Süddeutsche Zeitung

Germany's Next Topmodel 2011:Neues Glück im Backshop

Lesezeit: 6 min

Jana Beller war 2011 "Germany's Next Topmodel" und international gefragt. Dann zermürbt sie der vermeintliche Traumjob, sie sucht nach Alternativen. Am Münchner Hauptbahnhof hat die 24-Jährige eine gefunden.

Von Philipp Crone

Das Topmodel greift zum Messer. Mit einem kurzen Wischer schält die blonde schmale Frau im blauen Pullover einen kleinen Klecks Remoulade aus der Plastikbox, die in den Metalltisch vor ihr eingelassen ist. Sie streicht die Creme über die Innenseite der aufgeschnittenen Laugenstange, dann greift Jana Beller nach drei Scheiben Käse, Schinken und einem Salatblatt, geht an die Rückseite der Auslage, dass ihre grauen Ugg-Boots leicht über den Boden schlurfen, und öffnet die Scheibe zur Vitrine. Dann liegt das Sandwich da, schmackhaft inszeniert.

Remoulade? Schlabberpulli? Ugg-Boots? Die Frau ist doch professionelles Mannequin, Siegerin bei Heidi Klums "Germany's Next Topmodel" (GNTM) von 2011, deren Auch-du-kannst-es-schaffen-Sendung an diesem Donnerstagabend in die zehnte Staffel startet. So sieht das dann also aus, wenn man es geschafft hat? Laugenstange statt Laufsteg? Im funkelnden Weltreise-Traumberuf gescheitert und jetzt im tristen, eintönigen Alltagsjob angekommen?

Doch der Schein trügt, wie so oft in der Modebranche. Davon kann Beller viele Geschichten erzählen. Und je mehr die 24-Jährige von ihren zwei Jahren im Model-Geschäft berichtet, desto attraktiver wirkt auf einmal ihr derzeitiger Beruf. Auch weil sie so unabhängig ist, dass sie jegliche Missstände im Modebetrieb ganz entspannt benennen kann.

Was Bäckerei- und Model-Job verbindet

Wie seltsam muss eine Branche sein, wenn eine junge Frau, die nach kurzer Zeit für Gucci, Prada oder Hugo Boss gelaufen ist, sich zwei Jahre später nach einem ganz anderen Job sehnt? Wobei der in mancher Hinsicht sogar Parallelen hat. Das Aufstehen morgens um fünf Uhr als Franchise-Nehmerin der Kette Backwerk etwa war keine Umstellung. "Ich musste oft mitten in der Nacht irgendwo parat stehen als Model, weil der Fotograf unbedingt dann shooten wollte." Sie modelt jetzt zwar auch noch, aber nebenbei.

Die 24-Jährige läuft durch ihr neues Reich, vorne an den Kaffee-Automaten vorbei, prüft die Auslage, belegt noch ein Ciabatta im Sortiment, dann verknäult sie sich auf ihrem Bürostuhl, die Füße schlingt sie umeinander und ihre Hände zwirbeln die langen blonden Haare hin und her. Das ist ihre neue Welt: selbst beobachten, beaufsichtigen und entscheiden. Nicht mehr nur beobachtet und beurteilt werden. Vereinfacht gesagt war es damals so: Sie ist die Laugenstange, fein drapiert im richtigen Licht. Heute isst sie die Laugenstange. Geschafft? Geschafft.

Wie das vermeintliche Märchen angefangen hat

Beller stammt aus Omsk in Sibirien. Als sie acht Jahre alt ist, zieht die Familie nach Deutschland. Sie ist das jüngste von drei Kindern, jobbt in einem Modegeschäft und macht ihr Abitur, ihr damaliger und heutiger Freund erfährt von dem GNTM-Casting, Beller geht hin, und das Märchen beginnt, das vermeintliche. "Wir waren dann vier Monate zusammen unterwegs und ich war sehr froh, dass ein paar der Mädels ganz normal waren."

Beller gewinnt und wird- vertraglich festgelegt - von der Agentur des Vaters von Heidi Klum vertreten. "Jeder weiß, dass die Verträge, die da gemacht werden, problematisch sind, ich halte sie für sittenwidrig", sagt Beller und knotet ihre Beine fester umeinander. Ihre Agentur besorgte ihr Kunden, doch sie war unzufrieden mit den Jobs, sagte damals: "Kein Mädchen, das dort unter Vertrag ist, macht international Karriere."

Nach wenigen Wochen verlässt sie die Agentur und damit den Klum-Kosmos, sie ist nicht die Einzige. Auch die Finalistin von 2014, Ivana Teklic, ist nun bei Pars, der Agentur des Münchner Mode-Agenten Peyman Amin. Amin, selbst früher Juror bei GNTM, sagt: "Viele Leute sehen in der Sendung Abenteuer, Reisen um die Welt und Spaß in einer Gruppe. Auch in den Trailern wird einem das so schmackhaft gemacht und als Erfolgsstory verkauft. Gerade bei GNTM wird einem die Wahrheit aber ein bisschen verwehrt. Wenn mir jemand sagt, da entsprechen Dinge nicht der Wahrheit, sage ich: Die Wahrheit ist noch viel schlimmer." Beller lernt diese Wahrheit kennen.

Liebe, Verzweiflung und der Beginn einer schwierigen Zeit

Die Realität klingt erst einmal nach einem Traum. Ihre neue Agentur Louisa-Models schickt die damals 19-Jährige nach Mailand. "Bei GNTM wird man permanent hofiert und gefahren, dort war ich auf mich gestellt." Ihr Handy funktioniert nicht am ersten Abend, aber ohne GPS würde sie nie die Treffpunkte für ihre Castings finden. Ihr Freund setzt sich ins Auto, fährt nach Mailand, repariert es und fährt wieder zurück. Das ist Liebe, das ist aber auch ein bisschen Verzweiflung, und der Beginn einer schwierigen Zeit für beide.

Beller rennt die nächsten Wochen durch Mailand, von einem Casting zum nächsten, "bis zu 20 an einem Tag", steht in einer Reihe mit zehn anderen und wartet. Darauf, dass der Kunde die Reihe abschreitet und sagt, welches Model ihm gefällt. "Manche Kunden sind sehr unfreundlich, sagen noch nicht einmal Hallo, und entscheiden sich für eine andere." Beller lacht. Heute. In ihrem eigenen Geschäft.

"Damals quält dich permanent die Frage: Warum gefalle ich ihm nicht? Bis man abstumpft." Von Mailand geht es nach drei Monaten nach Griechenland, dann Kapstadt, Neuseeland, Sydney, London. "Zwei Jahre habe ich schöne Länder gesehen, schöne Menschen, schöne Fotos von mir, und war immer alleine." Zu einem Traumberuf gehört auch, dass man ihn teilen kann, und zwar nicht über Skype. Und nicht mit der Konkurrenz.

"Manche Mädchen, die ich bei Castings getroffen habe, waren 14." Vierzehn. "2013, mit 23, habe ich beschlossen, etwas anderes zu machen." Beller spricht ein bisschen wie Heidi Klum, so flötend heiter, alle Models sind "Mädchen", ob 14 oder 40. "Und es werden immer mehr. Plötzlich wollen alle Model werden", sagt sie. Auch wegen Shows wie GNTM. Model-Agent Peyman Amin sieht diesen Trend ebenfalls, "das kann ich bestätigen". Die Reihen der jungen Frauen, an denen die nicht grüßenden Kunden vorbeigehen, werden länger.

"Manche sagen jetzt, ich sei gescheitert"

"Ich habe in den zwei Jahren 350 000 Euro verdient", sagt Beller. "Aber das Klischee stimmt leider: Wenn ich einen Job will, hilft es, mit dem Fotografen zu flirten." Wollte sie nicht. Was sie wollte, war schnell klar: etwas Berechenbares. Ihr Freund studierte Wirtschaft, sie suchten auf einer Franchise-Webseite, sie investierte das Ersparte aus den beiden Model-Jahren in den Shop am Starnberger-Flügelbahnhof, den sie im Dezember eröffnet haben, zogen nach München. "Manche sagen jetzt, ich sei gescheitert", sagt sie und lächelt. Speisen statt Reisen, Salz streuen statt Rouge pudern. Die Auslage bestücken statt sie selbst zu sein.

Die Ausbildung zum Model dauerte bei Klum vier Monate, die im Backshop einen Monat. "Wir haben die Zubereitung gelernt und das Sortiment." Beller weiß, wie lange eine Pizza in der Auslage liegen darf, bevor sie weggeworfen werden muss, und wie viel Schokosirup auf ein Croissant gehört.

Es wirkt so, als ob sich die junge Frau in klaren Strukturen durchaus wohlfühlt, so lange sie nicht komplett eingeschnürt wird und manches selbst entscheiden kann. Welche Model-Jobs sie annehmen möchte zum Beispiel, denn das macht sie weiter. Diese Woche etwa: Montag bis Mittwoch Shooting, Donnerstag Backshop, Freitag Shooting. "Mein Honorar als Model liegt für einen Tag bei 1400 Euro." Aber Beller weiß: "Ich werde im Laufe der Zeit in dem Beruf immer weniger verdienen." In fast allen Branchen verdient man im Laufe der Jahre mehr, als Model ab einem gewissen Zeitpunkt immer weniger. Eine seltsame Branche eben.

Stetige Grundzufriedenheit im neuen Job

Aber es gab auch schöne Momente, sagt Beller, "eine neue Stadt erkunden, gelungene Bilder von mir sehen". Heute ist es in ihrem neuen Job eine stetige Grundzufriedenheit, die ihr in der Summe mehr wert ist. "Allein, dass ich jeden Morgen zur gleichen Adresse fahre, ist wunderbar."

Amin sagt: "Viele Bewerberinnen denken: Das ist eine große Party, auf der man fotografiert und gut bezahlt wird. Ich habe oft erlebt, dass Models das Geschäft falsch einschätzen." Vielleicht hat Beller das Geschäft falsch eingeschätzt. Vielleicht hat sie aber auch schnell gelernt und gemerkt, worauf es ihr selbst ankommt, nicht den Kunden. Sicher ist, dass das Beispiel Beller nicht ins GNTM-Konzept passt. In Klums Märchenwelt endet eine Modelkarriere nach einer Traumhochzeit mit einem Fußballer, Musiker oder Schauspieler.

Beller entknotet die Beine, geht durch ihr Geschäft, spricht mit den beiden Angestellten und baut eine Ciabatta zusammen, mit vier Minischeibchen Grana Padano. "Jedes Gramm zählt", sagt sie und muss lachen. Noch vor wenigen Monaten hätte dieser Satz etwas anderes für sie bedeutet.

Beller-Bagel mit Diät-Remoulade?

Plakatwerbung mit Beller für ihren Backshop? Beller-Bagel mit Diät-Remoulade? Geht alles nicht in einem Franchise-System mit vorgegebenen Produkten, aber die Frau im Schlabberpulli wirkt darüber nicht unglücklich. Ab und zu schauen ein paar Fans vorbei im Laden und fragen nach einem Foto mit ihr. Die Bilder sind dann natürlich nicht so professionell, wie Beller das gewohnt ist. "Das Licht hier kommt von oben", sagt die Frau, die zwei Jahre lang auf der ganzen Welt ins rechte Licht gesetzt wurde, lächelnd, "genau richtig für die Semmeln."

Jana Beller wird sich die erste GNTM-Sendung der neuen Staffel am Donnerstag ansehen, "ganz gemütlich, mit einem Snack aus meinem Geschäft".

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SZ vom 12.02.2015/infu
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