Süddeutsche Zeitung

Künstlerin aus Grafing:Gipfelstürmerin

Judith Rautenberg aus Grafing begeistert mit Video- und Lichtinstallationen. Nun wurde sie mit einem Stipendium sowie einem bemerkenswerten Ankauf ausgezeichnet.

Von Anja Blum

Ein Leben mit und für die Kunst ist ein Abenteuer. Das weiß Judith Rautenberg nur zu gut. Auch die Ex-Grafingerin hat schon viele Durststrecken erlebt, eine besonders schwere zuletzt wegen der Coronapandemie. Doch das Tal scheint durchschritten, und nicht nur das: Rautenberg erklimmt gerade einen Gipfel nach dem anderen. Erst kaufte die Bundeskunstsammlung eine ganze Fotoserie von ihr an, dann bekam sie obendrein das Thüringer Landesstipendium für Bildende Kunst. "Ich kann's immer noch nicht glauben", sagt Rautenberg, überglücklich. "Jetzt ist meine Arbeit mit Werken von Joseph Beuys, Gerhard Richter und Andreas Gursky in derselben Sammlung. Nach der aktuellen alphabetischen Reihenfolge stehe ich gleich unter ,Rauch, Neo'!"

Ein Ritterschlag also, zu dem man der 39-jährigen Videokünstlerin nur gratulieren kann. Aber nicht weniger wichtig ist das Stipendium, denn dieses ermöglicht Rautenberg ein Jahr lang relativ sorgenfreies Schaffen. "Ich genieße es sehr, dass ich gerade meine ganze Energie in die Kunst stecken kann", sagt sie. Denn kreativ zu sein, dazu brauche es dringend Raum, Zeit und Freiheit im Kopf. Zuletzt erlebt hat das Rautenberg in ihrer Heimat, im Landkreis Ebersberg: Sie gehörte zu jenen zwölf Stipendiaten, die unter dem Dach des Moosacher Meta Theaters mehrere Monate frei forschen durften. Sprich: einer Idee, einem künstlerischen Ansatz nachgehen konnten, ohne irgendein vorführbares, abschließendes Ergebnis abliefern zu müssen. "Mit den Mentoren und regelmäßigen Werkabenden war das ein grandioses Konzept", sagt Rautenberg. "Dieser persönliche Austausch hat mich durch diese Corona-Monate getragen."Außerdem habe sie das freie Forschen sehr genossen, denn in ihrem Genre, etwa bei Lichtkunstfestivals, müsse oft alles lange vorher bis ins Detail feststehen. "Aber solch enge Fesseln bergen die große Gefahr, dass wir uns ständig selbst wiederholen. Dabei geht es in der Kunst doch darum, immer wieder Neues zu entdecken." Deshalb wolle sie sich auch für die zweite Ausgabe der "Take-care-Residenzen" am Meta Theater bewerben, diesmal zusammen mit einer Tänzerin. Raum, Licht, Bewegung - um diese spannende Trias soll es gehen.

Neues entdecken: Das war schon früh Judith Rautenbergs Wunsch. In Grafing aufgewachsen, habe sie die weite Welt sehen wollen, auch das Interesse an Kunst sei schon immer da gewesen. Doch der Weg dorthin war erst noch unklar. Also studierte sie ein paar Semester Ethnologie, Philosophie und Religionswissenschaft in München, arbeitete nebenher als fotojournalistische Assistentin und reiste dann vier Jahre durch Asien. "Danach habe ich mich aber wieder gefragt: Was jetzt? Ich konnte nicht gut zeichnen und malen, also schien mir ein Kunststudium das Falsche zu sein."

Durch einen Zufall landete Rautenberg schließlich bei der Bauhaus-Universität in Weimar. Dort gebe es keine Fachklassen, erklärt sie, sondern ein freieres Projektstudium, in dem man diverse Professoren und Medien kennenlerne, von der Bildhauerei über Illustration bis zum Video. "Schon als ich die Bewerbungsmappe dafür fertig gemacht habe, war klar: Ich will die Kunst zu meinem Beruf machen", erzählt Rautenberg. Am Ende blieb sie bei den Lichtinstallationen hängen - und diese wurden immer größer. Mit ihrer Diplomarbeit "In the Desert" bespielte die Studentin einen Gärkeller von rund 500 Quadratmetern - und merkte: "Das ist meins!" Zwar habe es auch später noch Phasen der Selbstzweifel und des Suchens gegeben, vor allem, wenn viele Bewerbungen mit Absagen quittiert wurden, "aber da bin ich immer wieder durch- und gestärkt daraus hervorgegangen." Heute wisse sie: Für Absagen gebe es viele unterschiedliche Gründe. "Das muss nicht bedeuten, dass meine Arbeit schlecht ist."

Direkt nach dem Studium, 2016, machte sie sich selbständig, sie arbeitet seitdem als freie Videokünstlerin und Fotojournalistin in Weimar. Eine Rückkehr in die bayerische Heimat, der sie immer noch sehr verbunden ist, komme schon allein aus finanziellen Gründen nicht infrage: "Hier in Weimar kann ich mit meiner Kunst eine Wohnung und ein Atelier bezahlen", erklärt sie. "Ein Luxus, der im Landkreis Ebersberg wohl nicht möglich wäre." Genügend Platz für ihre Kunst aber ist der 39-Jährigen wichtig, da hat sie auch gar keine Wahl, schließlich arbeitet sie mit Licht im Raum, und auch wenn zum Beispiel Papier ins Spiel kommt, wie bei ihrem aktuellen Projekt, wird es schnell großformatig. "1,40 auf 1,40 - da hätte man in einer Wohnung wohl schon Probleme."

Charakteristisch für Judith Rautenberg ist, dass sie immer nach medialen Grenzüberschreitungen sucht. "Ich habe schon Fotos mit einer Audiospur kombiniert und Skulpturen sprechen lassen", erzählt sie. Heute schafft sie begehbare, "immersive" Installationen, die Fotografie, Video und Audio miteinander verknüpfen und Mensch, Licht sowie Raum in Beziehung zueinander setzen. Meist nehmen die Werke direkt Bezug auf ihre Umgebung, schließlich versteht Rautenberg ihre Kunst als eine Form der Kommunikation, als einen Tanz mit dem Raum. Werden ihre Arbeiten woandershin übertragen, ergibt sich allein durch diesen Ortswechsel oft eine völlig andere Installation. Mal ist eine Wand der Bildträger, Mal Holz, mal Kunstnebel. Mal spielt Rautenberg mit geometrischen Figuren, mal inszeniert sie einen Herbstwald, mal schreibt sie einzelne Worte in den Raum. Das Bild- und Tonmaterial dazu stammt dabei stets von ihr selbst, "denn das frei verfügbare passt meistens nicht". Motiv, Schnitt, Effekte - da geht diese Künstlerin keine Kompromisse ein.

Letztendlich pflegt Judith Rautenberg einen durchaus philosophischen Zugang zur Kunst: "Alles ist zirkulärer Austausch", sagt sie. Der Mensch präge den Ort und umgekehrt. Auch sie als Künstlerin sei Teil dieser Wechselwirkung, die sie in ihren Arbeiten erforschen und reflektieren wolle. "Meine Themen, haben immer etwas mit dem Menschsein an dem jeweiligen Ort zu tun." Mal geht es um Netzwerke, mal um Wachstumsprozesse, mal um Erinnerungen. "Im Mittelpunkt steht immer der betrachtende Mensch mit seinen multisensorischen Wahrnehmungsfähigkeiten." Diese bewusst zu machen, sei das Ziel. Doch was sich kompliziert anhören mag, möchte Rautenberg auf eine sehr unmittelbare, intuitive Weise vermitteln: Die körperliche Erfahrung ihrer immersiven Installationen biete dem Betrachter einen sensorischen Zugang zum Konzept. "Dieser geht über das rein intellektuelle Verständnis von Kunst hinaus und ermöglicht so zum Beispiel auch Kindern den Zugang zur Kunst. Wir sind Körper und Intellekt."

Auch die Jury des Thüringer Landesstipendiums überzeugte Rautenbergs "Einladung, Herausforderung oder vielleicht gar Forderung" an den Betrachter, sich der eigenen Wahrnehmung, ihrer Filterung, Bedeutung, Bewertung und damit ihrer Folgen bewusst(er) zu werden, sie zu hinterfragen und schulen." Die Art und Intensität unserer Wahrnehmung bestimme unseren Umgang mit der Welt, was Judith Rautenbergs künstlerischem Ansinnen auch eine politische Dimension verleihe. Außerdem lobt die Jury "die inhaltliche, multimediale und ästhetische Kraft ihrer bisherigen Projekte und die überzeugende Idee ihres Jahresvorhabens für 2021".

Dieses Vorhaben trägt den Titel "Papercuts in neuem Licht" und ist ebenfalls multidisziplinär, es verbindet alte und neue Medien. Da der Corona-Shutdown keine Kunst im öffentlichen Raum zulässt, erfindet sich Judith Rautenberg neu, indem sie zunächst vom Makro- in den Mikrokosmos künstlerischer Produktion wechselt und mit dem traditionellen Scherenschnitt experimentiert. Der soll in verschiedenen Formen mit Licht zusammenspielen und eine Beziehung zum Raum eingehen und dort "Nervengeflechte" abbilden. "Meine Idee ist, die Papercuts zu reduzieren und als Architekturersatz zu nutzen", erklärt die Künstlerin. "Aber das alles ist ein langer Prozess."

Rautenbergs Fotoserie, die nun zur Bundeskunstsammlung gehört, heißt übrigens "Produktion. Ein Essay über Mensch und Raum" und ist entstanden in einer stillgelegten Porzellanfabrik in Lichte, Thüringen. Doch der Künstlerin geht es hier nicht bloß um den morbiden Charme des Verfalls sogenannter Lost Places, sondern um ein inhaltliches Konzept: "Das Porzellan war in Lichte eine lange, große Kulturtradition, hier sind ganze Familienidentitäten verloren gegangen", sagt sie. Diesem schweren Verlust wolle sie mit ihren fast sterilen Stillleben aus der Fabrik Ausdruck verleihen.

Fest steht also: Judith Rautenberg ist eine Künstlerin mit viel Empathie, Neugier und Experimentierfreude im Herzen. Lauter Eigenschaften also, die es braucht, um das Abenteuer Kunst bestens zu bewältigen. Insofern wird es vermutlich nicht lange dauern, bis sie den nächsten Gipfel erklimmt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5401318
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.09.2021
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.