Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Grüne Kraft

Die Programmreihe "Green" im Muffatwerk beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von Naturwissenschaft und Kunst. Dabei entstehen ziemlich lebendige, ein bisschen gruselige oder höchst futurische Kunstwerke.

Von Veronika Kügle, München

Futuristisch, fast unheimlich sieht es in der Muffathalle aus - wie bei der geheimen Vorbereitung einer Mission in unergründete Wasserwelten oder am Filmset eines Science-Fiction-Streifens, in dem Wissenschaftler mit einer Invasion von Aliens rechnen. Doch es ist auffallend still. Nur leise hört man das Surren der Fotobioreaktoren von Thomas Feuerstein, schon an der Eingangstür sieht man eine giftgrüne Flüssigkeit in einem Tank vor sich hin blubbern. Nebendran schwebt mitten im Raum ein U-Boot: Feuersteins "Hydra". Am Boden winden sich leuchtend grüne Schläuche wie überdimensionale Gummischlangen - insgesamt sechs verschiedene Kreisläufe, in denen sich Luftbläschen ein Wettrennen liefern. Befestigt sind sie an einer igelartigen Kugel, die wie ein Bienennest an einer Kette hängt. Dort entsteht schwarze Kohle durch hydrothermale Karbonisierung, "eine Art Schnellkochtopf", wie Kurator Jens Hauser erklärt. Aus seiner "Ernte" presst Feuerstein dann Stifte, mit denen er seine ebenfalls ausgestellten Werke malt.

Die Ausstellungsstücke leben, atmen, bewegen sich. "Living Installations" hat Dietmar Lupfer den Auftakt der Serie "Green" deshalb getauft, der noch bis Donnerstag, 16. September, in der Muffathalle zu sehen ist. Der Geschäftsführer des Muffatwerks sieht die Arbeiten an der "Schnittstelle von bildender und performativer Kunst". Sie sollen Denkanstöße zur Klimakrise geben und sich mit der "Kompensation menschlichen Fehlverhaltens" beschäftigen, erklärt Hauser.

Das lässt sich auch in einem Zeitraffer von Agnes Meyer-Brandis ablesen. Drei Jahre lang wurde hier jede halbe Stunde ein Bild aufgenommen, daneben wird der durchschnittliche Farbwert gezeigt. Ein Wald im Wandel der Jahreszeiten und der Klimakrise rast nur so vorbei, begleitet wird das Ganze von einem Cello, das den abrupt wechselnden Aufnahmen eine zusätzliche Unruhe verleiht.

Wer sich den Geruch des persischen Eisenholzbaums aufträgt, kann mit dem heimischen Ahornbaum nonverbal ins Gespräch kommen

Gemeinsam mit dem Helmholtz Institut hat Agnes Meyer-Brandis von zwei Bäumen die sogenannte VOC-Emission vermessen, einen individuellen Duft - ähnlich wie ein Fingerabdruck. Daraus wurde dann anschließend Parfüm hergestellt. Wer sich also den Geruch des persischen Eisenholzbaums aufträgt, kann mit dem heimischen Ahornbaum vor der Muffathalle nonverbal ins Gespräch kommen. Der Wald-Duft riecht intensiv nach frisch gezupften Blättern, trägt aber auch eine süße Note, die an Marzipan oder Harz erinnert.

Weitere Arbeiten der Kunstschaffenden befinden sich einen Stock höher. Mit energischem Schritt läuft Jens Hauser voraus; seine Begeisterung für das Thema ist ihm deutlich anzumerken. Das Hemd ist mit bunten Blumen bedruckt, seine Füße stecken in elfenhaften Schuhen und neongrünen Socken. Ein Grün, das bis 1775 überhaupt nicht herstellbar war. Der Farbstoff war dann zunächst hochgiftig, viele litten an gesundheitlichen Schäden durch das darin enthaltene Arsen. Impressionisten wie Van Gogh wollten aber unbedingt mit dem satten Grün malen, das nach dem Auftragen nicht verblasst.

Die Ironie dabei: Gerade Van Goghs "Zwölf Sonnenblumen in einer Vase" wären ein Hinweis auf die rettende Kraft der Natur gewesen, die Blume zieht nämlich das Gift aus der Farbe. Dieses Paradox möchte Adam Brown mit einer dreiteiligen Performance demonstrieren. In seinem Labor im ersten Stock stehen Reagenzgläser auf dem Tisch,hier hat er am vergangenen Dienstag das grüne Pigment hergestellt. Damit hat er am Freitagabend eine Tapete bemalt, am darauffolgenden Tag wurde die dann vergraben. Etwas verdutzt blicken die Umstehenden auf einen Kasten gefüllt mit Erde, in dem Sonnenblumen wachsen. Daneben liegt eine Schaufel. "Be part of our funeral", spricht Dietmar Lupfer mit einem Lachen seine Einladung für die Beerdigung aus. Im Hintergrund dröhnt ein wiederkehrender, bedrohlicher Ton - ein Teil der Installation.

Die künstlerische Idee würde bei Brown immer zuerst kommen, erzählt der Intermedia-Künstler, und ihn dann zu allem Wissenschaftlichen antreiben. Ähnlich geht es auch Meyer-Brandis: "Als Künstlerin kann ich ganz andere Fragen stellen, und das ist ja essenziell." Selbst Fragen stellen dürfen Interessierte beim Symposium am Samstag, das von 14 bis 19 Uhr auf Englisch stattfindet. Neben den drei Kunstschaffenden wird auch Jens Hauser dabei sein, ebenso Kuratorin Maya Minder, der Künstler Ewen Chadronnet und Jörg-Peter Schnitzler vom Helmholtz Zentrum München. Falls Adam Browns Sonnenblumen-Installation wirklich gelingt, können Besucher darauf anstoßen - mit Feuersteins klargrünem Algen-Likör, der in einem gläsernen Tintenfischbehälter auf mutige Geschmacksnerven wartet.

Green. Sampling Color - Farbe Vermessen. Living Installations, noch bis Donnerstag, 16. September, Muffathalle, Zellstraße 4, Informationen unter www.muffatwerk.de.

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