Süddeutsche Zeitung

VR-Filme:Ich bin dann mal weg

Im Isarforum locken an drei Festivaltagen die "Virtual Worlds". Schwer bebrillte Besucher können hier VR-Filme erleben.

In fremde Welten eintauchen zu können, das ist ein Versprechen, das das Kino seit mehr als 100 Jahren gibt. Für die perfekte Illusion nutzt es dabei Mittel wie Dunkelheit, Surround-Sound oder die wiederauferstandene 3D-Technik. Nachdem deren Boom-Phase gefühlt wieder vorbei ist, steht mit der Virtual Reality (VR) die nächste Illusionstechnik am Start. Wobei "am Start" nicht ganz stimmt. Der erste Entwurf für ein VR-System stammt aus dem Jahr 1956. Nur war die Technik lange Zeit nicht ausgereift. Erst seitdem es schnelle Rechner, hochauflösende digitale Kameras und mit der 2016 veröffentlichten "Oculus Rift" ein leistungsstarkes VR-Headset gibt, ist die totale Immersion möglich, das heißt: die Erfahrung des kompletten Eintauchens in eine virtuelle Welt.

Was speziell in puncto Erzählung damit möglich ist, das sollen beim Münchner Filmfest die "Virtual Worlds" zeigen: Ein internationaler Wettbewerb für narrative VR, der von Astrid Kahmke, der Kreativ-Direktorin des Bayerischen Filmzentrums, kuratiert wurde. 35 Arbeiten aus Ländern wie Deutschland, Frankreich, Kanada oder China hat Kahmke ausgewählt, die vom 2. bis zum 4. Juli im Isarforum zu sehen oder besser: erlebbar sein werden. Für den Nutzer (vom Zuschauer spricht man hier ja nicht) bedeutet das, dass er in online buchbaren 20-Minuten-Slots in die Eiswelt von Grönland oder eine Zombie-Welt eintauchen, auf den Mond, den Mars oder ins Zeitalter der Dinosaurier reisen kann. Er kann mit Caspar David Friedrichs Mönch aufs Meer hinausblicken ( Monk By The Sea) oder einer Aufführung des Cirque du Soleil beiwohnen. Einen Schwerpunkt bilden Arbeiten aus Frankreich. Außerdem ist dem preisgekrönten Studio Felix & Paul aus Montréal eine Retrospektive gewidmet. Die Künstler und Produzenten des Studios werden in München anwesend sein und sich am 3. Juli in der Gasteig-Lounge am "Professional Day" präsentieren: Einer Fachveranstaltung mit Vorträgen über aktuelle VR-Projekte. Am 2. Juli, 10 Uhr, findet im Isarforum die offizielle "Virtual Worlds"-Eröffnung statt, deren Besuch nur auf Einladung möglich ist. Und am 4. Juli ist um 20.30 Uhr im Ampere die öffentliche Preisverleihung, mit Party.

Wer den Wettbewerb gewinnt, den das Filmfest zusammen mit dem Bayerischen Filmzentrum und weiteren Partnern präsentiert, darüber werden Myriam Achard (Kuratorin Virtual Reality Phi Center Montréal), Colum Slevin (Head of Media für AR/VR Experiences bei Facebook, San Francisco) und Chloé Jarry (Gründerin und CEO Lucidrealities Studio, Paris) als Juroren entscheiden. Und vielleicht zeigen sie mit ihren Urteilen auch ein Stück weit an, in welche Richtung es mit der VR weiter geht, ob sich dokumentarische oder fiktive Stoffe besser eignen. Denn auch wenn "Virtual Worlds" im Rahmen des Filmfests stattfindet: Ein Kinosaal ist für das Kopfkino der VR nicht nötig. Zudem taucht man in die virtuellen Welten in den meisten Fällen (noch) alleine ein. Und man kann sich fragen, ob durch den "Einschluss" in die virtuelle Welt nicht die kritische Distanz verloren geht. Dafür sind durch Aspekte wie Interaktion, den Einbezug körperlicher Aktion ganz neue Dinge möglich, die über das "passive" Kino-Erlebnis hinausgehen. Über all das nachzudenken, lohnt sich. Und die "Virtual Worlds" können ein Anstoß sein.

Virtual Worlds, Di. bis Do., 2. bis 4. Juli, Isarforum, Ludwigsbrücke, Infos und Anmeldung unter virtualworlds-munich.com

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Quelle:
SZ vom 27.06.2019
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