indes, dass er "das Kind eben beim Namen" nenne; er wäre aber auch der Erste, der sich vor die Betroffenen stellen würde, falls diese - im Übrigen "bestens integrierte Baierbrunner Bürger", wie er betont - unter Anfeindungen leiden müssten. Was ihn abgesehen davon nicht glücklich stimmt, ist die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt. Dieses habe erst relativ spät die brisanten Informationen weiter gegeben. "Das läuft noch nicht rund."

Die Testergebnisse werden frühestens in drei Tagen erwartet, in fünf Tagen wird zudem noch mal eine Testung vorgenommen. Aber auch wenn diese Tests alle negativ ausfallen, müssen die Betroffenen - vornehmlich Schüler - insgesamt zwei Wochen in Quarantäne bleiben. Eine Regel, die weder den Kindern noch vielen Eltern gefallen dürfte.

© SZ vom 09.10.2020/kast
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