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Führerschein-Nostalgie in Freising:Mach's gut, alter Lappen

In den kommenden Jahren müssen sämtliche Papierführerscheine gegen solche im Scheckkartenformat umgetauscht werden. Manch einer findet das schade, andere nehmen es emotionslos.

Millionen Menschen in Deutschland müssen in den kommenden Jahren ihre alten Führerscheine gegen den EU-weit einheitlichen Führerschein im Scheckkartenformat umtauschen. Wie viele Menschen im Landkreis Freising davon betroffen sind, sei schwer abzuschätzen, sagt Robert Stangl, Pressesprecher im Landratsamt. Nicht bekannt sei beispielsweise, wie viele Bürger mit einem alten Führerschein zu- oder weggezogen seien. Außerdem seien insbesondere die vor 1999 erteilten Führerscheine nicht erfasst. Viele Bürger hätten bereits gefragt, was der Umtausch für sie bedeute und hätten ihren Führerschein umgetauscht, so Stangl.

Für diesen Umtausch gelten laut ADAC unterschiedliche Fristen. Für bis Ende 1998 ausgestellte Dokumente ist das Geburtsjahr entscheidend. Wer zwischen 1953 und 1958 geboren wurde, hat bis Januar 2022 Zeit, bis 1964 Geborene bis 2023, bis 1970 Geborene bis 2024, alle späteren Geburtsjahrgänge bis 2025. Wer vor 1953 geboren wurde, muss den Führerschein dagegen erst 2033 abgeben.

Für ab 1999 ausgestellte Führerscheine ist hingegen das Ausstellungsjahr entscheidend. Bis 2001 ausgestellte Dokumente müssen bis Januar 2026 umgetauscht werden, bis 2004 ausgestellte bis 2027, bis 2007 ausgestellte bis 2028. Für die Folgejahre verlängert sich die Frist jeweils um ein Jahr. Seit Januar 2013 wird der einheitliche Plastikführerschein verpflichtend ausgegeben.

Der Umtausch muss in der Führerscheinstelle des Landratsamts beantragt werden. Benötigt werden dafür der Personalausweis oder Reisepass, letzterer mit aktueller Meldebescheinigung, ein neues biometrisches Passbild und der alte Führerschein. Wenn der bisherige Führerschein von einer anderen Stelle ausgestellt wurde, sei zudem eine Karteiabschrift der letzten Ausstellungsbehörde notwendig, sagt Stangl. Diese könne eigenständig oder vom Landratsamt angefordert werden.

Der Umtausch kostet laut ADAC etwa 25 Euro. Die Führerscheingültigkeit ist auf 15 Jahre befristet. Das heißt, die ersten neuausgestellten Führerscheine von 2013 sind 2028 schon wieder ungültig. Der alte Führerschein darf behalten werden, er wird jedoch entwertet, also gestanzt. Wer die Frist verpasst, dem droht ein Verwarnungsgeld in Höhe von zehn Euro.

Für den Umtausch rechne man mit einem zusätzlichen Arbeitsaufwand von 50 Prozent, so Stangl. Den Mitarbeitern im Landratsamt kommt zugute, dass viele unabhängig von der Frist bereits den neuen Führerschein bekommen haben. Wer die Fahrerlaubnis verlängert, neue Fahrerlaubnisklassen eintragen lässt oder den Papierschein verliert, erhält bereits den Kartenführerschein. Bei Fahrten außerhalb der EU wird häufig ein internationaler Führerschein benötigt; diesen erhält nur, wer einen EU-Kartenführerschein besitzt, weshalb manche sich vorzeitig vom deutschen Papierführerschein verabschieden mussten.

Wer schon länger einen Führerschein hat, ist gegenüber Jüngeren im Vorteil: Frühere Berechtigungen würden "grundsätzlich in den neuen Führerschein übernommen", sagt Stangl. "Die Betroffenen genießen insoweit Bestandsschutz." Der Gesetzgeber hat die Regelungen einzelner Fahrerlaubnisklassen zwischenzeitlich geändert. So dürfen etwa mit seit 1999 erworbenen Autoführerscheinen nur noch Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von 3,5 statt vormals 7,5 Tonnen gefahren werden. Kleinkrafträder, die bis zu 80 Kilometer pro Stunde schnell sind, dürfen mit einem neueren Autoführerschein nicht mehr gefahren werden.

Andere frühere Regelungen, die modernes Fahren beschränken würden, wurden dagegen ausgeweitet. In Papierführerscheinen ist teilweise noch von der Erlaubnis, eine "Verbrennungsmaschine" führen zu dürfen, die Rede. Dürfen Inhaber eines solchen Führerscheins also kein Elektroauto fahren? Darauf angesprochen, äußert sich ein Sprecher der Polizei Freising erstaunt. "Da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht", sagt er. Die Fahrerlaubnisordnung lege aber fest, dass Führerscheininhaber ein "Kraftfahrzeug" fahren dürfen, eine Formulierung, die das E-Auto einschließe.

Welches Verhältnis haben Menschen in Freising zu ihrem "alten Lappen" und wie gehen sie mit dem Dokument um? Eine Umfrage ergibt: Womit der eine nostalgische Erinnerungen verbindet, darin sieht der andere schlicht ein Stück Papier. Carolin Dümer, Kreisgeschäftsführerin der Caritas Freising, bedauert etwa, dass sie den 1989 erworbenen rosa Lappen nicht mehr hat, seit ihr der Geldbeutel vor ein paar Jahren geklaut worden sei. Wegen des "schönen alten Bildes", wie sie sagt.

Freisings Dekan Peter Lederer sieht im Führerschein dagegen ein Dokument wie jedes andere. Seit 1978 besitze er den grauen Lappen. Wenn der Umtausch anstehe, sagt er, "dann werf ich den weg, da bin ich Pragmatiker". Max Riemensperger vom Freisinger Nachtcafé musste den alten Papierführerschein "schon vor Jahren" notwendigerweise durch den Scheckkartenführerschein ersetzen. Behalten habe er das alte Stück aber, sagt er. Denn: "So etwas hebt man auf, das ist Geschichte, war ja der erste Führerschein."

"Der graue Schein war echt kultig"

Dass man Pässe und Führerscheine umtauschen müsse, "das finde ich traurig, da sieht man das Älterwerden", sagt Fritz Andresen Seine alten Dokumente bewahre er darum alle auf, so der Freisinger, der seit 28 Jahren in der Stadtjugendpflege arbeitet. Am 14. Oktober 1983 habe er den Führerschein ausgestellt bekommen. "Den grauen Schein hab ich aber schon im vergangenen Jahrtausend verloren, ich hab also leider nur noch den rosafarbenen. Der graue war echt kultig." Der rosa Lappen von Fritz Andresen hat seinerseits auch schon 22 Jahre auf dem Buckel. Und das sieht man dem Führerschein an, dass er in die Jahre gekommen ist. "Den kann man kaum noch lesen", sagt Andresen. Die Druckerschwärze von der gegenüberliegenden Seite habe die Schrift schon verfärbt. Ob man ihn anhand des Fotos auf dem Dokument denn überhaupt noch erkenne? "Da erkennt man mich", sagt Fritz Andresen. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Also ich erkenne mich."

"Ich hatte halt noch keine grauen Haare"

Nach ihrem Führerschein gefragt, muss Gisela Landesberger erst einmal ganz herzlich lachen. Ja, sie besitze einen rosafarbenen Führerschein, sagt die Freisinger Erzählerin und Kulturarbeiterin dann. Den Vorgänger, also den grauen Schein, habe sie umgetauscht, sagt sie. Als langjährige Frauenbeauftragte des Freisinger Landratsamts kennt sie sich aus; denn in der Führerscheinstelle, die im Landratsamt angesiedelt ist, wird der Umtausch abgewickelt, erst von grau zu rosa, nun von Papier zu Plastik. Nutzen würde sie den Führerschein im Alltag allerdings nicht, sagt Landesberger. "Ich hab ja kein Auto mehr, ich fahr ja schon seit 30 Jahren mit dem Fahrrad, mit dem Bus und der Bahn." Den Führerschein benötige sie daher nur noch "ab und zu, wenn ich mir ein Auto ausleihe". Seit sie 18 Jahre alt sei, habe sie ihn, sagt die 70-Jährige, also seit 1967. Ob sie auf dem Foto noch erkennbar sei? "Würd ich schon sagen", meint Landesberger, "ich hatte halt noch keine grauen Haare".

"Die Nase ist noch dieselbe"

Der Traum vieler Jugendlicher war früher - und ist es heute teilweise auch noch - der eigene, motorisierte Unterbau. 16 Jahre war Max-Josef Kirchmaier alt, als er am 12. Januar 1973 die Erlaubnis erwarb, durchs Gelände zu brausen, mit einem Moped. Den "grauen Lappen" habe er damals erhalten, erzählt der Vorsitzende der Aktiven City Freising. Im Jahr darauf folgten die Führerscheinklassen 1 und 3, also Motorrad und Auto. 1987 erwarb Kirchmaier außerdem den Lastwagen-Führerschein, "für den Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr Freising", wie er sagt. Derzeit führe er das Nachfolgemodell, den "rosa Lappen", mit sich. Auf seinem derzeitigen Führerscheinfoto von 1987 trägt er einen Mittelscheitel und einen Schnauzbart. Ob er sich, mit Blick auf das Führerscheinfoto, in der Zwischenzeit optisch verändert habe? "Selbstverständlich nicht", sagt der 63-Jährige bestimmt. Den Schnauzer trägt er zumindest heute noch. Gut, sagt Kirchmaier, sein Haar sei nicht mehr ganz so dicht. "Aber die Nase ist noch dieselbe."

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SZ vom 24.08.2019
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